Im Gespräch

Donnerstag, 18. April 2019

Brand erschüttert nicht nur Frankreich

Nach dem Großbrand an Notre-Dame geht der Blick nach vorne

Flammen zerstören große Teile der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame. Danach trägt Paris Trauer. Foto: actionpress

Es sind die Stunden nach der Katastrophe. Der Brand in Notre-Dame hat Paris, Frankreich, ja ganz Europa erschüttert – und lässt die Franzosen zusammenrücken. Das Weltkulturerbe hat überlebt und wird wieder aufgebaut. Die ersten 100 Millionen fließen schon, Zeichen der Solidarität kommen aus aller Welt.

Mitternacht war die Stunde des Pathos, genährt durch Entsetzen wie durch Erleichterung. Nachdem Einsatzleiter Jean-Claude Gallet mitgeteilt hatte, dass die brennende Kathedrale Notre-Dame gerettet werden kann, trat Staatspräsident Emmanuel Macron vor die Mikrofone und versicherte der geschockten Nation: „Wir werden diese Kathedrale gemeinsam wieder aufbauen“, und zwar mit den größten Künstlern und Talenten, die man finden könne. Das sei man diesem Wahrzeichen und Kristallisierungspunkt Frankreichs schuldig.

Am Morgen schwankte die Stimmung weiter zwischen ungläubigem Kopfschütteln und Stoßseufzern. Denn einerseits sind die Schäden riesig; andererseits fehlte nicht viel, dass eine der wichtigsten Kirchen der Welt rettungslos verloren gewesen wäre. Noch um 22 Uhr abends hatte Gallet erklärt, die Sache stehe Spitz auf Knopf; die nächsten 90 Minuten seien entscheidend. Eine Stunde danach: Entwarnung.

Schwere Schäden

Am Morgen danach kommen die ersten Schadensaufnahmen. Der mittelalterliche Dachstuhl, die originale Eichenkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert: verloren. Teile der Gewölbekuppeln: eingestürzt. Einer der ersten Opfer war der 96 Meter hohe hölzerne Vierungsturm aus dem 13. Jahrhundert. Er brach unter den Flammen und dem Stöhnen der Bevölkerung am Seine-Ufer in sich zusammen. Temperaturen von bis zu 1 000 Grad, Rauch, aber auch Löschwasser haben schwerste Schäden am Mauerwerk der Kirche verursacht.
Offenbar hat die Pariser Feuerwehr aber das allermeiste richtig gemacht. 400 Einsatzkräfte kämpften wie die Löwen. Hätten sie den Ratschlag von US-Präsident Donald Trump umgesetzt, Löschflugzeuge mit Wassertanks einzusetzen, wäre die Katastrophe noch verschlimmert worden. Experten zufolge wären durch mehrere Tonnen Wasser auf einmal die Gewölbe und Mauern erdrückt und wahrscheinlich das Gebäude zum Einsturz gebracht worden. Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen auf die umliegende Altstadt verhindern.

Viele Kunstschätze gerettet
Gerettet wurden nicht nur das Gebäude mit seiner Gesamtstruktur, sondern auch wichtige Kunstschätze und Reliquien. Schließlich ist die Pariser Kathedrale eine einzige Schatzkammer. Die als Dornenkrone Jesu Christi verehrte Hauptreliquie der Kirche; das Altarkreuz; das Goldgewand König Ludwigs des Heiligen; Gemälde; liturgische Geräte: gerettet. Was von der Einrichtung verloren ging, ist noch nicht bekannt, ebenso der Zustand von Glasfenstern und Glocken.
Ein weiteres Glück im Unglück: Nur wenige Menschen kamen bei der Brandkatastrophe zu Schaden – und das trotz der extrem gefährlichen Löschbedingungen. Ein Feuerwehrmann wurde durch niederregnendes Blei von den geschmolzenen Dächern schwer verletzt.

Keine Brandstiftung

Zur Ursache des Großfeuers hat sich die Staatsanwaltschaft schon in der Nacht festgelegt. Es gebe keine Hinweise auf einen Anschlag oder Brandstiftung. Ein Defekt oder Fehler bei den laufenden Renovierungsarbeiten habe den Brand ausgelöst.  Bis 2027 sollte das Symbol europäischer Kultur umfassend restauriert werden; die Bauarbeiten hatten erst zu Jahresanfang begonnen. Statuen, Wände und Stützbögen hatten über die Jahrhunderte stark gelitten; die Pfeilerstruktur wies Rostschäden auf. Auf 150 Millionen Euro waren die Baukosten zuletzt angesetzt worden. Nun wird es ein Vielfaches werden; eine Milliardenkatastrophe.

Noch in der Nacht ging die erste Großspendenzusage ein: Die Milliardärsfamilie Pinault, zu deren Firmenkonsortium unter anderem die Modemarken Gucci und Yves Saint-Laurent gehören, versprach 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau. Nach der Feuerwehr schlägt nun wieder die Stunde der Kunstexperten und Restauratoren.

Bestürzung im Bistum Speyer
Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und Otto Georgens, der Vertreter der deutschen Bischofskonferenz bei der französischen katholischen Kirche, reagierten bestürzt und betroffen auf die Nachrichten über den Brand der weltberühmten Kirche in Paris. „Notre-Dame brennen zu sehen, ist schockierend“, so Bischof Wiesemann. (Alexander Brüggemann)

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