Geistliches Leben

Donnerstag, 10. August 2017

Der Herr des Lebens ist mit uns

Wir haben keinen Grund für Zweifel, Angst und Resignation – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 14, 22–33 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

Die Jünger sind im Boot, eine Schicksalsgemeinschaft, mitten auf dem Galiläischen Meer, und sie werden von Wind und Wellen hin und hergeworfen. Sie haben Gegenwind und „mühen sich beim Rudern ab“, sind hilflos, ratlos, den Naturgewalten ausgeliefert. So sieht sich die Jüngergemeinde der Urkirche ohne ihren Herrn. Sie erleben starken Widerspruch im römischen Staat, in der heidnischen Gesellschaft, werden angefeindet, verfolgt. Und Jesus ist abwesend. Es drängen sich Zweifel auf.

Wie gut kennen wir das im Auf und Ab unseres Lebens! Mal geht es uns gut und wir sind obenauf, mal kommt unverhofft kräftiger Widerstand, Gegenwind, ein Schicksalsschlag. Dann verfallen wir schnell in Mutlosigkeit, in eine Angst, die uns lähmt. Wir spüren, wie das ist, „sich beim Rudern abzumühen“ und dabei das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten. Fehlschläge und Feindseligkeiten rauben uns die Energie. Wir werden kraftlos, müde, und möchten resignieren. Und unser Glaube an den Herrn? Unsicherheit und Zweifel kommen auf. Jesus sehen wir nur im Glauben, nur schemenhaft. Die „Stürme“ aber, die Widerstände im Leben sind handfest, nah und unübersehbar.

Jesus sieht, wie sich die Jünger auf dem Galiläischen Meer plagen und abmühen. Er weiß um ihre Situation. In der vierten Nachtwache, also sehr spät, kommt er auf sie zu. Er geht übers Wasser, über die aufgewühlten Elemente. Sie aber erkennen ihn nicht, „sie erschrecken, meinen, es sei ein Gespenst, sie schreien vor Angst.“ Es ist immer noch Nacht um sie. Da spricht ihnen Jesus Mut zu: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Wurde nicht auch uns schon in die Bedrängnis unseres Lebens, da, wo nichts mehr zu gehen schien, ein tröstendes, Mut machendes Wort hineingesagt, ein Wort aus der Bibel: „Ich-bin-da“ für euch! Ein Wort von Jesus: „Fürchtet euch nicht! Habt Mut! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Verliert nicht den Kopf! Schaut auf mich! „Ich bin es!“ Euer Retter, euer Heiland!

Und hier setzt der Glaube des Petrus ein. „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!“ „Wenn du es bist“, mitten in dem Chaos der Elemente, du, und nicht ein Gespenst, nicht ein Hirngespinst. Darauf Jesus: „Komm!“ Da wagt Petrus den Schritt über Bord – im Blick auf den Herrn. Das ist für die Matthäus-Gemeinde in ihrer Bedrängnis ein wichtiges Bild der treuen Christus-Nachfolge in schwerer Zeit. Der Schritt des Petrus ist von ungeheurer Symbolkraft.

Aber auch so mancher von uns wird im Blick auf sein eigenes Schicksal den Schritt erahnen, den Petrus da tut: Aus der relativen Sicherheit des Bootes aussteigen, aussteigen müssen, bewusst „über Bord gehen“, über das Durcheinander von Hoffen, Ängsten und Zweifeln hinein in das Chaos, die bisherige Lebensweise, Lebenssicherheit verlassen müssen durch Schicksalsschläge, durch eine schwere Krankheit, durch den Tod „über Bord gehen müssen“ in eine ungewisse Zukunft hinein, – aber „auf Jesus zu“, und im Vertrauen auf den Ruf Jesu: „Komm!“ Spontan geht Petrus auf Jesus zu, den Blick fest auf ihn gerichtet. Dieser die Lebensnot wendende Blick-Kontakt lässt ihn über den „Stürmen“ stehen. Er kann wie sein Herr, „übers Wasser gehen“. Er kann – biblisch gesprochen – das Chaos meistern, die Unsicherheit und Bedrängnis überwinden. Für ihn gelten nicht mehr Bedrohung, Gefahr des Untergangs, Lebensangst und Tod. Im Blick auf Jesus erwächst dem Petrus neue Hoffnung, neue Kraft und  neues Leben.

Doch dann fällt Petrus wieder auf sich selbst zurück und auf seine eigenen kleinen menschlichen Möglichkeiten: Und es geschieht, was geschehen muss, wenn der heftige Gegenwind sich wieder in den Vordergrund seines Bewusstseins drängt: Petrus versinkt in Angst. Petrus verliert seinen Herrn aus dem Blick. Die harte Wirklichkeit holt ihn wieder ein, die Angst schlägt über ihm zusammen. Da bleibt noch sein Verzweiflungsschrei: „Herr, rette mich!“ Und sofort ergreift ihn der Herr und zieht ihn heraus aus dem Wasser, aus der Tiefe, aus der Todesangst: Jesus, der Herr des Lebens! „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Wie oft könnte der Herr das auch zu uns sagen, wenn wir ihn aus dem Blick verlieren vor lauter Lebensangst! Wenn wir nur auf das starren, was uns bedroht, behindert, niederdrückt. Christus, der Herr des Lebens, ist mit uns in unserem Leben. Leben wir im Blick auf ihn!

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