Geistliches Leben

Mittwoch, 20. November 2019

Der Vollendung entgegenwarten. Gedanken zum Matthäus-Evangelium 24, 37–44

Und die gegebene Zeit nach allen Kräften in Liebe gestalten

Die Worte des Paulus sind die Ouvertüre zum folgenden Evangelium. „Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf“, ruft er in Anbetracht der Mahnung Jesu „Seid wachsam. Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Paulus lebt in der Naherwartung des Herrn. Die österliche Erhöhung Jesu versteht die Urgemeinde nicht als den Abschied von Jesus auf unbestimmte Zeit, sondern als Beginn einer endzeitlichen Wirklichkeit. Man erwartet in Kürze mit Jesu Kommen zum Gericht (der „Parusie“) die Vollendung der Zeit.
Wie immer in seinen Briefen zieht Paulus aus der Zusage des Wirkens Gottes ethische Konsequenzen für die Gläubigen. Er stellt die Liebe als höchste Form, als Erfüllung des Gesetzes, in den Mittelpunkt: „Bleibt niemand etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer“ (Röm 13,8). Angesichts der Endzeit zählt nur die Liebe, durch die schon die Gegenwart erhellt wird.
Doch das Ende kommt nicht. Die Jahre vergehen und erst nach und nach lernen die Christen, dass die Geschichte dieser Welt, dass die Geschichte des eigenen Lebens schon zum vorläufigen Advent wird, zum Ort und zur Zeit für die Ankunft Jesu. Im Laufe der Zeit wird aus der Nah-Erwartung eine „Stets-Erwartung“: Bis zum endgültigen Erscheinen Jesu kann jeder Zeitpunkt im Leben der Menschen zur Pforte werden, durch die der Messias eintritt. Doch die Forderungen des Paulus bleiben aktuell, egal wie kurz oder lang die Zeit bis zum Ende sein wird.
Anno Domini 2019: Die Adventszeit hat begonnen. Um uns herum weihnachtet es schon längst, als ob man gar nicht früh genug beginnen könnte mit der Besinnlichkeit. Aber die Lesungen des ersten Adventssonntages scheinen nicht recht zu passen zu dem, was draußen vor sich geht. Endzeitwarnungen und Lichterketten, Wachsamkeit und Glühwein, ernste Töne und heitere Weihnachtsmusik – da knirscht es im Getriebe. Aber genau diese Spannung – wenn wir uns ihr aussetzen – führt uns tiefer in die Botschaft der Adventszeit hinein.
Als Christen haben wir sozusagen eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wir sind zum einen Teil einer bürgerlichen Gesellschaft, einer Kultur, eines Staates, hier in unserer sichtbaren, fühlbaren und hörbaren Welt. Diese Welt ist uns vertraut. Für viele ist sie die einzige Wirklichkeit. Zum zweiten ist da noch eine andere Wirklichkeit, die wir Reich Gottes nennen. Sie ist mit Jesus Christus in die Welt hineingekommen. Als Christen sind wir Teil dieser anderen Wirklichkeit. Mit der Taufe sind wir in sie hineingetaucht worden und haben uns – so Paulus – Jesus Christus als Gewand anlegen lassen. Damit hat unsere zweite Staatsbürgerschaft begonnen. Das wichtigste Kriterium im Reich Gottes, sagt Paulus, ist die Liebe. „Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung“ (Röm 12,9–10).
Wir warten kaum noch auf eine einstige Wiederkunft Jesu, aber doch alle Jahre wieder auf seine zwischenzeitliche Ankunft in der Welt, auf die Neuinszenierung dieses göttlichen Nahekommens. Dazu gehören die Advents- und Weihnachtsbräuche, die diese Zeit so besonders machen: Glühwein und Geschenke kaufen, Plätzchen backen und Nussknackerparaden, Festplanung und Familienzusammenführung – alles in der Hoffnung auf ein wenig mehr Frieden – in vielerlei Hinsicht.
Wir wissen, dass unsere Welt wie auch unser Leben nicht heil, nicht ganz ist. Wir leben in der noch nicht erlösten Welt. Und es wird uns gesagt, dass das Heil nicht von uns selbst kommt, sondern erwartet, ersehnt, empfangen werden muss. Jesus Christus kommt uns damit entgegen. Das ist die Botschaft des Advents. Die Sehnsucht nach dieser heilen Welt zeigt sich gerade in der Advents- und Weihnachtszeit, oft verborgen hinter kleinen Zeichen. Jeder Strohstern, jeder Holzengel, jede Verabredung auf dem Weihnachtsmarkt oder zum Liedersingen im Einkaufscenter kann helfen, die Botschaft des Advents am eigenen Leib zu erfahren.
Die Spannung zwischen dem Leben in dieser Welt und der Erwartung der kommenden Welt begleitet uns durch unser ganzes Leben. Es gilt, der Vollendung entgegenzuwarten, das meint, die gegebene Zeit nach Kräften in Liebe zu gestalten.
Was wünsche ich mir für diesen Advent? Wo soll das Licht angehen, wo die Liebe sich ereignen? Welche Bruchstelle wünsche ich mir gestärkt? Überprüfen wir immer einmal wieder, wo unsere zweite Staatsbürgerschaft, unsere Bindung an das Reich Gottes, uns zum Handeln in Liebe in der sichtbaren Welt aufruft. Gehen wir bei allem Ernst der Zeit mit einem Strahlen in den Advent hinein, bereit, von der Hoffnung zu erzählen, die uns erfüllt.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Regina Mettlach
11. Dezember 2019

Bist du der, der kommen soll?

Frage nach dem „Gott mit uns“ bewegt auch heute


04. Dezember 2019

Aufbruch zu einer neuen Ordnung

Die Vision des Propheten Jesaja gilt auch für unsere Gesellschaft und für unsere Kirche


Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren