Geistliches Leben

Mittwoch, 20. Mai 2020

Von Jesus das Beten lernen

Blickrichtung ändern und Einheit schaffen

Was für ein Gebet Jesu, vielleicht das eindrücklichste Gebet, das wir in der Bibel finden können. Es ist auch bekannt unter dem Namen „das hohepriesterliche Gebet“. Hier lernen wir sehr viel von Jesus über das Beten:
Gleich zu Beginn findet sich ein entscheidender Hinweis, denn da heißt es: „In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel.“ Beten heißt also zum Himmel aufsehen, die Blickrichtung ändern, nach oben sehen. Nicht mehr auf sich selbst sehen, auch nicht mehr auf die anderen, sondern nach oben zum Himmel. Jesus wendet sich im Gebet ganz seinem Gesprächspartner zu, nämlich Gott. Und alles andere ist egal. Er schaut allein auf ihn und wendet deshalb seinen Blick nach oben zum Himmel. Er konzentriert sich ganz auf Gott. Probieren wir es doch einmal: Halten wir in den nächsten Tagen für einen kurzen Moment inne und schauen nach oben zum Himmel. Für ein Gebet braucht es nicht immer viele Worte. Vielleicht beten wir am meisten, wenn wir am wenigsten sagen, und am wenigsten, wenn wir am meisten sagen. Manchmal reicht für ein Gebet einfach nur ein Blick, ein Blick zum Himmel in Richtung Gott.
Jesus sah also zum Himmel auf und betete. Aber was hat er eigentlich gebetet? Das lesen wir am Ende des vorliegenden Textes, dem leider der Schlusssatz fehlt, nämlich: „Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ Beten heißt also auch Einheit schaffen. Jesus betet für die Menschen, die an ihn glauben, die zu ihm gehören. Er betet für seine Jünger. Und er betet, dass sie in der Gemeinschaft mit Gott bleiben. Er betet, dass sie eins werden – mit Gott und untereinander.
Was für eine schöne Bitte von Jesus und was für eine seltene Bitte, wenn ich da an meine Gebete denke. Wie oft bete ich dafür, dass meine Mitchristen in der Gemeinschaft mit Gott bleiben? Was wäre, wenn wir häufiger dafür beten würden, für die Einheit der Christen, für mehr Gemeinschaft zwischen den einzelnen Konfessionen, für mehr Einheit zwischen Mensch und Gott? Und was wäre, wenn wir dies gemeinsam täten, wenn wir wieder mehr gemeinsam beten würden? Denn beten heißt nicht nur um Einheit bitten, sondern vor allem eine Einheit werden, mit Gott und untereinander. Beten verbindet mit Gott und mit anderen Mitbetern.
Beten heißt Einheit schaffen. Aber: Bezieht sich dieser Punkt nur auf die Menschen, die schon an Gott glauben? Und was ist mit den anderen? Für die betet Jesus auch. In Vers 20 heißt es später im Evangelium: „Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.“ Beten heißt also auch, Menschen für Gott zu gewinnen. Das bedeutet sicher Überzeugungsarbeit zu leisten, viele Argumente zu haben, mutig vom Glauben zu reden und Menschen das Evangelium zu predigen. Aber wir können noch etwas anderes lesen, nämlich Menschen für Gott zu gewinnen, das heißt zunächst einmal, für diese Menschen zu beten. Jesus betet für die, die vom Evangelium hören und dann an ihn glauben werden.
An einer Stelle der Passionsgeschichte hat Jesus dies ganz eindrücklich getan, nämlich als er mit Petrus sprach und ihm sagte, dass er ihn bald verleugnen würde, fügte er hinzu: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt“ (Lk 22,32). Auch in Gethsemane hat Jesus gebetet, ganz eindrücklich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39).
Das ist vielleicht das Schwierigste, das uns Jesus zumutet: Beten heißt, Dein Wille geschehe, Ja sagen zu Gottes Plänen, Zustimmung. Wir tun dies mit jedem Vaterunser. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Aber: Fällt uns dies immer leicht? „Dein Wille geschehe“. So hat es Jesus im Garten Gethsemane gebetet, drei Mal. Und es ist ihm nicht leicht gefallen. Er hat gerungen, er hat gekämpft mit dieser Bitte. Aber er hat sie gebetet. Und nach dem dritten Mal kam er zu seinen Jüngern und sagte: „Siehe, die Stunde ist gekommen und der Menschensohn wird in die Hände von Sündern ausgeliefert“ (Mt 26,45). Jesus hat Gottes Plänen zugestimmt. Und er wurde gestärkt. Aber Gottes Willen können wir nur dann verstehen, wenn wir nicht reden, sondern wenn wir hören. Und vielleicht müssen wir dies neu lernen. Beten heißt still werden und warten, bis der Betende Gott hört.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Luise Gruender
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