Geistliches Leben

Mittwoch, 05. Juni 2019

Das Licht Jesu wiederentdecken

Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–23 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Schwester Beatilla war für mich eine Seele von einem Menschen. Sie gehörte als Dominikanerin dem Institut St. Dominikus in Speyer an und war als „Sakristeischwester“ in meiner Heimatkirche St. Maria Magdalena in Roxheim tätig. In dieser Funktion kümmerte sie sich in meiner Kindheit und Jugend um alle Belange, die mit den Gottesdiensten meiner Heimatgemeinde zusammenhingen. Ihre äußerlich kleine und zierliche Gestalt strahlte für mich dennoch eine solche Größe und Würde aus, wie sie mir in meinem späteren Leben nur ganz selten begegnet ist. Still, zurückhaltend, niemals laut oder aufbrausend versah sie treu und aufopfernd bis ins hohe Alter ihren Dienst. Wir als Messdiener begegneten ihr mit großem Respekt und es wäre uns nie in den Sinn gekommen, einer Bitte oder Aufforderung von ihr nicht zu entsprechen. Zusammen mit ihren Mitschwestern, Schwester Rosalinde und Schwester Edwina, prägte sie über viele Jahre mein Bild von Kirche. Rückblickend kann ich nur sagen, dass ich nicht weiß, ob ich meinen Weg in und mit der Kirche in dieser Weise eingeschlagen hätte, wenn ich nicht Schwester Beatilla hätte erleben dürfen. Wahrscheinlich geht es in diesem Punkt vielen so, die mit der Kirche verbunden sind, dass sie auf ihrem Lebensweg solchen besonderen Menschen begegnet sind, die auf ihre je eigene Art, glaubwürdig gewirkt haben.

An Pfingsten, dem Geburtstagsfest der Kirche, können wir dankbar auf die unzähligen Vorbilder schauen, ohne die es die Kirche bis heute nicht gegeben hätte. Jedoch fühlt sich für mich der diesjährige Geburtstag düsterer an, als vielleicht jemals zuvor. Der Blick auf die Abgründe, die von kirchlichen Mitarbeitern und Würdenträgern begangen, verheimlicht oder vertuscht wurden, bringt viele Kirchenmitglieder an und über ihre Belastungsgrenze. Auch wenn so mancher schon wieder gereizt und genervt auf das Thema Missbrauch reagiert, ist die Kirche in meinen Augen noch lange nicht an dem Punkt angelangt, an dem eine wirkliche Aufarbeitung dieses von ihr verschuldeten Albtraums stattgefunden hätte. Viel zu sehr gibt es noch Mauern des Schweigens und des Verheimlichens, die einer wirklichen Offenlegung und Bearbeitung im Wege stehen. Viel zu sehr wollen viele es immer noch nicht wahrhaben, was über so lange Zeit an manchen Orten passiert ist. Viel zu sehr wird noch an Strukturen festgehalten, die ursächlich diese Auswüchse mitbegünstigt haben.

Geburtstage sind im Allgemeinen ein Grund zum Feiern, da werden Kerzen auf den Kuchen gesteckt und es wird fröhlich gesungen und gelacht. Wenn wir in diesem Jahr Pfingsten, den Geburtstag der Kirche feiern, schlage ich allerdings vor, dass alle Kerzen – bis auf die Osterkerze – einmal ausbleiben sollten. Das Dunkel, das dann zu sehen sein wird, zeigt die düstere Situation in der wir uns befinden. Die Kirche steht aufgrund eigenen Verschuldens mit dem Rücken an der Wand. Fatal wäre es in dieser Situation, aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter zu machen und alles letztlich den vermeintlich bösen Medien und einer kirchenfeindlichen Gesellschaft in die Schuhe zu schieben. Der Verweis auf Statistiken, wonach Missbrauch hauptsächlich im Kontext von Familien geschieht, bringt uns in der Kirche gar nichts. Im Gegenteil, es kann zur Relativierung der eigenen Fehler und Verbrechen führen.

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“, heißt es am Ende des heutigen Evangeliums. Voraussetzung für die Sündenvergebung sind Einsicht und Reue und das Bekenntnis der Sünden in der Beichte. Wohlwissend, dass das Beichtgeheimnis ein geschütztes und kostbares Gut ist, muss im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen jedoch die Frage erlaubt sein, wer der Nutznießer dieses Sakraments sein darf und wer nicht? Kommt es Opfern oder Tätern zugute?

Das Eingeständnis des eigenen Versagens ist für die Kirche nur ein erster Schritt. Doch das wird für die Zukunft nicht reichen. Vielleicht wird der Umgang mit der Missbrauchsthematik, bei der es nicht nur um körperliche Übergriffe, sondern auch um seelische Grausamkeiten und institutionelles Versagen geht, zu der Überlebensfrage für die Kirche. Wenn die Kirche noch viele Geburtstage feiern will, wird sie ernsthaft ihre (Macht-)Strukturen, Strategien und ihr bisheriges Handeln überprüfen müssen.

Pfingsten verweist auf den Anfang der Kirche, der hinter ängstlich verschlossenen Türen begonnen hat und zu einer offenen Begegnung mit der Welt geführt hat. Ohne die vielen großen und kleinen leuchtenden Vorbilder, hätten wir nichts zu feiern. Stark kann die Kirche in unserer Zeit nur wieder werden, wenn sie demütig das Licht Jesu, das symbolisch in der Osterkerze brennt, wieder in den Blick nimmt und sich möglichst viele davon anstecken lassen. Stark kann die Kirche nur wieder werden, wenn sie in klaren Worten und Taten Jesus wieder aufstrahlen lässt. Stark kann sie nur wieder werden, wenn sie aus dem Geist Jesu heraus handelt und die Liebe Gottes unter den Menschen sichtbar werden lässt.

(Pastoralreferent Thomas Stephan)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Thomas Stephan
21. August 2019

Alles oder Nichts

Die Tür ist eng, und irgendwann ist sie auch zu - Gedanken zum Lukas-Evangelium 13, 22-30 von...


14. August 2019

Gott in der Welt zum Leuchten bringen

Christ-Sein verlangt nach Leidenschaft und Entschiedenheit - Gedanken zum Lukas-Evangelium 12,...


08. August 2019

Glauben ist immer auch ein Wagnis

Wichtig ist die Offenheit für Gottes Gegenwart in unserem Leben - Gedanken zum Lukas-Evangelium 12,...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren