Geistliches Leben

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Hört Gott, wenn wir bitten? Gedanken zum Lukas-Evangelium 18, 1–8.

Beten öffnet für Gott, auch wenn er scheinbar nicht antwortet

„Gib nicht auf zu beten, denn Gott wird dich unterstützen“, steht auf einem Aufkleber, der einen meiner Papierordner schmückt. Irgendwann spricht mich darauf eine Frau an. Sie macht sich große Sorgen um ihre Schwester, die eine schlimme Diagnose erhalten hat. Wir sprechen über das Beten und wie wichtig es für uns ist, in solchen Situationen mit Gott darüber reden zu können und auf seine Hilfe zu hoffen. Einige Zeit später erfahre ich, dass die Krankheit nicht besiegt wurde und sich der Zustand der Schwester kontinuierlich verschlechtert. Beten wir umsonst? Wozu flehen wir Gott an, wenn er scheinbar nicht reagiert?
Eine solche Situation ist die Nagelprobe des Glaubens. Kann ich Gott trauen? Kann ich davon ausgehen, dass er sich um mich kümmert? Oder ist alles Illusion und Vertröstung, um die Wirklichkeit abzumildern? Auch Jesus kennt diese Frage und greift sie mit dem vorliegenden Gleichnis auf.Die Geschichte erscheint in all ihrer Merkwürdigkeit eindeutig. Die Frau steht am untersten Ende der sozialen Leiter. Sie ist alleinstehend, ohne Rechtsbeistand, ohne Geld. Mit ihr kann jeder machen, was er will. Wenn sie keine Familie hat, steht ihr kein Schutzraum zur Verfügung. Normalerweise würde sich eine Witwe zur damaligen Zeit verstecken und froh sein, wenn sie nicht auffällt. Hier begegnen wir der ersten Merkwürdigkeit: Ein Mensch ohne Stimme pocht so beharrlich auf sein Recht. Und sofort folgt die zweite Merkwürdigkeit: Der Richter wird als eine Fehlbesetzung beschrieben. Er fürchtet weder Gott noch achtet er seine Mitmenschen. Er macht, was er will, die Frau ist ihm egal. Dieser mächtige Mann knickt vor der völlig unbedeutenden Frau ein. Ihr penetrantes Nachfragen wird ihm einfach zu dumm. Er denkt, es sei besser, er hat sie vom Hals.
Wer ist die Frau, wer ist der Richter? Die Frau ist leicht zu übertragen. Sie steht für einen Menschen, der mit existentieller Not zu Gott kommt und keinen anderen Ausweg mehr sieht, als dass Gott hilft. Und der Richter ist in gewisser Weise eine Negativfolie Gottes. Er hat Macht wie Gott, aber keine Liebe, keinen Respekt, keine Achtung. Er liebt nur sich selbst. Jesus schildert das Verhalten dieses Egoisten und deutet damit auf Gott. Wenn schon dieser Richter als komplette Fehlbesetzung der Frau Recht gibt, wie wird erst Gott Recht sprechen, der die Menschen liebt, der seinen Sohn zu ihnen geschickt hat, um ihnen seine Liebe zu beweisen.
Keiner und Keine soll zweifeln, dass Gott Gebete erhört. Deshalb dürfen wir unsere Not nicht einfach hinnehmen und sagen: Es soll eben so sein. Jesus will vielmehr, dass wir bitten, schreien und rufen. Er lehnt es ab, dass wir alle Schmerzen und alles Unrecht dieser Welt passiv über uns ergehen lassen. Gott beugt sich zu uns herab. Er schlüpft unseretwegen sogar in die schäbige Rolle des Richters, um daran seine Liebe zu uns zu verdeutlichen. Er interessiert sich für uns und weiß, was wir brauchen.
Trotzdem: Wegen mancher Sorge beten wir lange, manchmal jahrelang, und nichts tut sich. Und dann sagt Jesus hier im Gleichnis, dass Gott den Seinen unverzüglich Recht verschafft. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen? Vielleicht so: Oft bleibt Hilfe aus, chronische Schmerzen verschwinden nicht, das Leid bleibt. Dann können wir uns an die Zusage klammern, dass Gott für uns eintreten wird. Aber den Zeitpunkt bestimmt er. Während wir bitten, wird die Zeit lang, doch vom Ziel aus betrachtet bekommt die Wartezeit einen Sinn als Vorbereitung auf Gottes Weg mit uns. Die Schlussworte Jesu im Gleichnis hören sich fast wie eine Drohung an: Wehe, er findet keinen Glauben, dann wird es uns übel ergehen. Doch wir können sie auch anders hören, nämlich als Werben um Antwort auf Gottes Liebe: Wird Jesus unter uns Menschen finden, die ihm vertrauen? Die ihm ihr Innerstes offenlegen und Hilfe erwarten? Viele von Jesus Geheilte hörten Gott, wurden gesund und änderten ihr Leben. Aber es gab auch die zwei Jünger, die sich Plätze im Himmel neben Jesus reservieren lassen wollten. Dazu sagte Jesus nein, denn er durchschaute sie und ihre sehr egoistischen Motive. Manches, was für mich gut scheint, ist nicht gut. Und eine weitere Antwort gibt Gott der bittenden Witwe: Sie klopft lange an die Tür des Richters. Gott sagt zu ihrer Bitte „noch nicht“. Dann ist es wichtig, dranzubleiben und nicht aufzugeben, auch wenn es mühsam ist.
Das anhaltende Gebet verändert und regt an: Ich strecke mich aus nach dem, was Gott mir schenken will, ich werde sensibel für seinen Willen, auch wenn am Ende alles ganz anders aussieht als mein anfänglicher Wunsch. Dann kann ich Gott nur danken, dass er sich mit mir auf den Weg gemacht und mich so geformt hat. Gott liebt mich, er ist keine Fehlbesetzung, sondern mein Vater im Himmel, der mich nicht vergisst.

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