Geistliches Leben

Donnerstag, 12. Januar 2017

„Seht, das Lamm Gottes“

Mit Jesus Strukturen der Gewalt und des Unrechts durchbrechen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 1, 29–34 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Du Opfer!“ – Unter Jugendlichen ist dieses Schimpfwort weit verbreitet. Als „Opfer“ werden Menschen bezeichnet, die am Rand der Gesellschaft stehen, die sich nicht wehren können oder die ein Unglück erlitten haben. Auch die gelten als „Opfer“, die nicht „cool“ sind, weil sie körperlich oder aufgrund ihres Verhaltens nicht den gängigen Klischees entsprechen.

Soziologen weisen darauf hin, dass der Begriff „Opfer“ vor allem von Menschen gebraucht wird, die in ihrem Leben selbst schon „Opfer“ waren: aufgrund von Gewalterfahrung in Familie und Freundeskreis oder wegen eines Lebens in Armut und sozialer Ausgrenzung. Andere als „Opfer“ zu bezeichnen, ist dann der (untaugliche) Versuch, die eigene Schwäche zu kompensieren: Ich fühle mich (scheinbar) größer, indem ich andere klein mache.

Ebenso spiegelt die Redeweise „Opfer“ wider, dass Menschen ihr Leben immer mehr als „Wettkampf“ erleben. Die Bevölkerung spaltet sich auf in Sieger und Verlierer. In solche, denen es materiell gut geht und die einer akzeptierten Schicht angehören, und in solche, denen das Nötigste zum Leben fehlt und auf die man mit Verachtung herabblickt. Daraus aber resultieren Verlustängste, Konkurrenzdenken und gesellschaftlicher Neid. Andere als „Opfer“ abzuwerten, verleiht dann das trügerische Gefühl, selbst auf der Gewinnerseite zu stehen.

„Seht, das Lamm Gottes!“ So ruft Johannes der Täufer, als er Jesus am Jordan auf sich zukommen sieht. Er spielt damit auf die Opferlämmer an, die im jüdischen Kult zur Zeit Jesu eine große Rolle spielten.

Jesus – ein „Opfer“? Die Parallelen zum Gebrauch des Wortes „Opfer“ in der Jugendsprache sind auf den ersten Blick frappierend. Auch Jesus gehörte eher zu den gesellschaftlichen Verlierern. Das beginnt bereits mit den armseligen Umständen, unter denen er im Stall von Betlehem zur Welt kam. Als kleines Kind musste seine Familie mit ihm nach Ägypten fliehen, weil Herodes ihn aus dem Weg räumen wollte. Ab seinem öffentlichen Auftreten nach der Taufe am Jordan wurde er von vielen Menschen nicht verstanden, abgelehnt und sogar verfolgt. Schließlich geriet er in die Machtspiele der Führungsschicht seines Volkes mit der römischen Besatzungsmacht. Er wurde zum Sündenbock gemacht, aufs Kreuz gelegt und schließlich aus dem Weg geräumt.

Doch Johannes geht es mit seinem Ausspruch vom Lamm Gottes um etwas ganz anderes. Für ihn ist Jesus alles andere als ein „Opfer“ im Sinne von „Loser“, von Verlierer. Von der ersten Begegnung am Jordan an spürt Johannes, dass es mit Jesus etwas Besonderes auf sich hat. Er ist es, „der die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Doch was ist damit gemeint? Es geht um die „Ur-Sünde“ der ganzen Schöpfung, die darin besteht, alles nach irdischen Maßstäben auszurichten und sich den Mechanismen von Gewalt und Unrecht zu unterwerfen. Die Redeweise vom „Opfer“ ist sichtbarer Ausdruck dafür: Die Angst, zu kurz zu kommen, bringt uns unweigerlich dazu, die Menschen in Sieger und Besiegte einzuteilen. Die Sehnsucht nach immer mehr lässt uns in Konkurrenz treten – zu Geschwistern, Arbeitskollegen und anderen, gegen die wir uns scheinbar behaupten müssen. All das aber geht nicht ohne „Opfer“!

Jesus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jesus hat sich freiwillig zum „Opfer“ gemacht. Dabei wäre es für ihn als Gottessohn ein Leichtes gewesen dreinzuschlagen, um sich gegen seine Angreifer zu behaupten. Doch Jesus weiß darum, dass sich die „Sünde der Welt“ nicht mit der Logik weltlicher Machtspiele, sondern nur mit der Ohnmacht göttlicher Liebe besiegen lässt. Einer Liebe, die sich solidarisch erklärt mit allen, die in den Augen der „Welt“ als „Opfer“ gelten. Einer Liebe, die sich aus dem Wissen speist, von Gott geliebt und gewollt zu sein, und die deshalb aufhören kann, ihren Selbstwert daraus zu ziehen, dass man andere kleiner macht. Einer Liebe, die sich bis zum Tod aufopfert, weil sie darauf vertraut, dass Gottes Liebe größer ist als die Macht der Sünde und des Todes.

Das Sonntagsevangelium lädt ein, unser Leben kritisch zu hinterfragen: Wo bin ich gefangen in der „Sünde der Welt“: in den Mechanismen der Auf- und Abwertung anderer Menschen? Wo werde ich getrieben von der Angst, zu kurz zu kommen? Wo zeige ich mit dem Finger auf vermeintliche „Opfer“, um mein Ego zu befriedigen?

Und dann dürfen wir mit Johannes auf Jesus blicken: auf das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Wenn wir ihm nachfolgen und uns seinem Geist öffnen, dann fangen wir an, die innerweltlichen Strukturen von Macht und Ohnmacht, von Gewinnern und Verlierern zu durchbrechen. Dann öffnet sich auch über uns und durch uns der Himmel. Dann wird mitten unter uns Gottes Reich sichtbar, in dem es keine „Opfer“ mehr gibt.

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