Geistliches Leben

Mittwoch, 13. November 2019

„Euch wird kein Haar gekrümmt werden“. Gedanken zum Lukas-Evangelium 21, 5–19

Jesus ermutigt uns zum Zeugnis in Zeiten der Anfechtung

Jesus predigt im Tempel. Als einige Zuhörer die Schönheit des Tempels preisen, antwortet er in apokalyptischen Bildern, Bildern vom Untergang des Tempels, die sich im Folgenden weiten zu Bildern eines endzeitlichen Weltenbrandes: Kriege, Seuchen, Hungersnöte und kosmische Katastrophen läuten das Ende der Welt ein. Jesus warnt vor Menschenverführern, die unter seinem Namen auftreten würden. „Lauft ihnen nicht nach!“ Er kündigt Verfolgungen an, selbst Familie und Freunde würden sie ausliefern. „Ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden.“ Vor die Gerichte würden sie verschleppt, ins Gefängnis geworden, vor Könige und Statthalter gebracht.
Lukas blickt in seinem Evangelium bereits auf die Katastrophe des Jahres 70 n. Chr. zurück. Damals zerstörte Titus mit vier Legionen Jerusalem und den Tempel. Auch kennt der Evangelist bereits Verfolgungen der christlichen Gemeinden. Apostel erlitten für ihren Glauben das Martyrium. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seinem Evangelium. Apokalypse kommt vom griechischen apokalyptein, d.h. offenbaren. Eine Apokalypse will mit ihren drastischen Bildern nicht Ängste erzeugen, sondern Menschen etwas zeigen und sie ermutigen, mit Zuversicht in die Zukunft zu gehen. Lukas macht den Gemeinden Mut zum Zeugnis. Jesus wird mit ihnen sein – auch im Weltuntergang –, er wird für sie der „Ich bin da“ (vgl. Ex 3, 14) sein, und „ich werde euch meine Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen können.“ Er versichert sie, „kein Haar wird euch gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Jesus wird die Gemeinde bewahren, jede Jüngerin und jeden Jünger, denn „eure Erlösung ist nahe.“
Verstörend vertraut wirken die apokalyptischen Bilder auf mich. Kriege und Unruhen begegnen uns auch heute – ich denke an Syrien –, ebenso Naturkatastrophen wie Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte; ich habe den Tsunami vom März 2011 vor Augen, der in Japan die FukushimaKatastrophe auslöste. „… schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen.“ In Kriegen kommt das Feuer vom Himmel, es tötet und terrorisiert die Menschen. Die Christen im Irak und in Syrien werden vom Islamischen Staat, von Syrern, Türken und Kurden verfolgt. In einem seiner Ursprungsländer droht das Christentum zu verschwinden. Hier sind wir aufgerufen zur anwaltlichen und solidarischen Hilfe für einen Wiederaufbau der orientalischen Kirchen. In Zeiten der „fake news“ ist die Lüge, die Menschen manipuliert, für viele von der Wahrheit kaum zu unterscheiden. Wir sind aufgerufen zum korrigierenden Wort, besonders dort, wo Rassismus und Antisemitismus laut werden und sich Gewalt gegen Menschen richtet.
Aber was sagt mir diese Bibelstelle für mein persönliches Leben? Kann es hier nicht auch Katastrophen geben, die für mich die Wirkung eines apokalyptischen Tsunamis haben, die mich in eine bodenlose Verzweiflung stürzen ohne Ausweg und Hoffnung? Die mir Angst machen, als ob die Kräfte des Himmels erschüttert würden? Schwere Krankheiten, Formen von stofflicher und psychischer Abhängigkeit, Missbrauch, Gewalterfahrung, Scheitern im Beruf, Absturz in die Armut, Verlust des Partners durch Trennung oder Tod, zu Boden drückende Schuld? Ich erfahre mich alleingelassen, ohnmächtig – ausgeliefert. In einer solchen Lebenskrise blieb mir nur noch – ich habe dieses Bild immer vor Augen – ähnlich wie Jesus am Kreuz (Mt 27, 46; Ps 22, 2) zu schreien: „Mein Gott, wo bist du? Lass mich doch nicht untergehen!“ Ich spürte, selbst in tiefster Verzweiflung: Ich werde nicht Gott los! Er ist da! Er geht mit mir, er hält mich, er hält mit mir durch.
Es war ein langer Weg, ein dunkler, schmerzvoller Weg, aber er führte ans Licht, ins Leben. Von dieser Erfahrung erzähle ich. Sie ist mein Zeugnis.

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