Geistliches Leben

Donnerstag, 11. Januar 2018

„Meister, wo wohnst du?“

Mit Jesus an der Seite gewohnte Sicherheiten hinter sich lassen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 1, 35–42 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Ich hielt den Hörer noch in der Hand, / und als ich noch starr vor Schrecken stand, / wurde mir erst bewusst, ich hatte soeben / mein Einverständnis für eine Homestory gegeben.“ So beginnt ein Lied von Reinhard Mey aus den 80er Jahren. In seiner unvergleichlichen Art beschreibt der bekannte Liedermacher, wie er von einer Reporterin und einem Fotografen heimgesucht wird, die ihn in seinen eigenen vier Wänden interviewen wollen. Natürlich endet das ganze so, wie es enden muss: im Chaos.

Homestories gehören seit Jahrzehnten zum unverzichtbaren Repertoire vieler Medien. Politiker zeigen sich gerne – besonders zu Wahlkampfzeiten – als liebevolle Ehemänner/-frauen und Familienmenschen. Schlagerstars gewähren ihren Anhängern einen exklusiven Einblick in ihr Privatleben. Sportler lassen sich mit Freundin, Eltern oder Hund (oder allem zugleich) ablichten, um zu demonstrieren, dass sie trotz Millionengagen auf dem Boden geblieben sind. Wer solche Stories nicht mit dem verklärten Blick eines Fans ansieht, der weiß freilich, wie weit entfernt sie von der tatsächlichen Wirklichkeit sind.

Von einer Homestory der ganz besonderen Art erzählt das Sonntagsevangelium. Zwei Jünger des Johannes folgen Jesus. Und als er sie fragt, was sie wollen, fragen sie zurück: „Meister, wo wohnst du?“ Er antwortet: „Kommt und seht“, und sie folgen ihm.

Die Frage der Jünger ist natürlich verständlich. Sie wollen den, dem sie ihr Leben anvertrauen wollen, gerne näher kennenlernen. Und was ist eher Spiegel der Persönlichkeit eines Menschen als sein Zuhause: sein Wohnstil, seine Umgebung und vor allem auch die Menschen, mit denen er sein Leben teilt. Das, was Jesus gezeigt hat, muss die Jünger dann auch zutiefst beeindruckt haben. Denn sie werfen augenblicklich ihre Pläne über den Haufen und bleiben bei ihm. Ja, mehr noch. Sie machen sich auf und sorgen dafür, dass auch noch andere in Jesu’ Wohngemeinschaft einziehen.

Johannes erzählt uns leider mit keiner Silbe, was die Jünger gesehen haben, als Jesus ihnen zeigte, wo er wohnt. Andere Bibelstellen geben uns jedoch eine Ahnung von den Wohnverhältnissen Jesu. Ursprünglich hatte er ja ein Zuhause – in Nazaret. Doch um seiner Sendung willen gab er die Perspektive auf, ein gesichertes Leben als Handwerker mit einem Haus und einer eigenen Werkstatt auf. Als ihn seine Familie nach Hause holen wollte, weigerte er sich, mitzugehen. Und als ein Schriftgelehrter zu Jesus kam und ihm folgen wollte, da bekam er lediglich zur Antwort: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20).

Jesus war keiner, der es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich gemacht hat, der sich seine eigene kleine, heile Welt geschaffen hat, der sich krampfhaft festhielt an dem, was er mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Seit seiner Taufe zieht Jesus unablässig umher, auf der Suche nach den verlorenen Schafen Israels. Seine Wohnung ist dort, wo die Menschen sind, zu denen er sich gerufen weiß. Er kehrt ein bei denen, die aus den Wohngemeinschaften der Dörfer und Städte ausgeschlossen sind: bei den Zöllnern und Dirnen.

Wenn es im Evangelium heißt, dass die Jünger jenen Tag bei ihm blieben, dann bedeutet das: Seit dieser Begegnung teilten sie seinen Lebensentwurf. Sie lebten fortan im Wissen, dass sie hier keine bleibende Stadt haben, sondern die Künftige suchen (vgl. Hebr 13,14), dass ihr Ort an der Seite jener Menschen ist, die heimatlos (im wörtlichen und im übertragenen Sinn) oder auf der Flucht (vor anderen oder vor sich selbst) sind. Eine große Zumutung für alle, die ihren Selbstwert daran messen, wie groß ihr Grundstück, wie teuer ihre Wohnung, wie modisch ihr Einrichtungsstil ist!

In dem Lied von Reinhard Mey kehrt eine Zeile immer wieder: „Erzähl’n sie mir einfach, wie alles begann!“ Dabei ist die Journalistin offensichtlich gar nicht wirklich daran interessiert, was der Star ihr über den Beginn seiner Karriere erzählen kann. Am Ende stellt sich nämlich heraus, dass die Homestory bereits vor dem Besuch der Reporterin so gut wie fertig war.

Bei Jesus war und ist das anders. Wer bei ihm einkehrt, dessen Weg ist alles andere als fertig. Er muss bereit sein, sich von manchen Bequemlichkeiten zu lösen, in die er sich im Laufe seines Lebens eingeigelt hat: etwa von seinen zementierten Vorurteilen über andere Menschen oder von seinem selbst gezimmerten Gottesbild. Aber damit kann wirklich ein neues Leben beginnen, etwas unerhört Großes, das dem Leben eine neue Tiefe und eine ungeahnte Freiheit gibt.

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