Im Gespräch

Mittwoch, 15. Mai 2019

Sehnsucht nach Neubeginn

Kirchenstreik der Frauen von „Maria 2.0“ an zahlreichen Orten

In Münster – von hier aus hatte der Protest seinen Ausgang genommen – versammelten sich am 12. Mai rund 500 Frauen vor dem Dom. Foto: KNA

Mit einer solchen Resonanz haben die fünf Münsteranerinnen aus der Gemeinde Heilig Kreuz selbst nicht gerechnet. Ihr Aufruf zu einem Kirchenstreik gegen Männerdominanz bei den Katholiken hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet und eine bundesweite Protestwelle losgetreten. Frauen an vielen Orten in ganz Deutschland beteiligen sich an der Initiative „Maria 2.0“ und bestehen gerade nach dem Missbrauchsskandal auf einer Erneuerung der Kirche. Ganz laut ist der Ruf nach der Priesterweihe für Frauen.

„Der Frust und die Sehnsucht nach Neubeginn in der Kirche ist groß“, sagt Mitinitiatorin Lisa Kötter mit Blick auf die Resonanz. An der „Graswurzelaktion“ beteiligten sich auch viele ältere Menschen und zu einem Drittel Männer. Genaue Zahlen kann die von dem überwältigenden Zuspruch überraschte Kleingruppe nicht nennen; schätzungsweise nähmen mehrere hundert Initiativen teil. Auch international gibt es Resonanz, wie die umfangreiche Liste von Presseartikeln auf der Website „Maria 2.0“ zeigt.

Hälfte der getauften Kinder Gottes
Bis Samstag (18. Mai) wollen die Frauen kein Gotteshaus betreten und keine ehrenamtlichen Dienste verrichten. Am zurückliegenden Sonntag fanden vielerorts Gottesdienste in Eigenregie vor den Kirchentüren statt – ein Statement für veränderte Machtstrukturen und gegen die Zölibatspflicht für Priester. So auch vor dem Dom in Münster, wo mindestens 500 Frauen zu einer Mahnwache zusammenkamen. Bei einem Wortgottesdienst ohne Kommunionfeier prangerte Initiatorin Kötter die „unzeitgemäße und ungerechte Benachteiligung der Hälfte der getauften Kinder Gottes“ in der katholischen Kirche an. Am Ende zogen die Teilnehmer zum nahen Bischofshaus und baten singend um das Kommen des Heiligen Geistes. Auch in Freiburg demonstrierte eine Gruppe von Katholikinnen für mehr Gleichberechtigung in der Kirche – parallel zur Priesterweihe im dortigen Münster.

Geteiltes Echo
„Unsere Geduld ist am Ende“, sagte die stellvertretende Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Claudia Lücking-Michel, dem ZDF. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Ihre Kinder und Freunde fragten sie immer wieder, wie sie einer Organisation angehören könne, die Frauen ausschließe.
Bei der Kirchenspitze stößt „Maria 2.0“ auf ein geteiltes Echo. „Die deutschen Bischöfe verstehen die Unruhe“, sagte der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Änderungsbedarf werde auch im Vatikan gesehen. Reformen könne es aber nur „Stück für Stück“ geben. „Wir brauchen einen Dialog“, so Kopp im ZDF. Streik sei da nicht das richtige Mittel.
Münsters Bischof Felix Genn wollte auf Anfrage die Aktionswoche nicht bewerten. Er wies aber auf den Beschluss der deutschen Bischöfe, über den Zölibat, die Sexualmoral der Kirche und den „nötigen Machtabbau“ bei Klerikern in einer breit angelegten Debatte zu reden. Dieser sogenannte Synodale Weg greife die Themen von „Maria 2.0“ auf.
Verständnis für den Frust der Frauen bekundete der Freiburger Erzbischof Stephan Burger – und betonte zugleich, dass das Kirchenrecht derzeit keinen Spielraum für Reformen lasse. Wie letztverbindlich die Aussage des früheren Papstes sind, das werde derzeit „kontrovers diskutiert“.

Generalvikar befürwortet Diakoninnen

Auch im Bistum Speyer beteiligen sich Gruppen von Frauen am Protest von „Maria 2.0“. etwa in Speyer, Deidesheim oder Dansenberg bei Kaiserslautern. Der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm sagte am 11. Mai im Südwestrundfunk, er könne die Wut, die Trauer und den Ärger der Frauen darüber verstehen, dass sie von der Kirche seit Jahrzehnten hingehalten werden. Er bezog sich dabei auf die Weihe von Frauen zu Diakoninnen. Das Bistum Speyer könne zwar alleine nichts entscheiden, er werde in seiner Position aber alles dafür tun, dass es Diakoninnen geben werde, so Sturm. Es genüge nicht, immer wieder auf die Tradition zu verweisen, dass seit Jahrhunderten Frauen keine geistlichen Ämter innehaben dürften, sagte Sturm. In den ersten Jahrhunderten der Kirche habe es Diakoninnen gegeben. Dafür gebe es Zeugnisse in der Heiligen Schrift.
Generalvikar Sturm verwies darauf, dass es ab September erstmals eine Frau im Allgemeinen Geistlichen Rat, dem Leitungsgremium des Bistums Speyer, geben werde. Möglicherweise werde bald eine zweite Frau nachrücken, wenn eine ausgeschriebene Hauptabteilungsleiterstelle mit einer Frau besetzt werde. „Das fände ich ein ganz gutes Zeichen“, sagte Sturm.

Denen die Kirche Herzen liegt
Paderborns Generalvikar Alfons Hardt machte deutlich, dass die Initiative von Frauen getragen werde, „denen die Kirche am Herzen liegt“ und durch deren teils jahrzehntelanges Engagement Gemeinden lebendig seien. Ihre Sorge um die Zukunft der Kirche sei „eine Motivation, die ich in hohem Maße wertschätze“. Aber es könnten auch neue Brüche entstehen.

Kritik an „Maria 2.0“
Vor allem konservative Gruppierungen wie das Forum Deutscher Katholiken üben massive Kritik an dem Streik. Die Forderung von „Maria 2.0“ widerspreche dem Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. In dem vor 25 Jahren veröffentlichten Schreiben sei endgültig festgelegt, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu Priestern zu weihen. Das Forum rief Frauen auf, eine neue glaubenstreue Organisation zu gründen. Als Antwort auf den Kirchenstreik der Initiative „Maria 2.0“ hat eine Katholikin aus dem Bistum Augsburg „Maria 1.0“ ins Leben gerufen. „Maria braucht kein Update“, heißt es auf einer Internetseite, die Johanna Stöhr aus dem oberbayerischen Schongau erstellt hat.  Sie wolle zeigen, dass es auch Frauen gibt, „die treu zur Lehre der Kirche halten“. (kna/epd/pil)

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