Geistliches Leben

Donnerstag, 14. September 2017

Siebenundsiebzigmal

Von der befreienden Kraft der Vergebung – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 18, 21–35 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Papa, der N. hat mich gehaut!“ – „Die N. hat mich aber zuerst gehaut!“ … Fast täglich spielen sich in meiner Familie mit zwei sieben und drei Jahre alten Kindern solche Szenen ab. Erstaunlicherweise dauern solche Streitereien aber nie lange. Oft haben sich unsere Kinder längst schon wieder vertragen, bevor wir sie auffordern können, sich zu entschuldigen. Kleine Kinder scheinen eine unendlich große Bereitschaft zu haben, einander zu vergeben.

Das wird anders, wenn sie groß werden. Da führen kleine Streitereien wegen der Hecke am Zaun schnell dazu, dass Nachbarn kein Wort mehr miteinander reden. Da reicht ein falsches Wort und Eheleute schweigen sich tagelang nur noch an. Für uns Erwachsene ist es ungleich schwerer, über den eigenen Schatten zu springen und dem anderen die Hand zur Versöhnung zu reichen.

Diese Erfahrung hat Petrus wohl vor Augen, als er eines Tages Jesus fragt: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?“ Dass es ihm nicht egal sein darf, wenn er mit anderen im Clinch liegt, ist Petrus auf seinem bisherigen gemeinsamen Weg mit Jesus klar geworden. Immerhin hat er die Bergpredigt gehört wie auch Jesu Aufruf, den Nächsten, ja sogar den Feind zu lieben. Deshalb wartet er die Antwort Jesu gar nicht erst ab, sondern schiebt seine gleich selbst hinterher: „Siebenmal?“

Wahrscheinlich erwartet Petrus, dass er nun gelobt wird. Denn mit dieser Antwort geht er weit über das Denken seiner jüdischen Umwelt hinaus. Im Talmud steht nämlich, dass man dreimal vergeben muss, wenn einem Böses angetan wird. Petrus hat verstanden, dass die Vergebungsbereitschaft Jesu weiter reicht als das, was das Gesetz vorschreibt oder was man halt so tut. Und doch bleibt er einem Denken verhaftet, das meint, irgendwann könne oder müsse man einen Schlussstrich ziehen – wenn schon nicht nach dem dritten Mal, so doch nach dem siebten Mal.

Petrus, der Schuldenrechner! Einer, der penibel mitzählt, wie oft ihm jemand ein Schimpfwort an den Kopf wirft! Einer, der Strichlisten führt, um dem anderen bei passender Gelegenheit alles vorhalten zu können! Genau siebenmal – nicht weniger, aber auch nicht mehr! Ist das eine Vergebung, im Sinn Jesus? Nein!
Jesus weist Petrus zurecht. Er lehnt es ab, die Vergebung von Bedingungen abhängig zu machen. Er sagt: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“, wie es in der Einheitsübersetzung heißt. Oder gar wie in der Lutherbibel: „siebzigmal siebenmal“. Damit stellt Jesus klar: Die Bereitschaft, dem anderen zu vergeben, ist mehr als nur siebenmal die Augen zuzudrücken, dann aber zum Gegenschlag auszuholen. Sie ist kein punktuelles Geschehen, sondern eine Grundhaltung. Eine Haltung, die sich aus dem tiefen Bewusstsein speist, dass Gott mir zuerst vergeben hat. Ihr Urbild ist der „gnädige Gott“ (Martin Luther) selbst, von dem es in der Bibel heißt, er ist „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade“ (Psalm 145,8).

Um das Gesagte zu verdeutlichen, erzählt Jesus das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger. Von jenem Mann, dem sein Herr eine unermesslich große Schuld erlässt. Der aber unmittelbar danach nichts Besseres zu tun hat, als einem anderen Diener an den Kragen zu gehen und ihn ins Gefängnis werfen zu lassen, nur weil der ihm ein paar Denare nicht zurückzahlen kann.

Zugegeben, es ist nicht leicht, über alle Maßen vergebungsbereit zu leben, so wie Jesus es von Petrus verlangt. Und doch liegt eine große, befreiende Kraft darin: Ich kann endlich die ewigen Kreisläufe des „Wie du mir, so ich dir!“ durchbrechen. Ich muss nicht länger jedem Menschen von vorneherein misstrauisch und mit Kalkül begegnen. Ich verliere die Angst, der Dümmere zu sein, nur weil ich nachgebe.
Vielleicht sollte ich mir meine Kinder mit ihrer grenzenlosen Bereitschaft zum Neuanfang öfter mal zum Vorbild nehmen.

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