Geistliches Leben

Mittwoch, 22. Juli 2020

Wir, das fünfte Brot

Vom Wunder des Teilens - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 14, 13-21 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Waren Sie schon einmal in Tabgha am See Genezareth? Für mich ist das ein ganz besonderer Ort. Ich verbinde ihn mit Frieden und Schönheit, das Wort „Paradies“ kommt mir schnell über die Lippen. Die Tradition verbindet diesen Ort mit der ersten Brotvermehrung, die wir am heutigen Sonntag hören. Schon um 400 nach Christus wurde hier dieses Wunders Jesu gedacht. Eine erste Kirche wird im fünften Jahrhundert errichtet. Im 20. Jahrhundert entdeckt man die Bodenmosaiken aus dem sechsten Jahrhundert, die wir in der 1982 eingeweihten, ganz im byzantinischen Stil erbauten Basilika bestaunen können.
Unter dem Altartisch sehen wir einen Stein. Auf ihn soll Jesus das Brot gelegt haben, das er segnete und durch die Jünger an die Menge – allein 5 000 Männer! – verteilen ließ. Der Stein wird so zum Altar. Davor finden wir dieses Mosaik: Ein Korb mit Broten, links und rechts davon je ein Fisch. Seltsam nur: Es sind vier Brote und nicht fünf.

Ein kurzer Blick auf die Erzählung: Jesus will sich in eine einsame Gegend zurückziehen. Aber die Menschen folgen ihm. Er hat „Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken.“ Es wird nicht gesagt, dass er predigte, wie es in den Parallelerzählungen bei Markus und Lukas heißt. Matthäus setzt hier den Akzent auf das Erbarmen Gottes, das mit Jesus greifbare Wirklichkeit gewinnt. Ich stelle mir vor, wie Jesus sein heilendes Handeln als Zeichen für das mit ihm anbrechende Gottesreich gedeutet hat. Auch die Brotspende ist konkretes Zeichen für Gottes Heilswillen und Heilshandeln an den Menschen. Jesus will nicht, dass man die Menschen fortschickt: „Sie brauchen nicht weggeschickt zu werden. Gebt ihr ihnen zu essen!“ Jesus erscheint hier als der Hirte, der sich um seine Herde kümmert. Er nimmt die fünf Brote und zwei Fische, „blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten und alle aßen und wurden satt.“ Übrig bleiben zwölf Brotkörbe voll mit Brotresten.

In der Brotvermehrung klingen alttestamentliche Motive an: das Wachtel-und-Manna-Wunder beim Exodus Israels in der Wüste (Ex 16) oder das Brotwunder des Propheten Elischa (2 Kön 4, 42-44). Sie zeigen uns: Gott sorgt für sein Volk. Er gibt ihm alles, was es zum Leben braucht. Er schenkt uns von seinem Leben, und das „umsonst“, und das gerade denen, die kein Geld haben, sie sollen Getreide essen und Wein und Milch trinken „ohne Bezahlung“ (Jes 55, 1). Und: „Man wird essen und noch übrig lassen.“ (2 Kön 4, 43). zwölf Körbe voll Brot – Brot im Überfluss – bleiben bei Matthäus übrig. Die Zahl Zwölf steht für die zwölf Stämme Israels, aber auch für die Apostel, d.h. dieses Brot ist ein Brot für alle.

Matthäus erzählt die Brotvermehrung wie eine Art Gottesdienst: Heilungsdienst und Wortverkündigung, Danksagung mit Segen und Brechen des Brotes. Jesus reicht das Brot weiter an die Jünger, die es weitergeben an die Menschen. Das Brot steht hier auch für das Wort, das Jesus selbst ist, und das die Jünger den Menschen verkünden. Im urchristlichen Gottesdienst bringt jeder etwas (zum Essen) mit. Die Gemeinde lernt von Jesus, und jede und jeder erfährt: Es ist genug da – wenn wir es teilen. Das Vertrauen ist größer als die Angst, zu kurz zu kommen. Alle werden satt – weil alle teilen. Die Erzählung von der Brotvermehrung ist eine eucharistische Erzählung, Segen und Brotbrechen stehen dafür. Sie zeigt uns, was geschieht, wenn wir uns dem anderen öffnen und ihm von dem mitteilen, was uns bewegt, mit Leben erfüllt und uns zu liebenden Menschen macht. Das Leben mehrt sich, wenn wir es mit anderen teilen, wenn wir nicht nur vom Überfluss, sondern von der Substanz geben. Kurz: Wenn wir lieben. Und es wird sich – paradox! – Leben im Überfluss entfalten.

Das eigentliche Wunder ist die „Wandlung“: Dieses Brot verwandelt uns. Es macht uns lebendig, indem wir es weitergeben, wie eine Quelle sprudelnden Wassers. Wir werden so zu einem Ursprung des Lebens. Im Alltag mag das ganz banal aussehen. Wenn wir aber darauf achten, können wir spüren, dass das stimmt. Da tut ein Mensch zuverlässig seine Aufgabe, die ihn erfüllt und vielen nützt. Ein anderer weiß nicht mehr weiter, Ehrenamtliche der Telefonseelsorge hören ihm auch mitten in der Nacht zu. Viele Initiativen während der Coronakrise beweisen Menschlichkeit – und das „umsonst“! –, indem sie sich um die kümmern, die im Lockdown vergessen zu werden drohten, die regelrecht vom Leben abgeschnitten wurden – „zu ihrer Sicherheit“. Andere sehen die Not der Menschen, die durch Armut und Corona besonders bedrängt werden, und starten mit Mut und Kreativität Hilfsprojekte. Pfarrer suchen nach neuen Formen des Teilens des Wortes, das „unter uns wohnen will“ (Joh 1, 1ff).

Das Mosaik in der Brotvermehrungskirche erzählt uns von diesem Wunder: Die Brote sind gekennzeichnet mit dem Kreuz wie das Brot der Eucharistie. Das „fünfte Brot“ ist das Brot auf dem Altar. Hieronymus, der große Liebhaber der Schrift, sagte: „Wir essen heute noch davon.“ In Tabgha Eucharistie zu feiern, in der Kirche oder direkt am See, kann eine bewegende spirituelle Erfahrung sein. Hier das Brot zu brechen und es zu teilen, macht erfahrbar, dass wir das fünfte Brot sind. Wenn wir unser Leben mit den Menschen teilen, werden wir zum „Brot für die Welt“.

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