Geistliches Leben

Mittwoch, 09. Oktober 2019

Distanz und Nähe. Gedanken zum Lukas-Evangelium 17, 11–19

Wie der dankbare Samariter zu einer persönlichen Gottesbeziehung finden

Zehn Aussätzige: zehn Männer, die man wegen ihrer Krankheit im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesetzt“ hat. Als „Unreine“ sind sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie müssen in Höhlen leben – weit weg von den anderen, in ihrer eigenen, dunklen und engen Welt.
Eines Tages hören sie, dass Jesus vorbei kommen soll. Von ihm erzählt man sich, dass er ein Freund der Ausgestoßenen ist, Kranke heilt, Tote auferweckt. Auf der Stelle verlassen sie ihre Höhle. Doch sie bleiben – wie sie es gewohnt sind, und um niemanden anzustecken – in der Ferne stehen. Sie rufen Jesus zu: „Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Seine Antwort, sie sollen sich den Priestern zeigen, macht ihnen Mut. Das kann ja nur bedeuten, dass sie geheilt sind. Denn die Priester entscheiden über Reinheit und Unreinheit. Und tatschlich: Auf dem Weg zu den Priestern spüren sie, dass sie gesund und rein geworden sind. Für die neun Aussätzigen endet hier die Geschichte. Sie haben ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt – und wurden nicht enttäuscht. Sie haben ihn angefleht – und wurden von ihrem Aussatz geheilt. Sie haben seine Weisung befolgt – und gehören nun wieder zu den anderen dazu. Ende gut, alles gut! Oder?
Für mich stehen die neun Aussätzigen für jene Menschen, denen ihr Glaube eher äußerlich bleibt. In deren Leben Jesus zwar vorkommt und wichtig ist – die ihn aber lieber auf Distanz halten, nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Die darauf vertrauen, dass ihr Glaube an Gott helfen kann – die aber zugleich hoffen, dass auch nach der Begegnung mit ihm in ihrem Leben alles beim Alten bleibt. Die ihren Glauben mit althergebrachten Bekenntnissen bezeugen und sich an die Gebote Gottes halten – ohne sich nach einer tieferen Beziehung zu Jesus zu sehnen. Jesus klagt die neun Aussätzigen nicht an – er stellt nur klagend fest, dass sie nicht zurückgekehrt sind, um Gott zu loben. Er ist nicht gekränkt wegen ihrer Undankbarkeit – sondern ist traurig, weil für sie die Begegnung mit ihm folgenlos geblieben ist.
Nur einer der zehn Aussätzigen verhält sich anders. Ausgerechnet der aus Samarien. Für ihn – als Angehöriger eines anderen Volkes, der für Juden als ungläubig gilt – ist es eine weitaus größere Herausforderung, Jesus als Meister, als den erwarteten Messias zu bekennen und von ihm Heil und Rettung zu erwarten. Doch auch er bittet – wie die anderen neun aus sicherer Entfernung – Jesus um Hilfe. Und auch er folgt seinem Befehl, sich den Priestern zu zeigen.
Doch als er feststellt, dass er geheilt ist, spürt er: Weiter nur die Anordnung Jesu befolgen, ist nicht genug. Er macht auf der Stelle kehrt und läuft zu Jesus zurück. Vorher ist er noch auf Abstand geblieben – nun sucht er Jesu Nähe und wirft sich ihm zu Füßen. Vorher blieb sein Bekenntnis formelhaft – nun lobt er ihn mit lauter Stimme und aus tiefstem Herzen. Vorher heißt es nur, er sei rein geworden – nun hört er Jesu weitaus größere Zusage: Dein Glaube hat dich gerettet!
Für mich steht der zehnte Aussätzige für alle Menschen, die es zulassen, dass Jesus ihr Leben total umkrempelt. Denen die Begegnung mit ihm so zu Herzen geht, dass sie erkennen, dass es mit einer Gottesbeziehung auf Distanz nicht getan ist. Ein Glaube, der nur aus der Wiederholung vorformulierter Bekenntnisse und der Befolgung von religiösen Vorschriften besteht, trägt nicht. Eine Hoffnung, die sich nur auf das gesundheitliche Wohlergehen und tragfähige Beziehungen bezieht – macht Jesus, der das Leben in Fülle schenkt, kleiner als er ist.
Es gibt mir zu denken, dass gerade der Mann aus Samarien zu diesem tieferen Glauben findet – nicht die neun, die seit Beginn ihres Lebens zum auserwählten Volk Israel gehören. Trotz ihrer religiösen Sozialisation ist ihr Glaube an der Oberfläche geblieben. Dem Mann aus Samarien hingegen, der nicht in den gewohnten Glaubensbahnen gefangen war, wurde es geschenkt, zu einer tiefen, persönlichen Gottesbeziehung zu finden.
Der Evangelist lässt keinen Zweifel, wem Jesu Sympathie gilt. Seine Klage über die neun, die nicht zurückgekehrt sind, und seine Freude über den einen, der zu ihm umgekehrt ist, sprechen eine deutliche Sprache. Jesus sehnt sich danach, dass Menschen ihren Glauben auf Distanz überwinden und seine Nähe suchen. Er sehnt sich danach, dass sie nicht nur seine Gebote befolgen, sondern sich ganz und gar in seine Nachfolge begeben. Er sehnt sich danach, dass ihr Glauben Konsequenzen im Leben hat, dass sie nach der Begegnung mit ihm umkehren und ihrem Leben eine neue Richtung geben.
Nur ihnen sagt er zu: „Steht auf! Ich will, dass ihr mit mir aufersteht zum Leben in Fülle!“ Nur sie fordert er auf: „Geht! Macht euch mit mir auf den Weg zu den Armen und Notleidenden – zu den Aussätzigen hier und heute, und erkennt in ihren Verwundungen die Wundmale des Gekreuzigten und Auferstandenen!“ Nur ihnen gilt seine Verheißung: „Euer Glaube hat euch gerettet! Euer Vertrauen in mich hilft euch, alles zu überwinden, was euch Angst macht und euch lähmt!“

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Thomas Stubenrauch
11. Dezember 2019

Bist du der, der kommen soll?

Frage nach dem „Gott mit uns“ bewegt auch heute


04. Dezember 2019

Aufbruch zu einer neuen Ordnung

Die Vision des Propheten Jesaja gilt auch für unsere Gesellschaft und für unsere Kirche


Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren