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Mittwoch, 21. August 2019

Polen drängten Pius XII. zum Protest

Kriegsbeginn 1939: Zaudernder Kurs des Papstes gegenüber Nationalsozialisten

Pius XII. nach seiner Wahl zum Papst am 2. März 1939. Nur wenige Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus. Foto: actionpress

Ein bis heute umstrittenes Thema ist das Verhalten von Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg. Hätte das ab 1939 amtierende Kirchenoberhaupt stärker gegen den Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden protestieren müssen? Oder hat er durch seine meist geheimen Hilfsaktionen vielen das Leben gerettet? Weniger bekannt ist, dass sich die Frage mit Blick auf Polen ähnlich stellt.

Am 1. September 1939 hatte die deutsche Wehrmacht das Nachbarland überfallen und in den folgenden Wochen überwältigt. Schon ab den ersten Tagen versuchte die Besatzungsmacht, mit drakonischen Maßnahmen jeden erdenklichen Widerstand zu verhindern. An die 70 000 Polen wurden in den ersten vier Monaten erschossen und weitere in Konzentrationslagern (KZ) inhaftiert, weil sie Intellektuelle wie Professoren, Lehrer oder Juristen waren und als mögliche Anführer einer Opposition galten. Sie waren die ersten der bis zu sechs Millionen polnischen Opfer, die Hälfte davon Juden.

Unter ihnen waren auch viele Geistliche. Nach Schätzungen wurden außer vier katholischen Bischöfen auch über 2 000 Priester und rund 240 Ordensfrauen umgebracht. Mehr als 3 600 Priester und 1 100 Nonnen kamen demnach in ein KZ. Priesterseminare und weitere religiöse Einrichtungen wurden geschlossen, auch viele Pfarrkirchen, während andere nur stundenweise für Gottesdienste geöffnet werden durften. Katholisch waren aber auch die meisten anderen polnischen Opfer, so dass die Verbrechen schon deshalb für den Vatikan zu einer besonderen Herausforderung wurden. Eine öffentliche Verurteilung der Täter vermied Pius XII. zunächst jedoch. In einer Ansprache am 30. September an die polnische Gemeinde in Rom beschränkte er sich auf die Aussage, den Polen bleibe „als leuchtender Hoffnungsschimmer in der augenblicklich herrschenden dunklen Nacht die Erinnerung an ihre große nationale Geschichte“. Erst eine Woche später wurde er deutlicher: „Das Blut ungezählter Menschen, auch von Nichtkämpfern, erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch für ein so geliebtes Volk wie das polnische“, schrieb Pius XII. in seiner Antrittsenzyklika „Summi pontificatus“.

Auf ähnliche Kritik in Radio Vatikan reagierte die deutsche Reichsregierung mit der Drohung noch stärkerer Repressalien. Wie mit Blick auf die Verfolgung der Juden verlegte sich der Vatikan dann darauf, auf diplomatischem Wege gegen die Verbrechen zu protestieren. Bei vielen Polen stieß dieser Kurs indes auf Unverständnis: „Die Tatsachen beweisen, dass die Verfolgungen jeden Tag grausamer werden, auch wenn der Papst schweigt“, schrieb der Bischof von Wloclawek, Karol Radonski, am 15. Februar 1943 aus dem Londoner Exil an Kardinalstaatssekretär Luigi Maglione. „Nun werden die Kinder ihren Eltern entrissen und massenhaft nach Deutschland deportiert, und die Mütter, die versuchen, sie zu verteidigen, werden sofort getötet.“

Radonski warnte, es werde „das unerklärliche Schweigen des Höchsten Herrn der Kirche für diejenigen, die den Grund dafür nicht kennen, und das sind Tausende, ein Grund zum Abfall vom Glauben“. Befürchtungen wie diese mögen Pius XII. bewogen haben, in einem öffentlichen Brief vom 2. Juni 1943 erneut „das tragische Schicksal des polnischen Volkes“ zu beklagen. Mit Erleichterung wurde dies auch in Polen aufgenommen, wo dieses Schreiben im Untergrund kursierte. Es sei „ein sehr wirksames Gegenmittel gegen die vergiftete feindliche Propaganda“, die den Polen weismachen wolle, sie seien von ihrer Kirche vergessen, dankte der Krakauer Erzbischof und spätere Kardinal Adam Stefan Sapieha.

Mit der weiteren Radikalisierung des Krieges wurden die Kontakte zwischen Polen und Rom ab Mitte 1943 immer schwächer, bis sie vor Kriegsende fast zum Erliegen kamen. Die Sorgen von einer massenhaften Abkehr der Polen vom christlichen Glauben blieben unbegründet. Im Gegenteil spielte die katholische Kirche – trotz der kommunistischen Herrschaft – eine überaus wichtige Rolle beim Wiederaufbau des Landes nach 1945. (Gregor Krumpholz)

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