Geistliches Leben

Freitag, 10. Mai 2019

Die Stimme, die ins Leben ruft

Gedanken zum Johannes-Evangelium von Pastoralreferentin Annette Schulze

Bereits im April sind die beiden ersten Lämmer dieses Jahres auf dem Rosenberg zur Welt gekommen. Die Projektgruppe „Schöpfung bewahren“ sieht ihre Verantwortung für aussterbende Tierrassen auf einem franziskanischen Hintergrund begründet. Deshalb werden seit einigen Jahren neben Ziegen und Hühnern auch Brillenschafe versorgt – und nebenbei bekommt die Vorstellung vom Leben und der Aufgabe eines Hirten „Hand und Fuß“.

Das Bild vom guten Hirten und seiner Herde hat den Glauben und das Leben von Generationen geprägt. Die Worte aus Psalm 23 kommen vielen Christinnen und Christen in den Sinn, wenn sie in eine Lebenskrise geraten und ihnen die Worte zum Beten ausgehen. „Der Herr ist mein Hirte – nichts wird mir fehlen.“ Da kommt etwas von Vertrautheit, liebevollem Geborgen-Sein und Verantwortung zum Ausdruck. In den wenigen Versen spricht das Johannes-Evangelium vom „Kennen“ und „Folgen“. Für dieses „Kennen“ und „Folgen“ ist das Hören wesentich. „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Deshalb folgen sie ihrem Hirten. Sie nehmen mit seiner Stimme auch wahr, dass er sie auf einen sicheren Weg führt – auf eine gute Weide, wo Leben in Fülle sich vor ihnen ausbreitet.

In unserer Zeit ist das Hören nicht der wichtigste unserer Sinne. Wir verschaffen uns eher einen Über – Blick, wir nehmen Informationen über Bilder auf. Im Bistum sind wir mitten in einem Visionsprozess, d.h. wir schauen miteinander, wie Kirche in Zukunft aussehen soll.

Die Johannes-Verse rufen uns zum Hören, zum Lauschen auf den Klang des Lebens und der Stimme Gottes. Hören setzt das Still-Werden voraus. Wo äußere Geräusche verstummen und auch die inneren Stimmen zur Ruhe kommen, können wir das Hören lernen. Im Schweigen schaffen wir die Voraussetzung dafür: Stille macht uns frei. Alles Dröhnen und Piepsen, Brummen, Reden und Rauschen darf wegfallen. Dann bleibt ein offenes Ohr, das wartet. Aufmerksam, wach lauscht es auf die Stimme, die Leben verspricht.

Das ist die große Zusage, die Jesus seinen Schafen (also uns) macht: „Ich gebe ihnen (also uns) ewiges Leben.“ Wir hören, dass die Schafe (also wir) niemals zugrunde gehen werden, dass niemand sie (also uns) seiner Hand entreißen wird. Unser Alltag sieht oft anders aus. Wir müssen damit leben, dass wir endlich sind. Wir müssen es aushalten, dass Menschen sterben, die wir lieben. Unsere Existenz ist begrenzt, daran ändern alle Fortschritte in der Medizin und Pharmazie nichts. Wir alle haben den Tod vor uns. Diese Tatsache können wir verdrängen, aber sie holt uns immer wieder ein. Genau in diese erschreckend unausweichliche Realität hinein sagt nun Jesus und stellt damit alles auf den Kopf: „Ich gebe ihnen ewiges Leben.“
Eine große und wunderbare Verheißung ist das, die unser Denken durch- kreuzt: Wer auf die Stimme Gottes hört und ihm folgt, ist gut aufgehoben und geborgen im Leben – über den Tod hinaus. Seine Lebenskraft endet nicht an den Grenzen von Leben oder Tod, sondern verspricht die Fülle des Lebens, die für uns natürlich anders aussieht als für die Schafe im biblischen Bild.

Damit diese Zusage Gottes nicht in Vergessenheit gerät, sondern in uns Wurzeln schlagen und wachsen kann, braucht es Menschen, die bereit sind, in die Stille zu gehen und auf Gottes Stimme zu hören. Menschen, die sich bereit erklären, eine Aufgabe im Hirtenamt und Verantwortung für das Reich Gottes zu übernehmen. „Pastoren“ sollen die Schafe in Gottes Namen leiten und begleiten. Dass manche von ihnen in dieser Aufgabe versagt und die ihnen anvertrauten Schafe verraten und missbraucht haben, beschäftigt uns zur Zeit sehr und muss uns beschäftigen.

Wir sehen, dass es mehr Pastorinnen und Pastoren braucht, dass wir alle in diese Hirtenaufgabe berufen sind, für die Menschen, die uns anvertraut sind, einen guten Weg zu finden, der sie zum Leben führt. Dazu erarbeiten wir Pastoralpläne und pastorale Konzepte – „Hirtenkonzepte“ – bei denen die Sorge für das Wohl der „Schafe“ im Mittelpunkt stehen muss.

Am heutigen Weltgebetstag um geistliche Berufe sind wir eingeladen, um und für Frauen und Männer zu bitten, die Gottes Frohe Botschaft zu den Menschen tragen und so dem Evangelium ein Gesicht geben. Darum beten wir und beten damit auch für uns selber, denn wir geben dem Evangelium unser Gesicht. Was immer unsere Lebensaufgabe ist, wohin unser Weg führt – in einen offiziell „geistlichen“ Beruf oder in einen ganz anderen Beruf, in Familie, Verein, Gemeinde – wir sind Hirtin/Hirte und dazu berufen, mit anderen grüne Auen und den Ruheplatz am Wasser zu entdecken und zu genießen. Dazu lädt uns das Johannes-Evangelium mit seinem schlichten Bild von Schafen und Hirten ein. Dahinter verbirgt sich die tiefe Weisheit, dass die Einheit von Vater und Sohn die Schafe (also uns) mit einschließt. In dieser Einheit machen Vertrautheit, liebevolles Geborgen-Sein und Verantwortung unser Leben aus – und die Stimme, die uns zum Leben ruft.

Und vielleicht möchten Sie Hirtenamt und Schafsleben einmal aus der Nähe  kennen lernen – dann können Sie diese konkrete Erfahrung auf Maria Rosenberg machen – und einen „Pastoralplan“ der ganz anderen Art erleben.

(Annette Schulze)

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