Geistliches Leben

Mittwoch, 04. September 2019

Wir dürfen frei sein

Wer Jesus nachfolgt, muss sich auch lösen können. Zu Lukas-Evangelium 14, 25–33

So will Jesus ernsthaft Anhänger gewinnen? Kaum vorstellbar! Das ist keine attraktive Werbung und schon gar nicht ein niederschwelliges Angebot. Außerdem steht es in offensichtlichem Widerspruch zu anderen biblischen Texten, besonders beim Lesen der Luther-Übersetzung. Dort steht statt „gering achten“ gar „hassen“. Und Jünger*innen können wir nur sein, wenn wir unser Kreuz tragen. Was aber ist unser Kreuz? Ist das nicht ein relativer und dehnbarer Begriff?
Dann folgen die beiden Beispiele oder Gleichnisse, das des Turmbauers und das des Königs, die uns verdeutlichen sollen, wie ernst wir es mit der Nachfolge nehmen müssen. Das ist nämlich keine Sache, die man leichtfertig entscheidet, sondern die was kostet, auf die man sich vorbereiten und über die man ernsthaft nachdenken muss. Zunächst wirken die Beispiele, losgelöst von der Sache, um die es Jesus geht, nicht gut gewählt. Objektiv spricht auch einiges dagegen: Wie viele wundersame David-gegen-Goliath-Siege stehen in den Geschichtsbüchern! Oder beliebte aktuelle Bestseller junger Menschen lauten zum Beispiel: „Mit 50 Euro um die Welt“. Und Jesus empfiehlt uns stattdessen kleinliches, gar ängstliches Kalkül? Wir wollen doch mutig sein!
Auch der erste Lesungstext aus dem Buch der Weisheit scheint für das Gegenteil zu plädieren und entlarvt alle menschlichen Berechnungen als unzulänglich. Oder der bekannte Trost aus dem Matthäus-Evangelium: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ Denn: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie“ (Mt 6,26; 34). Die Frage stellt sich: Ist es nicht auch möglich, diese Texte zum Anlass zu nehmen, Jesus nachzufolgen? Ein niederschwelligeres Angebot zu nehmen? Und seine Familie und sein eigenes Leben wertzuschätzen und zu achten?
Unsere Welt ist in den letzten zweitausend Jahren nicht gerade einfacher geworden. Die alternativen Lebensgestaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen haben sich vervielfacht. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, „es richtig“ zu machen. Was esse ich am besten? Wie bewege ich mich fort? Wer oder was braucht mich zuerst? Für was und wie engagiere ich mich? So wie Greta Thunberg oder doch eher wie Mutter Theresa? Und dann gibt es Menschen, die in der Größe ihrer Tat unerreichbar sind, wie zum Beispiel Maximilian Kolbe, dessen Gedenktag wir kürzlich, am 14. August, begangen haben. Was genau würde der hier so streng und wenig gütig wirkende Jesus als Nachfolge gelten lassen?
Gemeinsam ist diesen Menschen wohl, dass sie eine starke innere Unabhängigkeit hatten/haben. Unabhängigkeit von Besitz, Familie, Ansehen, Selbstverwirklichung, sogar vom eigenen Leben. Das ist es wohl, was Jesus mit dem letzten Satz meint: „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Offenbar ruft Jesus aus alten Bindungen heraus und in neue Bindungen hinein. Dafür ist es nötig, sich loszulösen, frei zu werden von Bedürfnissen, die vordergründig sind.
Letztlich ist es eine Frage der Berufung, die jede und jeder für sich selbst entscheiden muss. Für die Nachfolge Jesu gibt es kein allgemeingültiges Konzept (mehr). Klar wird aus diesem Evangelium eigentlich nur: Die Berufung durch Jesus in seine Nachfolge und das Ja dazu bleibt nie ohne ernstzunehmende Konsequenz, ohne Entscheidung.
Und dies birgt für uns die einzigartige Chance, sich in dieser komplizierten und unübersichtlichen Welt zu orientieren und auszurichten – zu wissen, wer die höchste Autorität ist. Das kann sehr befreiend sein! Ich muss nicht schön, wohlhabend, erfolgreich, berühmt, hochgebildet sein! Nein, ich darf frei sein.
So sagt es sehr treffend der wunderbare Liedtext von Eugen Eckert und Lieblingslied der Maria-Ward-Schülerinnen: „Weite Räume meinen Füßen, Horizonte tun sich auf, zwischen Wagemut und Ängsten, nimmt das Leben seinen Lauf. Schritt ins Offne, Ort zum Atmen, hinter uns die Sklaverei; mit dem Risiko des Irrtums, machst du, Gott, uns Menschen frei. Da sind Quellen, sind Ressourcen, da ist Platz für Phantasie; zwischen Chancen und Gefahren: Perspektiven wie noch nie. Doch bleib Kompass, bleibe Richtschnur, dass wir nicht verloren gehen; zu der Weite unserer Räume lass uns auch die Grenzen sehn.“

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