Geistliches Leben

Donnerstag, 06. Dezember 2018

Den Weg des Herrn ebnen

Die Umkehr zu Gott befreit aus der Engel – Gedanken zum Lukas-Evangelium 3, 1–6 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

Wenn Menschen sich wie in einer Schlucht gefangen fühlen, wenn sie  in eine tiefe Depression abgerutscht sind und für sich keine Zukunft mehr sehen, sind sie angewiesen auf Hilfe von außen. Kluge Reden helfen nicht weiter, ebenso wenig abstrakte Glaubenssätze. Hilfreich können fachliche Unterstützung und wohl auch Menschen sein, die sich ihnen zuwenden und sie Nähe und Wärme spüren lassen. Dadurch kann für jemand, der die Täler der Hoffnungslosigkeit erlebt, neue Hoffnung wachsen.

Im sechsten Jahrhundert vor Christus erleben die Juden die Enge der Gefangenschaft in Babylon. Aus eigener Kraft allein werden sie nicht frei kommen. Doch sie erfahren, dass sich Gott ihnen zuwendet. Darauf können sie vertrauen und auf ihn ihre Hoffnung setzen. „Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.“ Das Volk Israel soll den Blick nach vorn richten. Gott wird Israel in die Freiheit und in eine gesicherte Zukunft führen. Ihre Aufgabe aber ist es, dem Herrn den Weg zu bereiten.

Johannes der Täufer sieht Israel Jahrhunderte später in einer ähnlich ausweglosen Situation. Das Land ist von den Römern besetzt. Pontius Pilatus hält als Stellvertreter des römischen Kaisers Judäa unter strenger Kontrolle. Die politischen und religiösen Führer und ihre Anhänger sind heillos zerstritten. Wie unerreichbar hohe Berge, die den Blick verengen, türmen sich vor der Bevölkerung die Hindernisse auf dem Weg in eine geheilte Zukunft auf. Johannes verkündet dem Volk, wenn es sich neu auf Gott besinnt, werden die trennenden Berge und Schluchten verschwinden, und die Straße für das Kommen Gottes wird eben und gerade. Ein  ansprechendes  Bild für das von Gott verheißene Heil. Verwirklicht wird es zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt der Weltgeschichte. Lukas ordnet die Botschaft vom kommenden Heil in konkrete Ereignisse und Daten seines Jahrhunderts ein. Dennoch gilt die Botschaft vom Heil zeitlos und für alle Menschen. Die Einengung auf eine Nation wird aufgehoben.

Mit Bergen von Hindernissen, die dem Wirken Gottes in unserer Zeit entgegenstehen, sehen wir uns auch heute konfrontiert: Berge von Falschinformationen und Halbwahrheiten türmen sich auf. Lasten aus der Vergangenheit oder Vorurteile in Politik und Wirtschaft oder auch im persönlichen Bereich versprerren den Blick auf heute notwendige Entscheidungen. Desinteresse und Gruppenegoismus in der Gesellschaft verzerren teilweise die Sicht auf das, was dem Leben gerecht wird und dem Willen Gottes entspricht. Wenn es gelingt diese Berge abzutragen, wird der Weg des Herrn bereitet.

Wie die Gesellschaft so steht auch die katholische Kirche vor Bergen, die der Ankunft des Herrn entgegenstehen und ihre Zukunft belasten. Da ist das Gebirge der Verbrechen an den Missbrauchsopfern in der Kirche. Nur die Solidarität mit den Opfern und die konsequente Aufarbeitung der Ursachen für das Fehlverhalten von Amtsträgern bieten die Chance, krumme Wege gerade zu machen. Auch das Machtgefüge in der Kirche stellt einen Berg dar, der abgetragen werden will. Hierzu zählen u.a. die Stellung der Frau in der Kirche und der Umgang von Amtsträgern mit den so genanntenLaien. Hierher gehören auch eine neue Wertung der Sexualität und davon abgeleitet eine veränderte Sexualmoral und Offenheit für andere Lebensformen.

Die Form und Sprache der Liturgie bedeutet unter anderem gerade für junge Menschen oft ein Hindernis, das den Zugang zu Gottesdienst und Kirche nicht fördert. Dies aufzuarbeiten ist einer der zahlreichen Wege, die geebnet und dem Herrn bereitet werden müssen. Wer füllt die Schluchten auf, in welche die Kirche aus eigenem Versagen geraten ist und in die sie teilweise auch hinein gestoßen wurde? Wenn die Kirche sich dem Ruf Johannes des Täufers zur Umkehr stellt und den Mut aufbringt, verbrauchte Strukturen zu verlassen, gibt sie dem Geist Gottes Raum. Sie wagt den Aufbruch und beginnt trennende Berge abzutragen.            

Unsere eigenen Schluchten der Angst und Sorgen erschweren das Kommen des Herrn. Ich denke z.B. an Menschen, die sich selbst herunter machen und unwert fühlen, die verzweifelt und wie gelähmt sind, weil ihre Hoffnungen zerstört wurden. Wenn sie sich einschließen in ihre Enttäuschungen und seelischen Verletzungen, finden sie schwer einen Weg zum Du Gottes und des Mitmenschen. Sie sind eingeladen, sich für den Nächsten und Gott zu öffnen.

Oft sind wir überfordert, auf uns allein gestellt unsere Schluchten aufzufüllen. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott uns hilft. Wo wir unsere Hilflosigkeit annehmen, ebnen wir bereits ein Stück weit den Weg für das heilende Wirken Christi. Hier dürfen wir uns auch freuen über das, was uns gut gelingt und was bereits gut läuft in unserem Leben, in Kirche und Staat. Wir dürfen dies dankbar anerkennen als unsere Schritte aus der Enge in die Freiheit, die Gott schenkt.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Studiendirektor i.R. Theo Wingerter
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