Im Gespräch

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Für das Recht auf Familiennachzug

Kardinal Marx stellte sich der Hauptstadtpresse und richtete kritische Fragen an die Politik

Kardinal Marx ist bekannt für seine offenen Worte, auch in Richtung Politik. Foto: actionpress

Es war eine beeindruckende Tour d'Horizon, die Kardinal Reinhard Marx am 10. Oktober  in der Bundespressekonferenz bot. Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ist es schon fast Tradition, sich am Tag des Michaelsempfangs der katholischen Kirche für das politische Berlin, auch den Fragen der Hauptstandjournalisten zu stellen. Dabei ging es über eine gute Stunde um Fragen nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft, um Migration, das deutsch-polnische Verhältnis oder den Umgang mit der AfD.

Damit bestätigte die Veranstaltung selbst die Einschätzung des Erzbischofs, dass die Kirche in Deutschland zwar zahlenmäßig rückläufig sein mag, ihre gesellschaftliche Relevanz aber offenbar ungebrochen ist. Vor allem aber bleibe die Religion an sich „ein Megathema des 21. Jahrhunderts“.

Mit Blick auf Deutschland steht dies 2017 vor allem im Zeichen des Lutherjahres. Hier zog der katholische Vorsitzende eine positive Bilanz. Die Sorge um einen protestantischen Triumphalismus gegenüber den Katholiken habe sich als unbegründet erwiesen. Im Gegenteil, das gute ökumenische Miteinander sei auch ein Auftrag für die Gesellschaft. Nun gehe es darum, den „ökumenischen Schub“ zu verstetigen. Dabei redete Marx keiner Ökumene der einseitigen Angleichung das Wort, sondern einem aufrichtigen Ringen in der Sache, bei dem sich beide Seiten bewegen müssten.

Mahnende Worte fand er zum interreligiösen Dialog mit den Muslimen. Das Gespräch sei dringlich, aber bislang fehlten die Voraussetzungen. Dazu müssten sich die Muslime auf verbindliche Ansprechpartner einigen und nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Instrumentalisierung des Islam durch Terroristen in den eigenen Reihen klären, für welchen Islam sie sprächen. „Der Dialog mit denen, die auch theologisch nachdenken, ist sehr schwer und absolut am Anfang“, so sein Fazit.

Die Kirche sollte zwar nicht zu allen tagespolitischen Fragen Stellung nehmen, aber die Politik kritisch begleiten, so Marx zum Auftakt der Pressekonferenz. Das betraf vor allem die Migration. Die katholische Kirche in Deutschland fordere keine unbegrenzte Aufnahme von Migranten. Eine unbegrenzte Aufnahme könne es schon aus rein praktischen Gründen nicht geben, so Marx. Wesentlich sei die Frage, wie man den wachsenden Zustrom humanitär gestalten könne. Zugleich unterstrich der Kardinal die kirchliche Forderung des Rechts auf Familiennachzug für Flüchtlinge. „Wer auf Dauer hier ist, muss seine Kinder oder Ehegatten nachholen können, das ist ethisch geboten.“ Nur in äußerster Not könne man Familien zur Trennung zwingen. Familiennachzug zu ermöglichen, sei auch eine Frage der Klugheit, weil er der Integration diene.

Zugleich hinterfragte der Münchner Erzbischof das am 8. Oktober von CDU und CSU ausgehandelte Zahl von 200000 humanitär begründeten Netto-Zuwanderungen pro Jahr. Er wisse nicht, wie diese Zahl errechnet worden sei und wie sie begründet werde, sagte Marx. Eine Obergrenze halte er nach wie vor nicht für ein geeignetes Instrument, um die Flüchtlingsfrage zu lösen. Die erste Frage sei: „Wie helfen wir den Menschen dort, wo sie unter Druck sind.“ Dazu gehöre auch, ihnen ein würdiges Leben in den Herkunftsländern zu ermöglichen.

Ein Thema das den Kardinal offenbar besonders umtreibt, ist die Frage nach dem Zusammenhalt einer pluralen Gesellschaft. Eine zu große Beliebigkeit stärke „Radikalismen an den Rändern“, bei zu großer „Kohäsion“ werde die Gesellschaft totalitär. Mit Blick auf die Beliebigkeit übte er nochmals deutliche Kritik an der raschen Bundestagsentscheidung zur „Ehe für alle“ im Juni.

Wesentlich für die Zukunftsfähigkeit der liberalen Demokratie ist für Marx die Zukunft der Europäischen Union. Zum Schlüssel gehört für ihn dabei die Beziehungen zu Frankreich und Polen. So warnte er mit Blick auf Polen vor einem „Rückfall in alte Schablonen“. Entsprechend groß war aber auch sein „Bedauern“, dass Europa im Bundestagswahlkampf keine Rolle gespielt habe.

Ein „überzogener Nationalismus“ war einer der Kernkritikpunkt der Kirche an der AfD. Nach der Wahl sprach sich Marx nun für einen pragmatischen Umgang aus. Einem Kontakt werde sich die Kirche nicht verweigern. Auch wenn manche Positionen „grenzwertig seien, gehe es nun darum zu sehen, „was auf die Tagesordnung der Politik kommt“.

Die Parteien bestimmten ihre Nähe zur Politik und zur katholischen Soziallehre selbst, so Marx. Dabei steht für ihn das „C“ nicht einfach für konservativ. „Die christliche Tradition weist nach vorne.“ Religion sei eben nicht nur „Opium des Volkes“, sondern ebenso „die Protestation gegen das wirkliche Elend“, zitierte der Kardinal seinen Namensvetter Karl Marx. (Christoph Scholz)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
 

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Deutsche Bischofskonferenz

„Wenn es die orientalisch-orthodoxen Kirchen nicht gäbe, würde dem Christentum Wesentliches fehlen“

Anzeige

18. Oktober 2017

Für das Recht auf Familiennachzug

Kardinal Marx stellte sich der Hauptstadtpresse und richtete kritische Fragen an die Politik


12. Oktober 2017

Von Populismus bis Ökumene

Erste Begegnung zwischen Papst und Bundespräsident


04. Oktober 2017

Klimaschutz, AfD und Islam

Bischöfe hatten bei Herbstversammlung politische Fragen auf der Tagesordnung


Anzeige

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren