Geistliches Leben

Mittwoch, 24. Juni 2020

Verheißung des Lebens

Gott schafft Leben, wo wir es nicht mehr erwarten

Die Hand eines alten Menschen und die eines Kindes berühren sich voll Zärtlichkeit: Verheißung des Lebens. (Foto: KNA)

Ein guter Kenner hat die Heiligen Schrift einmal eine Sammlung von Befreiungs- und Heilungsgeschichten genannt. Man könnte diese Geschichten auch als Hoffnungsgeschichten bezeichnen, denn wo Freiheit und Heil sich durchsetzen, erweist sich die Kraft des Lebens als fruchtbar, stark und Zukunft schaffend. Unsere Erzählung aus dem Zweiten Buch der Könige ist eine solche Hoffnungsgeschichte. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elischa, der Schüler des großen Elija. Nach der Tradition wirkten beide Propheten im 9. Jahrhundert vor Christus. Die Geschichten um sie tragen legendenhaften Charakter.
Unsere Erzählung steht in einem Reigen von Wundergeschichten um Elischa, darunter eine Totenerweckung und eine Brotvermehrung. Elischa wird gezeichnet als eine hoch angesehene Persönlichkeit, die sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sehr wohl bewusst ist. Er verkehrt ganz selbstverständlich mit Königen und Armeechefs und hat einen Diener. Sein Ansehen gründet letztlich aber in seinem „Beruf“: Er ist ein von Gott „berufener Rufer“, ein „heiliger Gottesmann“, der im Auftrag des Bundesgottes Jahweh Gott als den Einen und Einzigen, als den barmherzigen Gott und Liebhaber des Lebens verkündet. Jahwehs Willen zu tun, ist der Weg ins Leben.
Die Schunemiterin, eine „vornehme Frau“, drängt ihn, bei ihr zu essen. Ständig kommt er nun vorbei. Auch nimmt Elischa ohne Zögern das Angebot der Frau an, in einem „gemauerten Obergemach“ ein Zimmer zu beziehen, für die damalige Zeit ein luxuriöses Angebot, vergleichbar heute einem Zimmer in einem Fünf-Sterne-Hotel. Warum sie das tut, wissen wir zunächst nicht. Sie will von ihm nichts, als er ihr als Gegenleistung anbietet, sich beim König oder beim Obersten des Heeres für sie zu verwenden. Vielleicht hofft sie einfach, von der göttlichen Aura des Propheten heilsam berührt zu werden.
Elischa spürt, dass hinter der glänzenden Fassade der Schunemiterin mehr ist, etwas, was sie verbirgt, was sie belastet. Der Diener sagt es ihm: „Sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt.“ Unfruchtbarkeit, Kinderlosigkeit galt als großes Unglück. Vor allem den Frauen wurde das angelastet. Es war für sie Fluch, Strafe, Schande. Die Folge waren soziale Benachteiligung und keine Altersversorgung. Unfruchtbarkeit wurde zum theologischen Bild für die Unfruchtbarkeit im Glauben, für den Unglauben Jerusalems, das mit Zerstörung und Exil dafür bezahlte.
Mit einem zärtlichen Bild verheißt Elischa der Frau das Ende ihrer Not: „Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen.“ Das ist Gottesbotschaft, Frohbotschaft, Evangelium. Es steht in der Reihe von Verheißungen eines Kindes an Frauen, die keine Hoffnung mehr haben: Sarah und Elisabeth. Wir Christen können hier bereits an Maria denken. Leben aus der Hand Gottes! Gott schafft Leben, wo alles dagegen spricht, wo wir es nicht mehr erwarten, wo es nach menschlichen, rationalen Maßstäben keine Hoffnung gibt. Die Schunemiterin kann es zunächst nicht glauben. Und doch wird ihr das Leben geschenkt, zweifach: Das Kind und damit verbunden die Rückkehr in die soziale Gemeinschaft, Fluch und Schande sind von ihr genommen.
Der Mann der Frau war alt. Das eröffnet einen Blick auf die Rolle von alten Menschen in der Bibel: Abraham war 99 Jahre alt, als er von Gott zum Aufbruch gedrängt wurde: Lass alles hinter dir, breche auf und zieh in ein neues Land. Gott traut uns zu, dass wir noch im Alter zu radikalem Wandel und zu Abenteuern des Lebens fähig sind. Die beiden Alten Sarah und Abraham werden noch Eltern eines Sohnes, Isaak, und mit ihm zu Stammeltern von Völkern. Auch Elisabeth und Zacharias waren schon alt und werden Eltern des Propheten Johannes. Die Alten sind Träger und Gestalter der Heilsgeschichte, aus ihnen gebiert Leben und Zukunft. Sie zeigen mir: Mein ganzes Leben lang kann ich fruchtbar bleiben, Ausgangspunkt und Ursprung von Leben sein, und wenn es nur ein Gedanke ist, den noch niemand zuvor gedacht hat.
Wunder wie in dieser Erzählung geschehen auch heute noch. Sie sehen nur anders aus. Viele Menschen in unserer Gesellschaft engagieren sich für das Leben, ganz selbstverständlich, manchmal bis zur Erschöpfung: Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern, Altenpfleger, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Verwandte, die sich um ihre alten und kranken Angehörigen kümmern, Freunde und Nachbarn, die mich mit einem Lächeln ansehen und Hilfe anbieten, Politiker, die den Mut haben, unbequeme, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, Menschen, die auch die Not von Menschen sehen, die uns fern sind in Afrika, Asien und Lateinamerika oder Osteuropa, und Hilfe organisieren. Und da sind Menschen, die einfach ihrem Gewissen folgen. Sie alle sind Elischa heute. Sie mehren und erhalten das Leben, und darin die Hoffnung, dass alles gut wird – in einem wirklich guten, ich sage bewusst: göttlichen Sinn.  

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