Geistliches Leben

Donnerstag, 07. Dezember 2017

Umkehr ermöglicht Ankunft

Sich öffnen können für Gottes Gegenwart in meinem Leben – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 1–8

Am „Anfang des Evangeliums“ geht es um Ankunft, darum, dass jemand ankommen kann. Deshalb ruft da einer, ein „berufener Rufer“, ein Prophet: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ Es ist also etwas zu tun, damit der, den Johannes den „Herrn“ nennt, ankommen kann. Von wem? Nur von den Zuhörern des Predigers in der Wüste? Ich lese das heute, zweitausend Jahre später, und spüre, Johannes meint auch mich! Ich muss etwas tun! Dem Herrn den Weg bereiten. Es liegt also an mir, ob es zur Ankunft kommt und damit zu einer Begegnung. Der Evangelist zitiert den Propheten Jesaja: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen“ (Jes 40, 3–5).

Es kommt zu einer Begegnung mit der „Herrlichkeit des Herrn“, mit der alles Leben schaffenden und ihm bleibend zugewandten Präsenz Gottes. Das klingt nun gar nicht harmlos. Johannes verdeutlicht: „Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ Und dieser Geist ist doch Feuer! Wir erinnern uns an Pfingsten, und was er mit den Jüngern gemacht hat: Eine Begegnung mit Feuer und Flamme!

„Bahnt dem Herrn den Weg!“ Wir müssen etwas tun. Etwas beseitigen, wegräumen, alles, was dem Herrn, den Weg versperrt. Wie, das sagt Johannes. Er spricht von Umkehr. Von „Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“ Das griechische Wort metánoia meint Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr des Denkens, Neudenken. Auch das klingt nicht harmlos, eher danach, dass es jetzt ungemütlich wird, vielleicht auch schmerzhaft. Da muss wohl etwas auf den Prüfstand: Und das bin ich selbst, mein ganzes Leben. Es geht um Abkehr, Neuausrichtung und – Hinwendung. Um totale Veränderung meines Lebens und meines Selbst! Ich muss also in mir etwas beseitigen, wegräumen, damit der Weg für den Herrn frei wird.

Umkehr beginnt für mich im Eingeständnis meiner eigenen Unvollkommenheit, meiner engen Grenzen, meiner Ohnmacht. Umkehr setzt die Wahrnehmung und Annahme meiner eigenen Lebenswirklichkeit, meiner inneren Wahrheit voraus. Und zu meiner Wahrheit gehören auch sehr unschöne Dinge: eigene Entfremdung, lebensmindernde Abhängigkeiten, Verstrickung in Schuldzusammenhänge, Egoismus, Selbstzufriedenheit und Herzenshärte, meine Ängste, zu kurz zu kommen. Ich erkenne Verirrungen, ich erschrecke über dunkle Sehnsüchte. Ich verweigere mich Menschen. Ja, ich glaube an Gott, aber wird er mir noch zum Risiko, mich zu verändern? Bin ich offen für seine Gegenwart in meinem Leben? Kreise ich nicht vielmehr um mich selbst und finde nicht mehr raus aus dem Kreisverkehr? Wie soll der Herr da ankommen?

Umkehr setzt Mut voraus, Mut, in den eigenen Abgrund zu schauen. Es gehört auch Mut dazu, sich die eigene Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit einzugestehen. Ich habe eben nicht alles im Griff. Ich kann nicht alles kontrollieren und meinem „beherrschenden“ Willen unterwerfen. Ich bin nicht stark und auf den anderen nicht angewiesen. Ich brauche vielmehr Hilfe. Ich brauche Unterstützung, Zuwendung – Liebe! Ich brauche den anderen Menschen als Gegenüber, Ergänzung und Partner. Ich brauche Gott, der sich mir zuwendet. „Die Würde des Menschen ist seine Gottesbedürftigkeit“, sagt Dorothee Sölle.

Indem ich mich öffne für den liebenden Blick des anderen, erhalte ich „Ansehen“, finde ich mich selbst, werde ich zu dem, der ich bin, werde ich Mensch. Dieses Sich-öffnen-Können des eigenen Herzens hin zum anderen ist Geschenk des Lebens aus der Hand Gottes, der mir im liebenden Blick des anderen selbst begegnet mit seiner Liebe. Und sein Leben schaffender Heiliger Geist, der nun in mich einströmen kann, vermag alles Menschen-, Lebens- und Gottwidrige in mir auszubrennen mit seinem befreienden Feuer, das nichts zurücklässt als reines Leben. Und er befähigt mich zur Hinwendung zum Mitmenschen, zur Nächstenliebe. Wer sich selbst gefunden hat, wer selbst aus seiner eigenen Mitte heraus lebt, der kann sich auch loslassen, aus dem Kreisverkehr um sich selbst aussteigen und sich dem Nächsten öffnen, für ihn da sein, auch in seiner Not und in seinem Schmerz, bis zum Einsatz des eigenen Lebens.

Umkehr als Abwendung und Hinwendung ermöglicht Ankunft, doppelte, ja dreifache Ankunft: Gott kommt bei mir an, ich komme zu mir selbst und finde zum anderen. Das ist Menschwerdung. Weihnachten.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Diplom-Theologe Thomas Bettinger
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

07. Dezember 2017

Umkehr ermöglicht Ankunft

Sich öffnen können für Gottes Gegenwart in meinem Leben – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 1–8


Jesus – Tür und Hirte

Der Weg zum Heil führt über Jesus – Gedanken zum Johannes-Evangelium 10, 1–10 von Studiendirektor...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren