Geistliches Leben

Donnerstag, 08. November 2018

Die arme Witwe und ihre Münze

Jesus sieht das Unscheinbare, das Kleine und das Wenig – Gedanken zum Markus-Evangelium 12, 41–44 von Dr. Helmut Husenbeth

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt unser Grundgesetz. Dieser Grundsatz gilt in allen demokratischen Staaten und in allen Rechtsstaaten – und er sollte selbstverständlich sein. Warum muss das so klar betont werden? Weil damit die Schwachen der Gesellschaft, all diejenigen, die am Rand stehen, geschützt werden – und geschützt werden müssen. Dies zu allen Zeiten – der Zeit der Propheten, der Zeit Jesu und in unserer Zeit.

Sowohl im alten Israel als auch zur Zeit Jesu gehörten die Witwen nicht in die Mitte der Gesellschaft. Im Gegenteil, sie standen am Rand, waren oft ausgegrenzt, rechtlos, gar ausgenutzt von denen, die die Geschicke der Menschen lenken konnten – zu ihren eigenen Gunsten. Immer wieder müssen die Propheten anmahnen, die Witwen und Waisen, die Fremden und die Armen nicht noch weiter auszubeuten.

Unserem heutigen Evangelientext geht eine scharfe Anklage gegen „die Schriftgelehrten“ voraus, gegen jene also, die gerne beachtet werden wollen und überall die Ehrenplätze einnehmen, die aber gleichzeitig bedenkenlos „die Witwen um ihre Häuser bringen“ (Mk 12,40).

Im deutlichen Kontrast zum Verhalten der Starken steht die Opferbereitschaft der Witwe im Tempel.  Warum schaut Jesus so interessiert zu in der Nähe des Opferstocks des Tempels? Sehen konnte er die Opfergabe wohl kaum – aber die Höhe der Geldspende wurde ja ausgerufen. Sie wurde also an diesem wichtigen Ort öffentlich gemacht, damit auch die Gemeinschaft betont.

Der Tempel war für Jesus bedeutender Ort der Gottesbegegnung. Er vertrieb bei der „Tempelreinigung“ die Händler und Geschäftemacher, weil der Tempel für ihn rein sein musste. Auch für die junge Christengemeinde war der Tempel in Jerusalem noch ein ganz bedeutender Ort des Gebets, der Gottesliebe und der Begegnung.

Die Opfergabe der Witwe war in der Höhe bescheiden und als Vorgang alltäglich, aber sie wird von Jesus zum Gleichnis gemacht. Der Alltag wird zum mahnenden Zeichen, denn Jesus erkennt in der Art und Weise des Umgangs der Menschen mit dem Opfergeld eine religiöse Dimension. Die Frage stellt sich: Sind wir offen in der Liebe zum Nächsten – oder engherzig und lieblos?

Die Witwe, wahrlich nicht mit Reichtum gesegnet, gibt, was sie hat, weil sie Gott liebt und ihr die Gemeinschaft mit den Gläubigen im Tempel wichtig ist. So verwirklicht sie Gottes- und Nächstenliebe. Sie ist so großzügig, wie es unsereiner kaum sein kann. Unsere Spenden- und Hilfsbereitschaft Bedürftigen gegenüber sollte sich aber trotzdem an dieser gleichnishaften Großzügigkeit messen lassen, um unser Verhalten zu überdenken und zu korrigieren. Die arme Witwe am Opferstock des Tempels kann uns beschämen oder auch unser Herz und unsere Hände öffnen. Möglichkeiten zu geben haben wir mehr als genug, auch in unserer an sich reichen Gesellschaft.

Das blanke Gegenteil zum Verhalten der armen Witwe sehen wir entsetzt, wenn wir hören, dass es in unserer Zeit ganze Konzerne gibt, die trickreich dem Staat fällige Steuern entziehen und damit soziale, bildungspolitische, kulturelle, ökologische und pflegerische Projekte erschweren oder verhindern. Die „arme Witwe“ überzeugt durch ihr Gottvertrauen. Die genannten sozialen Betrüger vertrauen nur dem Götzen Geld, der daraus sich ergebenden Macht und dem gesellschaftlichen Ansehen.

Andererseits ist es mehr als erfreulich zu sehen, dass die Spendenbereitschaft, konkret in Deutschland, hoch ist, ja sie scheint sogar zu steigen. Mehr Menschen spenden – und es wird mehr gespendet. Dabei ist die Bereitschaft zur Spende nicht an ein Mindesteinkommen gebunden. Auch Menschen mit geringem Verdienst spenden – so sagt es der „Spendenalmanach“. Die Ziele der Spenden sind vielfältig, ob für Hungernde, für Waisen (Kinderdorf), für den Naturschutz, den Weltfrieden, für die Gesundheit oder für kirchliche Belange. Gerade auch unsere kirchlichen Institutionen werden nach wie vor reich bedacht; Missio, Misereor, Adveniat, die Caritas oder die Sternsingeraktion.  Solidarität und Hilfsbereitschaft sind auch religiös stark verwurzelte Werte. Ganz im Sinne von Markus 12 sind da auch die vielen kleinen Spenden wichtig, die mit offener Hand und liebendem Herzen gegeben werden – nicht nur die spektakulären Großspenden. Viele Menschen und Institutionen können auf die Spenden vieler vertrauen, das ist wichtig und gut.

Auch die Witwe des Evangeliums vertraut auf die Gemeinschaft, die ihr das Minimum, das sie zum Leben braucht, zukommen lassen wird, und sie vertraut auf Gott, der die Liebe ist. Das will Jesus uns mit diesem Beispiel zeigen. Diese arme Frau hat denselben vertrauenden Glauben wie er selbst – grenzenlos und bedingungslos. Jesus ruft seine Jünger herbei, um ihnen eben dies zu zeigen – und damit natürlich auch uns. Unsere Zeit – und wir alle – brauchen solche mahnenden Gleichnisse, die in die Tiefe gehen.  Wem steht unser Verhalten näher –  vielleicht dem Verhalten derer, die Ehrenplätze haben und gesehen werden wollen, oder vielleicht doch dem der „armen Witwe“? Ein Blick ins Evangelium – und auch in den Spiegel – wird hilfreich sein.

 

 

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