Geistliches Leben

Mittwoch, 14. August 2019

Gott in der Welt zum Leuchten bringen

Christ-Sein verlangt nach Leidenschaft und Entschiedenheit - Gedanken zum Lukas-Evangelium 12, 49-53 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

Viele der bekanntesten und bedeutendsten Worte Jesu beginnen mit: „Ich bin gekommen …“ oder „Der Menschensohn ist gekommen …“. In ihnen legt Jesus Zeugnis dafür ab, wer er ist und wie er seine Sendung versteht. Er offenbart sich als Heiland derer, die von anderen aufgegeben worden sind oder sich selbst aufgegeben haben: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Als der, der durch sein Beispiel zu einem Leben für andere aufruft: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Als der, der den Menschen den tiefsten Sinn der Gebote Gottes erschließt: „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17).

Mit diesen und anderen Worten zeigt Jesus, dass er ganz auf der Seite Gottes steht und von ihm gesandt ist. Ja, mehr noch: Durch die Worte „Ich bin …“ nimmt Jesus für sich den alttestamentlichen Gottesnamen in Anspruch: „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14) und erweist sich so als Gottes Sohn. Zugleich zeigt Jesus, dass er ganz auf der Seite der Menschen steht. Er ist Mensch geworden, damit Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens anbricht. Er ist gekommen, um Trennungen zu überwinden, Menschen aus ihrer Vereinzelung herauszuholen und sie mit Gott und untereinander zu versöhnen.

Ganz anders – zumindest auf den ersten Blick – das Jesuswort, das im Zentrum des Evangeliums vom 20. Sonntag im Jahreskreis steht: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lk 12,49). Statt von Gemeinschaft redet Jesus von Spaltung. Statt von Versöhnung von Zwietracht, statt von Heilung von verzehrendem Feuer. Das Feuer-Wort zeigt eine Seite an Jesus, die ganz anders ist als das, was die Bibel sonst von ihm erzählt. Eine Seite, die verstört, weil sie nicht zum gewohnten Jesus-Bild als Heiland und Friedensfürst, als Versöhner und Tröster zu passen scheint. Eine Seite, die Widerstand hervorruft, weil sie schreckliche Assoziationen an die „Feuer-Werfer“ unserer Zeit weckt: An die Machthaber kriegsführender Länder, die mit Raketen ganze Städte in Schutt und Asche legen. An Demonstranten, die Molotow-Cocktails werfen und Autos in Brand setzen, weil ihnen die Argumente ausgegangen sind. An Politiker, die mit Worten zündeln, um ganze Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzustacheln. Aber all das hat nichts damit zu tun, was Jesus meint, wenn er sagt, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Ihm geht es weder um Gewalt und Vernichtung noch um Hetze und Ausgrenzung. Worum aber dann?

Mit seinem Feuer-Wort greift Jesus auf die Bildersprache seines jüdischen Volkes zurück. Feuer ist im Alten Testament ein zentrales Symbol für den sich selbst offenbarenden Gott. Vor allem in der Erzählung, wie Gott Mose seinen Namen kundtut: im Feuer, das brennt, ohne den Dornbusch zu verbrennen (vgl. Ex 3,2). Aber auch an anderen Stellen: im Bild von der Feuersäule, die dem Volk Israel den Weg zeigt (vgl. Ex 13,21). In der Erzählung vom Berg Sinai, der in Rauch und Feuer eingehüllt ist, als Mose die Zehn Gebote empfängt (vgl. Ex 19,18). Oder in Prophezeiungen, dass Gott mit Feuer auf die Welt kommen wird, um seine Feinde zu vernichten (vgl. Jes 30,27). Das Bild vom Feuer steht dabei für Gottes wirksame Macht, für seine das Böse vernichtende Kraft, für seine leidenschaftlich lodernde Liebe.

Wenn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“, dann will er sagen: Durch meine Worte und Taten soll etwas von Gottes Herrlichkeit aufscheinen. Meine Sendung besteht darin, Gottes Macht und Liebe, ja Gott selbst in dieser Welt zum Leuchten zu bringen.

So sollen auch wir uns Jesu Wort zu eigen machen: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen“. Nicht indem wir als geistige Brandstifter populistische Hetzreden verbreiten und so den Hass zwischen Menschen schüren. Sondern indem wir mit Feuereifer Partei ergreifen für alle, die Opfer von Hass und Gewalt, von Krieg und Vertreibung sind. Nicht indem wir mitmachen, wenn bei Familienfesten, am Stammtisch oder am Arbeitsplatz mit pauschalen Vorurteilen gegen Ausländer, Flüchtlinge und Angehörige anderer Religionen Zwietracht gesät wird. Sondern indem wir bereit sind, jeder Form von Diffamierung offen entgegenzutreten – auch wenn das manchmal bedeutet, mit der eigenen Familie, mit Freund/innen oder Kolleg/innen in Konflikt zu geraten. Nicht indem wir noch Öl ins Feuer gießen, wenn Debatten um Seenotrettung, Flüchtlingskontingente und straffällig gewordene Ausländer aus dem Ruder zu laufen drohen. Sondern indem wir klare Grenzen setzen und uns mit brennender Leidenschaft für die Würde eines jeden Menschen einsetzen.
Mit all dem sollen auch wir mithelfen, dass Gottes Reich mitten unter uns gegenwärtig wird. Dass durch unser Feuer-und-Flamme-Sein für die Sache Jesu auch andere angesteckt werden und sich für ein Leben in seiner Nachfolge entscheiden. Dass durch unser konsequentes Eintreten für Benachteiligte Gott selbst in der Welt zum Leuchten gebracht wird.

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