Geistliches Leben

Mittwoch, 12. September 2018

Die entscheidende Frage

Wer ist Jesus für mich? – Gedanken zum Markus-Evangelium 8, 27–35 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

In einer Vielzahl von Darstellungen haben Christen versucht, dem Geheimnis Jesu nahe zu kommen. Unzählige Bilder sind im Laufe der Jahrhunderte von ihm entstanden. Ein sehr frühes Bild stammt aus dem dritten Jahrhundert und zeigt Jesus als den guten Hirten. Später betonten die Künstler seine Hoheit und Würde, beeinflusst von Darstellungen des oströmischen Kaisers. Wieder später erscheint Jesus als Weltenrichter oder selbst noch am Kreuz als König der Welt. In immer neuen Bildern bemühten sich Künstler, nach ihrer Sicht Jesus zu zeigen. Ihre Werke sind geprägt von der jeweiligen Kunstepoche, beeinflusst vom Gottes- und Menschenbild ihrer Zeit und von gesellschaftlichen Umständen. Gemeinsam ist allen Künstlern dass sie ihre ganz persönliche Antwort auf die Frage geben wollten: Wer ist dieser Jesus für mich?

Auch für die Jünger war diese Frage wichtig. Sie reflektieren zunächst, welche Vorstellungen ihre Mitmenschen von ihrem Meister haben. So berichten sie von den großen Erwartungen, die Menschen auf Jesus setzen. Vielleicht kann er wie Johannes der Täufer die Sünder zur Buße aufrufen und sie zur Änderung ihres Verhaltens bewegen. Andere rechnen damit, dass er als Elija mit Gewalt für Gott kämpft und sich gegen jede Unterdrückung und Fremdherrschaft einsetzt. Schließlich reihen viele Jesus ein in die Reihe anderer großer Prophetengestalten, die als Mahner und Rufer die Botschaft Gottes vermittelten. Bisher haben die Jünger nur objektiv wiedergegeben, was andere von Jesus halten. Damit gibt sich Jesus nicht zufrieden. Er will wissen, wie sie selbst über ihn denken. Jetzt ist ihre ganz persönliche Meinung gefragt. Sie müssen sich entscheiden. Auch wenn Petrus das Bekenntnis ablegt, dass Jesus der von Gott gesandte Messias ist, genügt Jesus diese theoretische Antwort nicht. Sie muss sich im Leben auswirken. Der Hinweis Jesu auf sein leidvolles Ende am Kreuz lässt die Jünger ahnen, was es bedeuten kann, sich zu ihm zu bekennen und ihm nachzufolgen. Die Antwort Jesu entspricht nicht ihren Erwartungen. Sie widerspricht der Vorstellung des Petrus von einem machtvoll auftretenden Messias. Es schmerzt ihn, dass sein Meister wird leiden müssen. Es fällt ihm schwer zu begreifen, dass es die Aufgabe Jesu ist, die Menschen durch seinen Tod am Kreuz mit Gott zu versöhnen. Er glaubt zu wissen, wie sich sein Meister zu verhalten hat.

Auch der Sprecher der Jünger muss lernen, was Gott will. Zu sehr ist er in einem rein irdischen Denken gefangen. Die Zurechtweisung durch Jesus lässt Petrus erkennen, dass er auf der Seite des Widersachers Gottes steht. Die Aufforderung Jesu „Weg mit dir.“  „Hinter mich!“ rückt die Verhältnisse zurecht. Der Jünger ist nicht größer als sein Meister.

Jesus als Messias bekennen, kann nicht ein unverbindliches Wort bleiben. Nur der kann Jesu Jünger sein, der hinter ihm hergeht und ihm nachfolgt. Petrus musste im Laufe seines Lebens lernen, was es heißt, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Er brauchte es nicht zu suchen. Es wurde ihm aufgeladen und er konnte es auch nicht auf andere abwälzen. Vielleicht begriff er erst ganz allmählich, dass er Leben gewann, indem er es ganz für Jesus und seine Botschaft einsetzte und bereit war, es zu verlieren.

Die Frage Jesu an seine Jünger „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ ist nach wie vor aktuell. Es genügt nicht, aus dem vielfältigen Chor der heutigen Antworten zu zitieren, die ihn z.B. als hervorragenden Menschen oder als Provokateur, als Wanderprediger und Wundertäter, als Heiland der Kranken und Armen und als Freund der Ausgegrenzten zu sehen. Es ist zu wenig, im Glaubensbekenntnis nur zu sagen „Ich glaube… an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn.“ Es reicht nicht, in Liedern und Gebeten es ähnlich zu formulieren. Unser Bekenntnis ruft nach Konsequenzen in unserem Leben.

An einer ganz persönlichen Antwort auf Jesu Frage „Für wen hältst du mich?“ kommen wir nicht vorbei. Sie wird geprägt sein von unseren eigenen Erfahrungen mit Jesus. Gleich, welche Antwort wir geben, sie wird immer offen bleiben für das göttliche Geheimnis, das sich hinter unserer Aussage über ihn verbirgt. Vielleicht werden wir erst am Ende unseres Lebens erfahren, ob unser Bekenntnis zu ihm auch wirklich entscheidend unser Verhalten als Christen geprägt hat. Vielleicht verstehen wir dann, dass wir Leben gewonnen haben, wenn wir im Vertrauen auf ihn bereit waren, innerhalb unserer begrenzten Möglichkeiten unser Leben an ihm und seiner Botschaft auszurichten.

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