Geistliches Leben

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Gerufen und geachtet. Gedanken zum Lukas-Evangelium 19, 1–10.

Jesus sieht in Zachäus nicht den Zöllner und Sünder

Ich erinnere mich noch gut an einige Zirkusvorstellungen, in der kleinwüchsige Personen durch das Programm führten oder als Clown das Publikum erheiterten. Oder an das Buch von Günter Grass „Die Blechtrommel“ und die Verfilmung von Volker Schlöndorff, in der der kleine Oskar beschließt, nicht mehr wachsen zu wollen und sich später einer Gruppe kleinwüchsiger Menschen anschließt.
Vor einigen Wochen gab es in der ARD eine Sendung „Echtes Leben – Wahre Größe – Alltag von kleinwüchsigen Menschen“. Früher wurden sie vielfach „Liliputaner“ oder „Zwerge“ genannt. Diese Bezeichnung benutzt man aber nicht mehr. Heute spricht man von „extremen Kleinwuchs“. Das bedeutet eine Körpergröße unter 150, oft nur 120 Zentimeter. Sie werden in unserer Gesellschaft zum Teil immer noch als „Sonderlinge“ wahrgenommen.
Als Rollstuhlfahrer erlebe ich die Welt „von unten“. Wie gut tut es da mal über die Köpfe von stehenden Menschen hinweg zu schauen. Neulich bei einem Openair-Popkonzert hatten sie für Menschen mit Behinderung ein Podest aufgebaut, von dem man freie Sicht auf die Bühne hatte. Ein schönes Gefühl.
Im Evangelium erzählt Lukas die Geschichte von Zachäus. „Er war klein!“ War Zachäus kleinwüchsig? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall versperrte ihm die Menschenmenge die Sicht auf Jesus. Etwas muss ihn an Jesus fasziniert haben, dass er die kluge Idee hatte, auf einen Baum zu steigen. Zachäus war „oberster Zollpächter“. Zollstellen wurden von den Römern an Zollpächter verpachtet. Im Vorfeld musste eine bestimmte Geldsumme gezahlt werden. In der Pachtzeit musste der Pächter versuchen, das Geld wieder hereinzuholen. Es erlag also im Ermessen des Pächters, die Höhe des Zolls festzulegen. Und Zachäus muss wohl kräftig Zoll verlangt haben und somit zu großem Reichtum gekommen sein. In der jüdischen Bevölkerung war er dadurch und durch seine Zusammenarbeit mit der römischen Besatzungsmacht verhasst. In religiöser Hinsicht galt er als Sünder, der mit ausbeuterischen Methoden die Gesetze des Moses übertreten hatte.
Neben seiner kleinen Körperstatur und seinem Beruf als Oberzöllner war er in der Bevölkerung doppelt isoliert. Wir können nur vermuten, dass diese doppelte Isolation ihn dazu getrieben hat, in abenteuerlicher Weise auf einen Maulbeerfeigenbaum zu steigen. Solch ein Baum konnte bis zu 15 Meter hoch werden, hatte dichtes Laub und war mit seinen starken Ästen der ideale Ort, Jesus zu sehen. Jesus war in Jericho auf dem Weg nach Jerusalem. Es ist sein letzter Weg und entsprechend für Zachäus die letzte Chance, Jesus zu begegnen. Und diese Begegnung ist sehr spannend.
Nicht Zachäus ergreift die Initiative, es ist Jesus, der handelt. Er entdeckt ihn und spricht ihn mit seinem Namen an. Trotz der großen Menschenmenge hat Jesus den Blick für den einzelnen Menschen. Wie gut tut es, wenn jemand dich bei deinem Namen nennt und du nicht in der Masse untergehst. Es kommt zu einer persönlichen Begegnung, in der weder das körperliche Aussehen noch der Beruf zählt. Eine Begegnung von Mensch zu Mensch. Jesus lädt sich und wahrscheinlich seine ganze Jüngerschar in  das Haus des Zachäus ein. Er geht vom öffentlichen Raum weg in einen geschützten familiären Raum. Die Leute sind irritiert. Wie kann Jesus nur bei einem „Zöllner und Sünder“ zu Gast sein? Aber Jesus macht keine Unterschiede. Er ist zu Reichen und Armen gesandt.
Wir können von einer „Inklusionsgeschichte“ sprechen. Jesus überwindet gesellschaftliche Barrieren und holt Zachäus vom Rand in die Mitte, vom Baum herab auf die Erde. Im Gespräch zu Hause ist wahrscheinlich einiges auf den Tisch gekommen. Vielleicht das schlechte Gewissen, das Zachäus quält wegen seiner skrupellosen Geschäfte. Oder sein gestörtes Verhältnis zu seinen Mitmenschen, die ihn meiden und das ihn unglücklich macht. Zachäus spürt, dass Jesus ihn annimmt so wie er ist, trotz seiner Schuld und Selbstzweifel.
Diese bedingungslose Annahme ist die Voraussetzung, dass Zachäus sein Verhalten ändert. Er will die Hälfte seines Vermögens den Armen geben und jenen, von denen er zu viel gefordert hat, das Vierfache zurückgeben. Wenn man den hebräischen Namen „Zachäus“ mit „der Reine“ oder „der „Gerechte“ übersetzt, macht er seinem Namen Ehre, denn er sorgt nachträglich für Gerechtigkeit. Und Jesus schenkt ihm das allumfassende Heil. Jesus ist die Person, die den Suchenden wieder Orientierung gibt. Wir können nur hoffen, dass Zachäus nach seiner Kehrtwendung seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat.

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