Im Gespräch

Mittwoch, 19. September 2018

In der Orthodoxie droht Spaltung

Russische Kirche bricht mit dem Patriarchat von Konstantinopel

Friedensgebet mit Papst Franziskus in Assisi. Die drohende Spaltung in der orthodoxen Welt wird auch Auswirkungen auf die verbindende Kraft des Christentums in einer von Konflikten zerrissenen Welt haben. Foto: actionpress

Paukenschlag in der orthodoxen Kirche: Im Streit um die ukrainische Kirche geht Moskau mit beispielloser Härte gegen den Patriarchen von Konstantinopel vor. Es droht eine Eskalation.

Der orthodoxen Kirche droht wegen eines Streits zwischen den bedeutendsten Machtzentren Konstantinopel und Moskau die Spaltung. Die Sondersitzung des Leitungsgremiums der russisch-orthodoxen Kirche, des Heiligen Synod, endete am 14. September in Moskau mit einem Paukenschlag: Aus Protest gegen die Initiative zur Schaffung einer eigenständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine stellt die russische Kirche vorerst die Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel ein.

Die russische Kirche droht zudem erstmals in der neueren Kirchengeschichte offiziell mit dem völligen Bruch mit Konstantinopel: „Für den Fall, dass das Patriarchat von Konstantinopel seine widerrechtlichen Aktivitäten auf dem Territorium der ukrainischen orthodoxen Kirche fortsetzt, werden wir gezwungen sein, die eucharistische Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel vollständig abzubrechen“, heißt es in der langen Erklärung des Heiligen Synod.

Die nun beschlossene Aussetzung der Zusammenarbeit entspreche „ungefähr dem Abbruch diplomatischer Beziehungen“ zwischen Staaten, sagte Außenamtschef Metropolit Hilarion. Dem Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel, warf er vor, sich Befugnisse wie der römische Papst anzumaßen. In der orthodoxen Kirche müssten die Leiter der 14 Landeskirchen aber gemeinsam Entscheidungen treffen.

Symbolisch am schlimmsten: Die russisch-orthodoxe Kirche verzichtet in ihren Messen vorerst auf das ehrende Gedenken des Patriarchen von Konstantinopel. Künftig sollen die Geistlichen in den Gottesdiensten nur noch die Oberhäupter aller anderen orthodoxen Landeskirchen nennen. Bislang wurde an erster Stelle Bartholomaios I. gedacht.

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. und die 13 weiteren Mitglieder des Heiligen Synod unterbrachen die Gemeinschaft mit Konstantinopel radikal. Sie setzten die Konzelebration mit Geistlichen des Patriarchats von Konstantinopel aus, also das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten. Ebenso eingestellt wird jede Beteiligung an kirchlichen Strukturen, die von Konstantinopel geleitet werden: „Bischofsversammlungen, theologischer Dialog und multilaterale Kommissionen“.

Das hat auch Folgen für Deutschland. Ob sich die drei russisch-orthodoxen Bischöfe und Priester weiter an den Sitzungen der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland beteiligen, ist nun zumindest fraglich. Die Bischofskonferenz leitet gemäß der Kirchenstatuten der oberste Repräsentant des Ökumenischen Patriarchats in der Bundesrepublik, Metropolit Augoustinos.

Der in München residierende russisch-orthodoxe Erzbischof Mark hält den Kurs des Patriarchats von Konstantinopel für sehr gefährlich. Bartholomaios I. habe mit der Ernennung von zwei Bischöfen zu Exarchen für die Ukraine die kirchliche „Brüderlichkeit“ verletzt und das Kirchenrecht gebrochen. „Das ist eine unerlaubte Einmischung in die Angelegenheiten einer anderen Nationalkirche“, sagte Mark der Katholischen Nachrichten-Agentur. „Sie droht den Frieden in der orthodoxen Kirche zu stören oder sogar zu zerstören.“ Aus Protest gegen die Initiative des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel erwägen die russischen Bischöfe ihren Rückzug aus der Bischofskonferenz der orthodoxen Kirchen in Deutschland.

Bartholomaios I. will in der Ukraine eine von vielen dort lebenden orthodoxen Christen gewünschte eigenständige (autokephale) Landeskirche auf den Weg bringen. Dazu berief er vor einer Woche die beiden Exarchen. Die russisch-orthodoxe Kirche will aber ihre Oberhoheit über die orthodoxe Kirche in der Ukraine mit ihren rund 12 000 Pfarreien behalten. Das Moskauer Patriarchat betrachtet das osteuropäische Land als sein kanonisches Territorium.

Großes Gewicht hat freilich die Meinung der Priester und Gläubigen in der Ukraine. Wollen sie zum Moskauer Patriarchat gehören oder eine eigenständige ukrainische Kirche haben? Für die Bildung einer autokephalen Landeskirche in der Ukraine sprachen sich im August in einer Umfrage des unabhängigen Rasumkow-Zentrums 35 Prozent der Ukrainer aus; 19 Prozent waren dagegen. Den übrigen Befragten war es egal oder sie antworteten nicht.

Schon jetzt ist klar, dass der Rückhalt von Bartholomaios I. in mehreren orthodoxen Landeskirchen rapide schwindet. Unter anderem die serbisch-orthodoxe Kirche hat sich klar hinter Moskau gestellt. Aus einem naheliegenden Grund: Sie fürchtet, dass sich Konstantinopel für die Unabhängigkeit der bisher Belgrad unterstehenden orthodoxen Kirche in Mazedonien ausspricht. (Oliver Hinz)

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