Geistliches Leben

Donnerstag, 16. Februar 2017

„Entfeindungsliebe“

Jesus fordert einen radikalen Wechsel der Perspektiven – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 5, 38–48 von Pastoralreferent Martin Wolf

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Eine auch heute noch gebräuchliche Redewendung. Im gängigen Sprachgebrauch ist damit meistens die gnadenlose Rache für erlittenes Unrecht gemeint. Ein Ausspruch zudem, der wie kaum ein anderer herhalten musste, um die angebliche Unbarmherzigkeit des Alten Testaments zu illustrieren. Dabei meint er genau das Gegenteil.

Die Worte, die Jesus hier zitiert, finden sich im alttestamentlichen Buch Levitikus. Dort heißt es nämlich: „Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll auch ihm zugefügt werden“ (Buch Levitikus 24,20). Gemeint ist damit aber gerade nicht die ungezügelte Blutrache. Vielmehr wird hier das sogenannte ius talionis, das Talionsprinzip, beschrieben. Der Geschädigte soll den entstandenen Schaden in gleicher Weise vergelten dürfen, um so die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Die Gesetzgebung im Buch Levitikus beschreibt daher genau genommen einen zivilisatorischen Fortschritt. Eine Eingrenzung und Zivilisierung der Blutrache. Modern gesprochen: Wenn schon archaische Blutrache, dann aber bitte verhältnismäßig!

Für einen Anhänger Jesu kann und darf dieses Prinzip jedoch niemals der leitende Maßstab sein. Das macht Jesus in dieser wie in anderen Reden unmissverständlich klar: Die Ethik der Jüngerinnen und Jünger Jesu soll eine völlig andere sein. Eine Ethik, die entschieden weitergeht, weil sie das archaische Prinzip der Vergeltung radikal durch ein anderes ersetzt: Gewalt soll nicht mehr mit Gegengewalt, sondern mit Friedfertigkeit begegnet werden. Habsucht nicht mit Geiz, sondern mit übertriebener Großzügigkeit. Zwang nicht mit Verstockung, sondern mit zuvorkommender Hilfsbereitschaft.

Klingt absurd, doch genau das ist das Prinzip Jesu. Seine Beispiele findet er wie immer im Alltag der sogenannten kleinen Leute. Keine großen, staatstragenden Morallehren entfaltet Jesus hier. Vielmehr eine „Arme-Leute-Moral“ fürs pralle, tagtägliche Leben. Wer will, kann sich dabei gerne eine Kneipenschlägerei vorstellen, oder einen Streit über unbezahlte Rechnungen, der nun vor Gericht ausgetragen werden soll.

Was Jesus hier verlangt, ist allerdings nicht wenig. Es geht ihm um nichts Geringeres als einen Wechsel der Perspektiven. Den Anderen, den Gegner, den Feind soll der Jesusjünger in den Blick nehmen und in ihm den Mitmenschen, die Mitschwester, den Mitbruder entdecken. Eine universale Nächstenliebe also, die auf die Spitze getrieben und letztlich so zur Feindesliebe wird: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ Von einer „Entfeindungsliebe“ hat der jüdische Theologe Pinchas Lapide gar einmal gesprochen.

Nun gibt es in der gesamten Heiligen Schrift kein einziges Wort, das den Hass auf die Feinde vorschreiben würde. Und doch war und ist er traurige Realität, bis heute. Ein kritischer Blick in die Kommentarspalten der großen Onlinemedien lässt an der Aktualität der Forderungen Jesu kaum Zweifel aufkommen. Feinde haben manche der Kommentarschreiber jedenfalls gleich ausgemacht in Fremden und Andersdenkenden, und der Hass auf sie ließ sich vielleicht noch nie so einfach kultivieren wie heute. Gut möglich sogar, dass die hohe ethische Forderung Jesu hier an ihre Grenzen stößt. Dass es für uns schwierig, ja fast unmöglich erscheint, einen anonymen Schreiber wertzuschätzen, wenn Einem blanker Hass entgegenweht.

Und doch, welche Alternative gäbe es für einen Christen, eine Christin? Was bleibt uns anderes übrig, als allem Hass und Gepöbel ein glasklares „Nein!“ entgegenzusetzen, notfalls auch mit Hilfe des Strafgesetzes – und dennoch eine Gesprächskultur zu wahren, die Aggression eben nicht mit Aggression, sondern mit Gelassenheit, und verbale Gewalt nicht mit Gegengewalt, sondern mit Höflichkeit beantwortet. Die den Gegner nicht zum Feind oder Monster macht, sondern ihn Mitmensch bleiben lässt, Ebenbild Gottes.

Das ist oft so leicht gesagt wie schwer getan, auch für Christen. Aber Jesus fordert nichts weniger als einen Perspektivenwechsel, auch wenn er weiß, wie schwer er uns oft fällt. Vielleicht entscheidet sich aber nicht zuletzt daran die Frage, in welcher Gesellschaft wir letztlich leben werden und ob wir als Christen noch im Stande sind, sie mit unseren Werten zu gestalten.

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