Geistliches Leben

Mittwoch, 27. Mai 2020

Neuschöpfung

Wunder von Pfingsten: Geist schafft der Liebe Raum

Die Ausgießung des Heiligen Geistes auf den Zwölferkreis und Maria, dargestellt in einem Buntglasfenster. (Foto: Pio Si/AdobeStock)

Dieses Jahr fallen Pfingsten und das jüdische Fest Schawuot – man nennt es auch das Wochenfest – zusammen. Beide Feste stehen für die Kernbotschaften von Christentum und Judentum: Pfingsten für die „Gabe des Heiligen Geistes“, Schawuot für die „Gabe der Tora“. Tora bedeutet Weisung oder Lehre und meint im engeren Sinn die fünf Bücher Mose. Sie bilden den Kern der hebräischen Bibel, in ihnen ist das „Gesetz“ enthalten, das Gott seinem Volk geschenkt hat als Wegweisung für ein erfülltes Leben. Kern des Gesetzes sind die Zehn Gebote.
Schawuot ist das einzige jüdische Fest, das die Christen übernommen haben. Pfingsten und Schawuot werden jeweils am 50. Tag nach Pessach gefeiert, dem Frühlingsfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Für die Christen wurde aus dem „Paschafest“ Ostern, der Tag der Auferstehung Jesu Christi. Schawuot bedeutet Wochen. Zwischen Pessach und Schawuot liegen sieben Wochen. Das Wort Pfingsten kommt aus dem Griechischen und „pentēkostē hēméra“ bedeutet 50. Tag. Wir Christen feiern mit der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ auf die Jüngerinnen und Jünger Jesu die Geburtsstunde der Kirche.
Beide Feste haben eine innere Verbindung: Die Liebe Gottes zu seinem Volk, der will, dass es lebt „in Fülle und Freude vor ihm“ (Ps 16, 11). Beide Gaben, das Gesetz und der Geist, sind Gaben göttlichen Lebens. Es gibt weitere Verbindungslinien zwischen „Erstem“ und „Zweitem“ Testament: Im Johannesevangelium haucht Jesus die Jüngerinnen und Jünger an: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Das erinnert an die Erschaffung Adams im zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2, 4ff): Gott formte den Adam aus „Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem“ (Gen 2, 7). Der Prophet Elia begegnet am Horeb Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in einem sanften leisen Säuseln, in einem kaum wahrnehmbaren Hauch (1 Kön 19, 11f). Können wir sagen, dass Gott sich im sanften leisen Hauch eines liebevollen Kusses mitteilt?
Ein weiteres Urbild aus der hebräischen Bibel lässt Lukas in seiner Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte anklingen: Das Sprachenwunder – „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache verstehen?“ – erinnert an den Turmbau und die Sprachverwirrung in Babel: Keiner konnte mehr die Sprache des anderen verstehen. „Der HERR zerstreute sie über die ganze Erde“ (Gen 11, 7f). In Jerusalem geschieht das Gegenteil: Fromme Männer – sicher auch Frauen – aus allen Völkern mit ihren unterschiedlichen Sprachen kommen zusammen und sie verstehen die Sprache des Evangeliums. Die Sprachverwirrung ist aufgehoben. Das ist Botschaft des Lebens: Wenn Menschen sich zusammenfinden und verstehen, entfaltet sich und wächst das Leben.
Ein wichtiges Wort unserer Lesungstexte ist „alle“. So heißt es in der Apostelgeschichte: „alle“ befanden sich am selben Ort; in Jerusalem wohnten Männer aus „allen Völkern unter dem Himmel“; „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.“ Bei Paulus lesen wir: „Er bewirkt alles in allen“ und: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ Hier wird kein Mensch ausgegrenzt, niemand muss in Quarantäne, keiner bleibt draußen vor der Tür, Kontaktsperren und Isolation sind aufgehoben. Niemand wird diskriminiert aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seines Alters, seines Geschlechts oder aufgrund einer Krankheit. Allen kommen gleiche Menschenwürde, gleiche Menschlichkeit, gleiche Rechte zu. Gott wendet sein Gesicht liebend allen zu, ob Jude, Christ, Muslim, Buddhist oder Agnostiker: „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5, 5). Und diese Liebe lässt die Menschen wieder einander verstehen, sie öffnet die Herzen füreinander. Das ist das Wunder von Pfingsten: Der Geist schafft der Liebe Raum.
Lukas sagt uns noch etwas: Die Bilder vom Geistbraus, vom Sturm und vom Feuer sind – auch schon im Ersten Testament – Begleiterscheinungen einer Theophanie, einer Gotteserscheinung. Hier ist Gott selber am Werk, er ist da und handelt. Er überwindet Angst, öffnet Türen, reißt Mauern nieder. Sein Geist ist ein Geist der Leidenschaft und Fülle, in Bewegung setzende Kraft. Er ist der Geist der Neuschöpfung. Er macht uns zu neuen Menschen, zu liebenden Menschen, zu Menschen, die diese göttliche Liebe teilen – wie ein Virus sollen wir die Menschen damit anstecken: dreißigfach, sechzigfach, hundertfach (Mk 4, 20). So werden wir zu Mitschöpferinnen und Mitschöpfern des Reiches Gottes – hier und heute! Leibhaftiger Ausdruck solcher Geisterfahrung ist das Teilen von Brot und Wein, die geschwisterliche Umarmung und ein leidenschaftlicher Kuss. „Veni, creator spiritus – Komm, Schöpfer Geist!“

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