Geistliches Leben

Mittwoch, 16. September 2020

Derselbe Lohn

Gott ist gerecht, doch anders gerecht

Römische Silbermünzen. Bereits in der Antike dienten sie dazu, Arbeitsleistungen zu entlohnen. (Foto: KNA)

Unverständnis und Protest löst bei Vielen das Gleichnis vom Gutsbesitzer aus. „So darf man doch mit  Menschen nicht umgehen!“ wird wohl mancher denken. Unser Gerechtigkeitsgefühl  wird hier  beleidigt. Wo liegt nun seine beglückende, frohmachende Botschaft für uns? Auf unser Arbeitsleben und unsere Wirtschaft ist das Gleichnis jedenfalls nicht unmittelbar übertragbar.
Der Gutsbesitzer, ein Bild für Gott, sucht und findet Arbeiter für seinen Weinberg, für die Arbeit im Reich Gottes. Gott ruft Menschen, und sofort folgen sie seinem Ruf. Sie setzen sich engagiert für ihn und seine Botschaft ein. Sie sind die  Menschen der ersten Stunde, begeistert von Anfang an. Sie sind erfüllt von ihrer Aufgabe, die sie in ihrer Pfarrei oder auf Bistumsebene z.B. in der Leitung von Pfarreien übernommen haben, und sie scheuen keine Mühe in ihrem Einsatz in Jugendgruppen oder anderen kirchlichen Verbänden. Und doch! Sie spüren auch die „Hitze des Tages“, die Last der anstrengenden Arbeit, die ermüden kann. Aber sie machen weiter. Andere  bemühen sich still und unauffällig ganz einfach nach Gottes Geboten zu leben und als Christen für  ihren Glauben Zeugnis zu geben. Und sie halten durch bis ans Ende ihres Lebens. Gott anerkennt ihr unermüdliches Bemühen in Kirche und Gesellschaft.
Wie im Gleichnis kann auch für das Reich Gottes die Arbeit von den Männern der ersten Stunde allein nicht bewältigt werden. Darum werden drei Stunden später weitere Mitarbeiter beschäftigt.  Schließlich wiederholt sich der Vorgang bis eine Stunde vor dem Ende der Tagesarbeitszeit. Auch deren Einsatz ist notwendig und sinnvoll. Im Weinberg Gottes ist immer etwas zu tun. Dies gilt  gleicherweise für den Bereich der Kirche, deren Aufgabe es ist, ihren Beitrag zur Verwirklichung des Reiches Gottes in der Welt zu leisten.
Spannend wird es bei der Auszahlung des Lohns. Jeder erhält, was nötig ist, um einen Tag lang leben zu können: einen Denar. Die Männer, die schon von früher Stunde  an gearbeitet haben, beschweren sich. Möglicherweise übersehen sie, dass  ihr unermüdlicher Einsatz genau ihren Fähigkeiten und ihrem Charisma entspricht.   Wahrscheinlich kennen sie nicht die Gründe, warum die später eingesetzten Arbeiter  erst kurz vor Schluss ihre Aufgabe übernommen haben. Waren diese  so fasziniert von dem bunten Varieté auf dem Marktplatz der Welt mit seinen vielfältigen Angeboten, dass sie sich nicht auf ihre Lebensaufgabe besinnen konnten? Warum haben sie es versäumt, früher ihren Beitrag für das Reich    Gottes einzubringen? Warum waren sie vorher nicht angesprochen worden? Solche Fragen können auftauchen, doch sie bringen nicht weiter. Entscheidend ist, dass alle dem Ruf des Gutsherrn folgen, gleich zu welcher Stunde sie gerufen werden.  Für sie ist wichtig, ihre Aufgabe zu erfüllen und dafür zu bekommen, was sie zum Leben brauchen.
Menschen, die sich von Anfang an begeistert ihrer Aufgabe im Dienst des Reiches Gottes stellten, sind in Gefahr über die, wie sie meinen, Ungerechtigkeit zu schimpfen, dass alle den gleichen Lohn erhalten. Sind sie bei ihrer Tätigkeit überfordert und daher unzufrieden? Haben sie Angst, durch ihre Anstrengung und Mühe, etwas vom Leben zu versäumen? Oder entgeht es ihnen, dass sie in ihrem Engagement für Gott und ihre Nächsten bereits eine sinnvolle und erfüllende Tätigkeit für sich selbst gefunden haben? Wenn sie sich innewerden, dass ihr Leben aus dem Glauben und ihre übernommenen Aufgaben ihnen gerecht werden, könnte ihr Blick aus der Enge des Neids herausgeführt werden. Wer bei seiner Arbeit einen Sinn, vielleicht sogar im Innersten Erfüllung finden kann, darf sich freuen und kann auch anderen leichter erfülltes  Leben gönnen.                     
Wir wünschen uns, im Einklang mit uns selbst zu leben und immer mehr ganz und heil zu werden. Die Zahl eins (1 Denar) bedeutet auch ganz sein, mit sich eins sein. Dies wird als „Lohn“ allen zugesagt und gegeben. Schließlich werden wir  alle zu unserem tieferen Wesen und zu unserem Eins-Sein mit uns selbst gelangen.
 Dazu braucht es auch ein Arbeiten an uns selbst. Dies kann im übertragenen Sinn ebenfalls die Arbeit im Weinberg bedeuten. Das Vergleichen mit anderen  zu lassen, führt uns  den Weg zum Selbst-Annehmen.  Die Erfahrung von Gottes Güte, die unser Denken übersteigt, kann uns ebenso aus der Enge des Vergleichens befreien und unseren Blick auf Gott und unsere Mitmenschen öffnen.
Im Gleichnis zählt nicht in erster Linie die Leistung eines Menschen, nicht die Stunde, wann er im „Weinberg“ ankommt,  sondern dass er die ihm gegebene Aufgabe erfüllt. Dafür bekommt er, was er zum Leben braucht. Im Handeln des Gutsherrn spiegeln sich die Barmherzigkeit und Weisheit Gottes, auf die wir alle angewiesen sind.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Theo Wingerter
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