Geistliches Leben

Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

Zu den beliebtesten Psalmen gehört Psalm 23. Er spricht von Gott als dem Hirten, der auch in finsterer Schlucht uns begleitet und dessen Stock und Stab uns Zuversicht geben. Der Vergleich mit einem Hirten kann uns den Zugang zu Gott öffnen. Auch auf diesen Psalm 23 greift Jesus in seinem Gleichnis von der Tür und dem Hirten zurück.

Vielseitig ist die Funktion einer Tür. Sie gibt Sicherheit und verhindert, dass Unbefugte einen Raum betreten. Sie vermag einen behüteten Bereich von einer gefährlichen Außenwelt abzuschirmen, und sie lädt ein, sich in die Geborgenheit eines geschützten Raums zurückzuziehen. Zu ihm haben Diebe und Räuber keinen Zugang. Die Tür ermöglicht beides: ein- und auszugehen und je „nach Bedarf“ im umzäunten Raum der Gemeinschaft aufgehoben zu sein oder den Schritt in das Neue und Unbekannte zu wagen und neue Erfahrungen zu sammeln. Die geöffnete Tür gibt Blick und Weg in eine offene Zukunft frei. Hier bietet sich eine reichlich gefüllte Weide an, auf der das Lebensnotwendige zu finden ist – bereits ein Hinweis auf die Fülle des Lebens im Reich Gottes, zu dem Jesus den Zugang eröffnet.
Zum Leben gehören mehr als Nahrung und Kleidung, Unterkunft und angemessene Bildung, Arbeit und Freizeit. Leben umfasst auch den Einsatz für Gerechtigkeit und das Gute in der Welt, für das, was wirklich zählt – vor allem aber die Sehnsucht nach einem Sinn im Leben und nach einer Erfüllung über den Tod hinaus.

Jesus bezeichnet sich nicht nur als Tür zu Gott, bei dem die Menschen ihr Heil finden und gerettet werden. Er bietet sich auch als Zugang zum Menschen an. Zugang zu einem Menschen findet jemand, der sich ihm öffnet und zuhört, der auf einer Stufe mit ihm steht und auf ihn eingeht, der seine Probleme und Sorgen erkennt und sieht, woran er leidet. Er nimmt ihn an und lässt ihn spüren, dass er ihm wichtig ist. „Diebe und Räuber“ interessieren die Menschen nicht. Sie haben es nur auf den eigenen Vorteil abgesehen. Für sie ist nur ihr persönlicher Gewinn wichtig. Es zählt nur das eigene Ego. Dafür setzen sie notfalls auch das Leben von Menschen aufs Spiel.

Viele Gesichter haben die „Diebe und Räuber“ unserer Tage. Wenn jemand z.B. andere mobbt, um sie klein zu machen, oder sich auf Kosten anderer breit macht; wenn einer Attentate verübt, um ans Geld zu kommen und materielle Vorteile zu haben oder um seine Ideologie durchzusetzen; wenn Menschen Wahlen und Wahrheit manipulieren, um die eigene Macht zu steigern – dann tragen sie heute das Gesicht von „Dieben und Räubern“, die „nicht durch die Tür hinein gehen“.

Im Gleichnis vom Hirten und den Schafen fällt besonders die Beziehung zwischen Hirt und Herde ins Auge. Jesus gibt jedem Einzelnen  einen Namen, nicht eine Nummer. Keiner wird von ihm übersehen. Jeder trägt als Geschöpf einen Namen und ist für ihn als Person und Ebenbild Gottes wertvoll. Jeder hat seine Würde, der Behinderte wie der besonders Begabte, der (noch-) nicht integrierte Flüchtling wie der Bürger, der auf einen langen Stammbaum in seinem Land verweisen kann.

Die Beziehung zwischen dem Hirten und den Schafen ist nicht einseitig. Sie ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Die Schafe kennen die Stimme des Hirten und hören auf ihn. Sie spüren, dass sie gerufen sind. Der Ruf Jesu ergeht an jeden einzelnen, damit jeder für sich selbst die Antwort findet. Das gegenseitige Vertrauen ist tragfähig. Die Herde folgt dem Hirten Jesus, auch wenn er sie hinaustreibt aus dem vertrauten und gewohnten Raum. Er mutet denen, die zu ihm gehören und ihm folgen, das Wagnis der Freiheit zu.

Wo wir Christen nur selbstgenügsam um tradierte Gewohnheiten kreisen und uns zufrieden geben mit dem, was geworden ist, treibt er uns hinaus. Wir müssen selbst erkennen, was uns hilft, aus unserem Glauben heraus unserer Verantwortung für die Welt gerecht zu werden. Dazu bedarf es der Klugheit und des Respekts vor der Schöpfung und vor den Mitmenschen. Angst vor dem Scheitern brauchen wir nicht zu haben, denn Jesus geht seiner Herde voraus.
Im Vertrauen auf ihn wird die Kirche als Gemeinschaft von Christen, die einander stützen, oft aufbrechen, sich weiter fortbewegen und auf dem Weg bleiben. So wird sie sich erneuern, reformieren, und neue Lebensräume für sich und die Gesellschaft entdecken und die nötige Antwort geben. Sie ist nicht auf sich allein gestellt, denn ihr Hirte will sie auf „die grüne Weide“ führen.

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