Geistliches Leben

Mittwoch, 08. November 2017

Kluge sind aufmerksam und wachsam

Wer bereit ist für Jesus Christus, darf das große Fest mitfeiern – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 25, 1–13 von Diplom-Theologe Stefan Dreeßen

Das heutige Evangelium beschäftigt sich mit drei menschlichen Tugenden, die es wert sind, sie näher in den Blick zu nehmen: Die Wachsamkeit, die Klugheit und die Bereitschaft.

In den langen Jahren, die ich als Autofahrer unterwegs bin, ist es mir einmal passiert, dass ich fast gegen die Leitplanke gefahren bin. Grund war Übermüdung und einsetzende Dunkelheit.  Zum Glück konnte ich das Auto im letzten Moment gegensteuern, so dass es zu keinem Unfall kam. Mir war das aber eine Lehre, in Zukunft wachsamer und aufmerksamer zu sein. Wachsamkeit ist eine wichtige geistige Fähigkeit. Es bedeutet, im Hier und Jetzt zu leben, vorsichtig zu sein, voraussichtlich zu denken und sich der Verantwortung bewusst zu sein, was alles passieren könnte.

Auch von den zehn Jungfrauen im heutigen Sonntagsevangelium wird hohe Wachsamkeit verlangt. Sie warten auf den Bräutigam, der sie mit zum Hochzeitsfest nehmen soll. Durch laute Rufe in der Nacht aufgeweckt machen sie sich auf und gehen dem Bräutigam entgegen. Und fünf von ihnen sind gut vorbereitet. Sie haben außer den Lampen noch Öl in Krügen dabei. Und sie sind der Meinung, dass das für sie reichen müsste.

Die törichten Jungfrauen haben an zusätzliches Öl nicht gedacht. Haben sie einen Fehler gemacht? Reicht das Öl in ihren Lampen, um den Bräutigam zu treffen? Sind sie unaufmerksam oder „schludrig“ gewesen? Oder ist es allzu menschlich und kann schon mal passieren? Ich glaube, es wäre ihnen bestimmt vom Bräutigam nicht angerechnet worden, wenn sie mit nur wenig Öl in ihren Lampen bei ihm erschienen wären. Sogar, wenn das Licht ihnen ganz ausgegangen wäre. Der Bräutigam hätte bestimmt nicht die Menge des Öls geprüft. Es sind sie selber, die sich einreden lassen, die Menge des Öls reicht nicht. Im Text heißt es: „Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen uns unterwegs die Lampen aus. Die Klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht.“

Und hier kommt das Gegenteil von Klugheit, die Dummheit ins Spiel. Sie hören auf die anderen und machen sich auf den Weg, um Öl zu kaufen. Und in dem Moment, wo der Bräutigam kommt, sind sie nicht da. Wenn wir in dem Bräutigam Christus sehen, verpassen sie den entscheidenden Zeitpunkt der Begegnung mit Christus. Es kommt zu keiner Beziehung zwischen den törichten Jungfrauen und dem Bräutigam. „Dumm gelaufen“, möchte man meinen. Aber es wird noch schlimmer. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ könnte man auch sagen. Später erinnert sich der Bräutigam auch nicht mehr an sie, als sie mit gefüllten Öllampen vor dem Hochzeitssaal stehen. „Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht!“ Es ist kein Wunder, denn vorher hat es ja keine Begegnung gegeben. Es kommt also auf das „Kennen-lernen“ an. 

Wer sich kennt, darf am Hochzeitsfest teilnehmen. Wer unbekannt ist, so hart es auch klingt, muss wohl draußen bleiben. Die klugen Jungfrauen – und das spricht für ihre Klugheit – waren am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt. Sie kannten den Bräutigam und er kannte sie. Übertragen auf unser Leben bedeutet das: An unserer Beziehung zu Christus entscheidet sich, ob unser Leben in einem großen Hochzeitsfest, dem ewigen Leben, endet. Oder ob mit dem Tod alles aus ist und wir vor verschlossenen Türen stehen. Der Schlüssel zum Reich Gottes ist die Beziehung, die Freundschaft zu Jesus, zu Christus.

Der letzte Punkt ist die Bereitschaft, sich auf die Begegnung mit Christus einzulassen. Vor  Jahren haben wir von der Seelsorge für Menschen mit einer Behinderung eine Designerin beauftragt, den Begriff „Inklusion“ in einem Bild auszudrücken. Sie schuf eine grüne Sonne mit vielen Strahlen und in deren Mitte eine Vielzahl von verschiedenfarbigen Punkten. Das sollte ausdrücken, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit, ob sie eine Behinderung haben oder nicht, von Anfang an zur Gemeinschaft dazu gehören. Sie gehören vom Rand in die Mitte. Unter diesem Bild hat sie das Wort „Bereit“ mit einem Fragezeichen geschrieben. Was wollte sie damit ausdrücken? Bin ich bereit, Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe zu begegnen? Bin ich bereit, ihnen einen Platz in der Mitte zu geben? 

Jeder Christ ist aufgefordert, in seinem Nächsten Christus zu begegnen. Habe ich genügend Öl, damit das Licht in der Lampe ausreichend leuchtet. Habe ich alle wichtigen Vor-bereit-ungen getroffen? Wenn ja, dann dürfen wir uns auf ein großes Fest freuen.

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