Geistliches Leben

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Alles aufgeben?

Jesu Worte sind sehr hart, aber am Ende steht doch ein Trost – Gedanken zum Markus-Evangelium 10, 17–27 von Pastoralreferent Martin Wolf

Ob wir das Evangelium wirklich immer als „Frohe Botschaft“ lesen? Manchmal hängt das wohl von den eigenen Lebensumständen ab. Dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr passen soll, als ein Wohlhabender ins Reich Gottes klingt in einem reichen Land wie dem unsren ja nicht unbedingt aufbauend. Und für all die Christinnen und Christen, die sonntags in blitzenden Mittelklassewagen zum Gottesdienst vorfahren, um den Worten eines armen Wanderpredigers aus Galiläa zu lauschen, sind Sätze wie dieser sicher auch kein Anlass für Begeisterungsstürme.

Doch der Reihe nach. Das Ansinnen des unbekannten Mannes, der Jesus da in den Weg tritt, ist vielen Gläubigen sicherlich nicht fremd: Wie kann das klappen mit dem ewigen Leben? Und was muss ich selber dafür tun? Die Antwort Jesu erscheint naheliegend und auch überraschend einfach. Er zitiert das vierte bis zehnte der Zehn Gebote, den sogenannten Dekalog. Dieser war jedem gläubigen Juden bekannt und findet sich im fünften Buch der hebräischen Bibel (Deuteronomium 5,6­–20). Die grundlegenden Gebote eins bis drei scheinen ihm, dem gläubigen Juden, ohnehin selbstverständlich zu sein. Auf einen Nenner gebracht: Das ewige Leben in Gottes Nähe ist dir gewiss, wenn du dich darum bemühst, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen!

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Selig lächelnd könnte der unbekannte Mann nun weiterziehen, doch die Antwort Jesu reicht ihm offenkundig nicht. All das macht er schließlich schon seit Kindesbeinen an und scheint sich doch nicht sicher zu sein, ob es am Ende tatsächlich reicht. Er will mehr. Dieser Wunsch nach „Mehr“ bleibt freilich diffus. Sucht er mehr Sicherheit? Absolute Gewissheit? Etwas größeres als das „ewige Leben“?

Jesus greift seine Zweifel auf – und lädt ihn ein ins Reich Gottes. Nun geht es plötzlich nicht mehr um einen Platz im Himmel am Ende der Tage. Es geht ums Hier und Jetzt. Um die Frage, wie jenseits eines moralisch einwandfreien Lebens das Reich Gottes für ihn schon heute gegenwärtig werden kann. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so leicht, sondern wird für diesen suchenden und fragenden Mann zu einem unüberwindlichen Problem: „Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen.“ Ihm wird klar, dass er diesen steilen Anspruch nicht erfüllen kann. Tieftraurig verlässt er die Szene.

Der Aufruf zur Nachfolge ist von Jesus hier wortwörtlich gemeint. Er lädt den Mann ein, sich seiner Jüngerschar anzuschließen. Seine engsten Begleiter hatten ihr bürgerliches Leben alle aufgegeben, so wie Jesus selbst. Hatten ein bescheidenes Leben in relativer Sicherheit eingetauscht gegen das Leben eines mittellosen Wanderpredigers. Nur so war es möglich, die radikale Botschaft, die Jesus in seiner Predigt verkündete, auch radikal zu leben. Gottes Herrschaft, so waren sie überzeugt, stand sowieso unmittelbar bevor. Eine extreme Lebensform, die später christliche Bettelmönche vom Schlage eines Franz von Assisi noch einmal faszinierend mit Leben erfüllten. Es liegt auf der Hand, dass die Fallhöhe dabei umso größer wird, je mehr Besitz und finanzielle Sicherheiten ich angehäuft habe. Die Entscheidung des Mannes im Evangelium, ich kann sie gut nachvollziehen.

Die radikale Lebensform, die Jesus für sich und seine Getreuen gewählt hat, wäre allerdings auch nicht denkbar gewesen ohne die Unterstützung der anderen. Selbst seine aufwändige Bestattung in einer Grabhöhle wurde ja ermöglicht durch Josef von Arimathäa, einen reichen Anhänger. Nein, Jesus war kein Reichenhasser und Wohlstand für ihn nichts grundsätzlich Schlechtes. Das zeigt sich auch hier, in der Begegnung mit diesem wohlhabenden Mann, den „er liebte“. Dennoch ist für Jesus klar, dass die innigste Bindung an Gott, in der ich all mein Vertrauen auf Gott setze, nur möglich wird, wenn ich mich frei mache von irdischen Abhängigkeiten. Von familiären Bindungen ebenso wie von Vermögen und Besitz. Je mehr das alles mein Leben beherrscht, umso weniger offen werde ich sein – für die Mitmenschen und für Gott.

Eine Radikalnachfolge in diesem Sinne ist freilich nur den Wenigsten gegeben. Für uns andere gilt der Satz: „Du kennst doch die Gebote!“ Alles Weitere liegt in Gottes Hand. Das ist letztlich dann doch irgendwie tröstlich.

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