Geistliches Leben

Mittwoch, 24. Juni 2020

Aufatmen bei Jesus

Gott schenkt neue Lebenskraft

Das Zeugnis Jesu fordert uns auf, Menschen am Rande zu helfen, nicht nur durch anonyme Spenden, sondern auch durch menschliche Zuwendung. (Foto: actionpress)

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken!“ Diese Einladung Jesu – man nennt sie auch „Heilandsruf“ – erscheint beim ersten Hören ideal für die Ferien- und Urlaubszeit zu sein, wenn viele „reif für die Insel“ sind.  Aber die Einladung Jesu meint mehr als eine Verschnaufpause. Sie meint den Ruf in die Nachfolge. Der Einladung vorangestellt ist ein Lobpreis Gottes, der verquickt ist mit einer Kritik an „den Weisen und Verständigen“, den Gesetzeskundigen: „Ihr seid gefangen in euren Vorstellungen und Gesetzesvorschriften. Sie verstellen euch den Blick auf den immer unerwartet anderen Gott. Die ‚Unmündigen‘, die religiös Ungebildeten, tun sich da oft leichter.“
Jesus war mit seiner Botschaft in Galiläa weitgehend auf Unverständnis gestoßen, besonders bei denen, die religiös das Sagen hatten, den Pharisäern. Obwohl er dort so viele Wunder getan hatte, waren es nur wenige, die sein Wirken ins Herz traf. Jesu Botschaft war ja auch für religiöse Ohren ungeheuerlich: „Wer mich sieht, sieht den Vater“, formuliert es das Johannesevangelium (Joh 14,9). Das kommt einer Gotteslästerung gleich.
Die Menschen am Rande der Gesellschaft, die Verachteten und Ausgegrenzten, haben es als erste gespürt. Der blinde Bartimäus, der sich durch die Menschenmenge kämpft: „Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner“, die blutflüssige Frau, die wenigstens den Saum seines Gewandes berühren will, Zachäus, der Zöllner und Sünder, der Jesus von ferne zu sehen versucht und wider alles Erwarten von ihm in eine neue Gemeinschaft hineingezogen wird: Sie alle spüren in der Begegnung mit dem Wanderprediger aus Nazaret das Geheimnis einer Gegenwart, die sie aufrichtet, sie heilt und befreit. Denen, die sich ihrer Antworten so sicher sind, bleibt die Offenbarung Jesu verborgen.
Es ist ein Problem der Frommen durch alle Zeiten, dass Gott oft nicht in den festen, erwarteten Bahnen kommt. Die Klugheit der Welt, auch religiöse Schemata und Sichtweisen haben den unerwartet anderen Gott in Jesus nicht wahrgenommen. Jesus hat seine Jünger immer wieder überrascht, indem er mit den falschen Menschen in den falschen Häusern (nämlich den von Sündern) aß, indem er sich mit den falschen Leuten (nämlich Zöllnern, Ehebrecherinnen, Prostituierten, Aussätzigen) abgab und indem er Leute am falschen Tag (nämlich am Sabbat) heilte. Er handelte, wie es die Situation erforderte. Dadurch fiel er immer wieder aus dem Rahmen der Gesetzesvorschriften.
Den Armen und Kleinen, den „Unmündigen“, aber offenbart sich, als Ahnung vielleicht nur, als Ergriffenheit, das Geheimnis Jesu. Sie spüren, dass in ihm etwas Neues und Unerwartetes auf sie zukommt, schwer zu fassen und auf den Begriff zu bringen. In seiner Zuwendung, so empfinden sie es, berührt sie tatsächlich der „Ganz-Andere“ und ist für sie da.
„Was willst du, das ich dir tun soll?“, fragt Jesus immer wieder die Bedürftigen, die zu ihm kommen und Heilung erhoffen. Und indem er sie sich aussprechen lässt, sich ihrem Kummer ganz öffnet, gibt er ihnen die Würde zurück, die sie trotz allem, was geworden ist, unverlierbar besitzen.
Jesus will mit seinen Worten und Taten, mit seinem Leben, einen Gott offenbaren, der den Menschen zugewandt ist, der sie wahrnimmt und hört. Er teilt die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen, ist Gast auf der Hochzeit zu Kana und weint am Grab seines Freundes Lazarus. Er lässt sich betreffen von der Not seiner Zeit.
Jesus ist immer ein zweifach Hörender: hörend auf Gott, den er Vater nennt, und hörend auf die Not der Menschen. Er wird ganz Ohr für sie und offenbart ihnen dadurch Gottes Zuwendung. So können sie „Ruhe finden für ihre Seele“. Das meint nicht Selbstsicherheit aufgrund eigenen Wissens und eigener Anstrengung, sondern vertrauende Geborgenheit in Gott und Mut, durch alle Mühsal und Last des Lebens hindurch, ihm entgegengehen. Die wahren Weisen sind diejenigen, die von innen her das Geheimnis Jesu verstehen und in seine Fußstapfen treten.
Der Name „Jesus“ bedeutet: „Gott rettet“ oder frei übersetzt: „Gott lässt uns aufatmen, lässt uns zu neuer Lebenskraft kommen.“ Deshalb: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“ Der Sonntag könnte in diesem Sinne regelmäßiger Kurzurlaub sein.

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