Geistliches Leben

Donnerstag, 08. Februar 2018

Mit mir ins Reine kommen

Wie viele Masken trage ich im Leben? Wie viele Rollen spiele ich? – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 40–45 von Diakon Hartmut von Ehr

Im Januar kam der Katalog. Auf 250 Seiten bietet er alles zum Verkleiden für Fasching oder Karneval: Clowns, Tierkostüme, Eiszeit, Steinzeit, Mittelalter, Piraten, Cowboy und Indianer, Traumberufe, Sportidole, Hexen, Vampire und Teufel und natürlich auch die Ringelshirts. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Wer bei diesem Versandhandel bestellt, macht das nicht ohne Vorsatz. Als was oder wer will ich in diesem Jahr gehen? Nach was steht mir der Sinn? Raus aus dem Gewohnten, mal jemand ganz anderes sein. An Karneval ist alles einfach: der Rhythmus der Lieder, die Texte zum Mitsingen und vor allem das Kennenlernen. Denn dort ist ein Pirat ein Pirat und eine Meerjungfrau eine Meerjungfrau. Niemand fragt auf der Party: Was machst du beruflich?

Es ist unwichtig, was man verdient, wo man wohnt und ob man studiert hat. Du bist, was du trägst, und kannst endlich mal jemand anderes sein. „An Karneval machen wir Urlaub von der sozialen Rolle“, sagt Wolfgang Oelsner, Kinder- und Jugendpsychotherapeut an der Universität zu Köln. Denn im Urlaub seien die Menschen oft wie ausgewechselt. Sie tragen andere Kleidung, sprechen anders und bewegen sich sogar anders. „Alles ist unkomplizierter und unverkrampft. So ist es auch im Karneval.“

Das Phänomen, dass Kleider unser Verhalten bestimmen, kann man auch in der Pfarrei bei Kindern beobachten. Es ist doch spannend zu sehen, wie beim Krippenspiel nach kurzer Zeit jedes Kind genau die Rolle einnimmt, die es spielen soll, und sich damit auch identifiziert. Da werden Josef und Maria zu einem erst verzweifelten, dann glücklichen Paar, die Hirten kommen erst wie eine Bande Verbrecher und werden am Stall zu braven, hilfsbereiten Menschen, und die Könige schreiten erhaben zu der Krippe. Noch zwei Wochen vor Weihnachten waren sie bei den Proben wild in der Kirche umhergelaufen und haben Blödsinn gemacht.

Kleider verändern die Menschen. Jeans oder Anzug, Leggins oder Rock, unser Aussehen verändert das Verhalten. Wie viele Rollen haben wir im täglichen Leben zu spielen? Wie viele Masken ziehen wir uns das ganze Jahr über an? Wie lange brauche ich täglich im Bad, um meine Haare zu  stylen, meine Brauen zu zupfen, die Gesichtshaut zu cremen. Würde man alle Ratschläge befolgen, die uns die Werbung suggeriert, müssten  Stunden vor dem Spiegel verbracht werden.

Für mich ist erstaunlich, dass mit den Produkten für Lifestyle und Kosmetik auch die Werbung für Selbstfindungsliteratur und Selbstfindungsseminare steigt. Das „Ich“ wird zum Verkaufsschlager. „Finde zu dir selbst!“ „Schminke dich ab!“ „Komm zu deinem eigenen Ich!“ „Entdecke deinen wahren Kern!“ Die Titel der Seminare füllen ganze Programme von Bildungshäusern und auch von Klöstern. Auf der einen Seite steht die Aufforderung nach äußerer Schönheit, Styling, Modebewusstsein, auf der anderen Seite der Wunsch nach Selbstfindung und innerer Klarheit.

„Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, ruft ein Aussätziger Jesus zu. Eine der schlimmsten Krankheiten in der Antike war die Lepra, der Aussatz. Durch die hohe Ansteckungsgefahr mussten die Menschen raus aus ihren sozialen Bezügen, kamen vor die Stadt oder in einsame Gegenden, wo sie keinen Kontakt mit anderen haben durften. Krank und isoliert, von allem abgeschnitten, mehr tot als lebendig, aber eben doch noch am Leben. Jesu Antwort: „Ich will es – werde rein.“ Er schenkt dem Mann mit seiner Gesundheit auch alle seine Beziehungen zurück, die ihm wichtig und lebenswert sind.

„Mit sich ins Reine kommen“ ist eine bekannte Redensart. Und sie meint keine Momentaufnahme wie bei der Heilung des Aussätzigen. Es ist eine Lebensaufgabe. Wie viel kann ich aushalten, wie weit bin ich bereit, mitzumachen, wo liegen meine Schmerzgrenzen, wann reißt mein Geduldsfaden, muss ich das wirklich alles aushalten?

„Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, diese Bitte kann auch ich zu Jesus tragen. Wie viele Schichten habe ich im Laufe meines Lebens auf mich gelegt? Als Kind, das behütet aufwachsen durfte, in der Schule, die nach knallharter Erfolgspädagogik erzog, wo nur die guten Noten ein Weiterkommen ermöglichten, im Studium oder im Beruf, wo auch hier Leistung an erster Stelle kommt, in der Familie, wo Erwartungen und Verpflichtungen den Alltag bestimmen.

„Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, so ruft der Aussätzige voller Hoffnung Jesus zu. Ich will mit mir ins Reine kommen. Das ist die Sehnsucht vieler, die es satt haben, unter tausend Masken zu leben. Doch diese Masken sind nicht so schnell abgeschminkt wie jene der Fastnacht.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Hartmut von Ehr
13. Dezember 2018

Allen Grund zur Freude, jetzt schon

Advent: Über unserem Leben liegen Verheißung und Hoffnung – Gedanken zum Lukas-Evangelium 3,10–18...


06. Dezember 2018

Den Weg des Herrn ebnen

Die Umkehr zu Gott befreit aus der Engel – Gedanken zum Lukas-Evangelium 3, 1–6 von Studiendirektor...


Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren