Im Gespräch

Donnerstag, 15. November 2018

Synode befasst sich mit Missbrauch

Evangelische Kirchenversammlung: Aufarbeitung dringend geboten

Er will die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im deutschen Protestantismus beschleunigen: EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm. Foto: KNA

Scham, Entsetzen, stehender Applaus und eine Schweigeminute: Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland erlebt in Würzburg einen besonderen Moment. Sie stellt die Weichen für nachhaltige Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs. Bereits bei der Vorstellung der Missbrauchs-Studie der katholischen Bischöfe gab es auf evangelischer Seite Rufe nach einer solchen Aufarbeitung.

Auf die Journalistenfrage: „Warum erst jetzt?“ hat Irmgard Schwaetzer keine schlüssige Antwort parat. Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagt, sie frage sich auch, warum ihr Gremium nicht schon vor vier Jahren tiefer ins Thema sexualisierte Gewalt eingestiegen ist, als das Disziplinarrecht geändert wurde. „Damit haben auch wir Leid nicht verhindert.“

Schon seit Tagen liegt den Synodalen in Würzburg ein nüchterner Bericht des EKD-Rats zum Stand der Aufarbeitung vor. Es ist auch ein Dokument des Versagens bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Eine Passage über einen bisher recht desaströs verlaufenen Fall in Bayern muss auf Intervention der Betroffenen nochmals kurzfristig geändert werden.

Die Landesbischöfin der Nordkirche, Kirsten Fehrs, legt im Plenum einen denkwürdigen Auftritt hin, der für die EKD zur Zäsur werden könnte. Nachdenklich und emotional, aber ohne in Betroffenheit zu versinken, präsentiert sie einen elf Punkte umfassenden Plan, mit dem die EKD und die in ihr zusammengeschlossenen 20 Landeskirchen entschlossener und systematischer als bisher agieren wollen. Betroffene sollen eingebunden, eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet werden. Wissenschaftler sollen das Dunkelfeld aufhellen. Denn es gebe sicher mehr Fälle als die bisher bekannten von 479 Betroffenen im evangelischen Raum, so Kirsten Fehrs.

Der Plan lässt erkennen, dass zwei Ereignisse dieses Jahres den Lernprozess in der evangelischen Kirche befördert haben. Im vergangenen Juni richtete die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin eine Anhörung mit Betroffenen aus, die Übergriffen in den Kirchen ausgesetzt waren. Außer harten Anklagen gab es damals auch einen Forderungskatalog, den die EKD nun weitgehend aufnimmt. Bei den beabsichtigten Forschungsvorhaben hat – wie Fehrs einräumt – auch die im September veröffentlichte Studie, die die katholische Bischofskonferenz in Auftrag gab, eine Rolle gespielt.

Ein im Vorfeld der Synode benannter Beauftragtenrat mit Fehrs an der Spitze soll sich darum kümmern, dass die verabredeten und von der Synode zu beschließenden Maßnahmen Breitenwirkung in die Landeskirchen hinein entfalten. Die Landesbischöfin aus dem Norden ist prädestiniert, hatte sie sich doch in Ahrensburg in den vergangenen Jahren mit dem bisher größten evangelischen Missbrauchsskandal auseinandersetzen müssen.

Bei allen Plänen, Konzepten und Leitfäden weiß Fehrs aus eigener Erfahrung, dass es zuvorderst darum geht, eine Haltung zu entwickeln, von der Basis bis zur obersten Leitung. Sie selbst, das gibt sie unumwunden zu, hätten die Gespräche mit Opfern an ihre Grenzen gebracht. Aber zum Glück gebe es Supervision – und das Gebet.

Emotional lasse sich das geschilderte Leid kaum aushalten, gerade für jemanden, der selbst Kinder habe. Andererseits seien die Kirchen Schutzbedürftigen von ihrem Selbstverständnis her besonders verpflichtet. „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr!“, sagt sie – und das sei eben der Unterschied etwa zu einem Sportverein. Als Fehrs mit dieser persönlichen Schlussbemerkung geendet hat, erheben sich die Synodalen zum Applaus. Er wirkt so, als hätte sie mit ihren wohlgesetzten Worten einen Knoten zum Platzen gebracht.

In der Aussprache erfährt die Landesbischöfin aus Hamburg fast nur Zuspruch, viele Debattenbeiträge geraten sehr persönlich. Ein Kirchenmusiker sagt, im Kantorendienst sei schon die Distanz („zwei Meter, nicht nur eine Armlänge“) zu jungen Sängerinnen und Sängern eine tägliche Herausforderung. Ein anderer berichtet von seiner schon länger zurückliegenden sexuell aufgeladenen Konfirmandenzeit, in der „wir ständig von irgendjemand aufgeklärt werden mussten“. Das habe er schon damals übergriffig gefunden. (Christoph Renzikowski/KNA)

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