Geistliches Leben

Mittwoch, 12. Juni 2019

Aggiornamento, jetzt und immer

Gedanken zum Johannes-Evangelium 16, 12–15 von Diplom-Theologe Klaus Haarlammert

Abschied zu nehmen ist nicht leicht, auch nicht für Jesus und die Jünger. Jetzt aber ist es soweit, unwiderruflich. Trauer und Schmerz erfüllt die Jünger, sie sind bedrückt und niedergeschlagen, ergriffen noch von dem bewegenden Zeichen der Fußwaschung, erschüttert von den Vorhersagen von Verrat und Verleugnung. Angst schnürt ihre Seele ein. Da tut es gut, dass Jesus sie tröstet. Die Verheißung, dass er sie nicht allein zurücklässt, sondern den Geist als Beistand und Begleiter sendet, macht Mut. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Johannes-Evangelium 14,1).

Das gilt auch uns, nur bewegt uns kein Abschiedsschmerz, keine Angst vor vermeintlicher „Jesus-Ferne“, eher das Gegenteil: Wir vermissen ihn kaum, wir wissen nicht mehr um die unabdingbare Bedeutung seiner Botschaft, um ihre absolute Notwendigkeit für unser Leben. Das gehört zu der existentiellen Krise, die uns heute bis ins Mark erschüttert.

Da treffen die Worte Jesu im Evangelium an diesem Sonntag. Wir müssen genau hinhören und zusehen, damit sie nicht zur bloßen „Sonntagsrede“ verkommen, sondern ihre „Alltagstauglichkeit“, ihre Prägekraft für unser Leben entfalten. Jesus wusste, dass Krisen kommen würden, doch hätte er jetzt davon gesprochen, die Jünger hätten es nicht ertragen und gleich alles drangegeben. Dies gilt über sie hinaus für die ersten Gemeinden, für alle Gemeinden und für die ganze Kirche bis heute: Auf jede wie immer geartete Krise, die jetzt über sie kommt, muss auch jetzt geantwortet werden. Dazu hat Jesus den „Geist der Wahrheit“ als Beistand gegeben, der „euch in der ganzen Wahrheit leiten wird“, nicht nur die Jüngern damals, sondern allen folgenden „Jüngern“ in der Zeit nach seinem Abschied, die bis heute dauert.

Jesus lässt auch sein Werk nicht unvollendet zurück, im Gegenteil: „Bis zur Vollendung“ liebte er die Seinen: „Es ist vollbracht“ (Johannes-Evangelium 13,1; 19,30). Seine Offenbarung ist keine unvollendete, seine Wahrheit keine halbe oder begrenzte. Jesus hat die volle, ganze Wahrheit offenbart. Wenn der „Geist der Wahrheit“ nun „in der ganze Wahrheit leiten wird“, offenbart er nicht Neues, Anderes, das zur Offenbarung Jesu hinzukommt und sie vollenden müsste, sondern er hilft, die Wahrheit, die Jesus offenbarte, im jeweiligen Hier und Jetzt zu verstehen und zu leben: Er „wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört“. Und „er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden“. Das heißt: Jesus hat alles gesagt und offenbart, jetzt führt der „Geist der Wahrheit“ ins Verstehen dessen, was jetzt notwendig ist.

Jetzt geht es darum, das, was Jesus offenbarte, in seinem ganzen Gehalt immer besser und tiefer zu verstehen und zu übertragen auf die jetzige Situation der Jünger und Jüngerinnen, der Gemeinde, der Kirche. Noch einmal anders gesagt: die Wahrheit, die Jesus verkündete, „anzuwenden“ in den jetzigen Erfordernissen, die „die Welt“, die Menschen, die Gesellschaft(en) stellen. Dabei stehen nicht etwa moralische oder ethische Normen im Vordergrund, vielmehr betrifft dies die Haltung und das Verhalten der Christen, der Gemeinden, der Kirche inmitten der „Welt“. Das bedeutet, wie Jesu „alte“, unverändert und ewig gültige Wahrheit jeweils „neu“ zu verkünden, wahr zu machen und zu verwirklichen: Wie wir hier und jetzt dieser Wahrheit gemäß leben, wie wir aus ihr heraus handeln, wie wir die Offenbarung – die Worte, die Lehre – Jesu der „Welt“ darbieten, sie wahrheitsgerecht „aus-legen“. Letztlich ist der Ursprung der Wahrheit, der Offenbarung, der Lehre, die Jesus brachte, Gott, der Vater, selbst: Jesus hat auch nichts anderes verkündet, als das, „was der Vater hat“ und was „mein ist“, weil er und der Vater eins sind und Jesus alles von dem nimmt, was seinem Vater gehört (Johannes-Evangelium 10,30; 5,19–30 und öfter). Der „Geist der Wahrheit“ also zeigt uns letztlich den Willen Gottes, den Jesus uns geoffenbart hat: wie wir immer hier und jetzt ihn und nach ihm leben sollen.

Aggiornamento nannte Papst Johannes XXIII. dies als Sinn und Aufgabe des Zweiten Vatikanischen Konzils, ja der Kirche insgesamt und jedes einzelnen Gläubigen: „Verheutigung“, lebendige und verantwortende „Verheutigung“ der immer unveränderten, unwandelbaren Wahrheit des Glaubens unter der Führung des „Geistes der Wahrheit“, unter die sich immer zu stellen ist: Nicht in jedem „Geistesblitz“ wirkt der „Geist der Wahrheit“ schon aggiornamento. Und Anpassung oder gar Anbiederung, wie aggiornamento übelwollend kolportiert wurde und wird, ist genauso nicht gemeint, sondern Prüfung, Unterscheidung der Geister, aufmerksames Hören, achtsames Schauen auf den „Geist der Wahrheit“, der uns dahin führt, die durch Jesus von Gott her geoffenbarte Wahrheit des Glaubens jetzt und nach den heutigen Ansprüchen zu verkünden und zu leben. Dazu ist vor allem ein zutiefst historisches Denken, auch im Umgang mit der Heiligen Schrift, notwendig, das gewachsene Tradition(en) als das wertet, was sie sind, und eben nicht als unveränderliche ewige Wahrheiten. In dieser bleibenden Verheißung des Geistes ist dies zugleich dauernde Verpflichtung und Verantwortung. So ist das Evangelium dieses Sonntags lebendiger, aktueller denn je.

(Diplom-Theologe Klaus Haarlammert)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Klaus Haarlammert
 
12. Juni 2019

Aggiornamento, jetzt und immer

Gedanken zum Johannes-Evangelium 16, 12–15 von Diplom-Theologe Klaus Haarlammert


05. Juni 2019

Das Licht Jesu wiederentdecken

Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–23 von Pastoralreferent Thomas Stephan


Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren