Im Gespräch

Donnerstag, 25. Juli 2019

Besorgniserregende Statistik

Kirchen verlieren 2018 rund 700 000 Mitglieder

Für die Kirchen ist es jedes Jahr eine schmerzliche Prozedur: die Zahl der Austritte bekanntzugeben. Für 2018 war wegen des Missbrauchsskandals mit einer hohen Zahl zu rechnen. Und so kam es auch.

Den Kirchen laufen weiter die Mitglieder davon. Im Schatten des Missbrauchsskandals kehrten der katholischen Kirche 2018 mehr als 216 000 Bundesbürger den Rücken – die zweithöchste Zahl seit der Wiedervereinigung und nur etwas weniger als 2014, als nach dem Skandal um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst die Rekordzahl von 217 716 Katholiken ihre Kirchenmitgliedschaft aufkündigte.

Doch auch die evangelische Kirche wird vom Trend nicht verschont: Mit 220 000 Austritten wurde sie erneut stärker gebeutelt als die Katholiken. Allerdings: Während die 27 katholischen Diözesen einen Anstieg um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr hinnehmen mussten, belief er sich bei den 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf 11,6 Prozent.

Seit Jahren: Weit mehr Beerdigungen als Taufen

Darüber hinaus haben die Kirchen aber auch ein demografisches Problem: Die Zahl der Beerdigungen liegt bei beiden weit höher als die Zahl der Taufen, Eintritte und Wiedereintritte. Insgesamt verlor die katholische Kirche 2018 rund 309 000 Mitglieder und hat noch 23,002 Millionen, die Mitgliederzahl der evangelischen Kirchen ging um 395 000 auf 21,141 Millionen zurück.
Damit nähert sich der Anteil der Mitglieder beider Kirchen an der Gesamtbevölkerung immer mehr der 50-Prozent-Marke: Mit 44,14 Millionen gehören noch 53,2 Prozent der Bundesbürger einer der beiden Kirchen an. 2017 waren es 54,2 Prozent.
Weil die Austrittszahlen in den vergangenen drei Jahren einigermaßen konstant geblieben waren, hatte das in den Kirchen teilweise die Hoffnung geweckt, dass der unvermeidliche Rückbau abgefedert werden könnte.

Viele negative Schlagzeilen und schleichender Entfremdungsprozess

Doch das Krisenjahr 2018 machte einen Strich durch die Rechnung: Die Schlagzeilen reichten von Missbrauchs- bis hin zu Finanzskandalen. Das Bistum Eichstätt verlor Millionen durch fragwürdige US-Immobiliengeschäfte. Die katholischen Bischöfe stritten über die Zulassung der evangelischen Ehepartner zur Kommunion. Und dann die immer neuen Berichte über Missbrauchsskandale – zunächst aus Australien, USA und Chile. Im September schockierte dann die Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz mit hohen Missbrauchszahlen.

Was genau die Gründe für die Kirchenaustritte sind, versuchte das Bistum Essen zu ermitteln. Das Ergebnis der im Februar 2018 – also noch vor Bekanntwerden der Missbrauchszahlen für Deutschland –veröffentlichten Untersuchung: Die Kirchensteuer ist nicht der Grund für den Austritt – wohl aber ein Auslöser. Hauptursache seien ein langer Weg der Entfremdung und fehlende emotionale Bindung – gepaart mit Glaubenszweifeln. Entscheidend sei zudem das Erscheinungsbild der Kirche. Besonders die Sexualmoral werde als nicht mehr zeitgemäß empfunden, aber auch das Frauenbild der Kirche und ihre Haltung zu Homosexualität, wiederverheirateten Geschiedenen und dem Zölibat.

Zumindest in den letzten Monaten des Jahres 2018 dürfte aber der Missbrauchsskandal dafür gesorgt haben, dass es vielen Bürgern reichte: Medienberichte aus den Amtsgerichten einiger Großstädte zeigten, dass die Austrittszahlen noch einmal hochschnellten.
Das sieht auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, so: „Das spürt doch jeder Katholik in seinem eigenen Freundeskreis“, sagte er im Februar der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“: „Die Erschütterung hat die Menschen aus der Mitte unserer Gemeinden erreicht.“
Gibt es ein Gegenmittel? „Wir dürfen den seit Jahren anhaltenden Trend nicht als unabänderliche Tatsache hinnehmen“, forderte am Freitag ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper. „Wir haben es in der Hand, ihm entgegenzutreten, wenn wir bereit sind, die Erwartungen und Sorgen der Menschen innerhalb und außerhalb unserer Kirche ernst zu nehmen.“

Katholische Kirche will neue Wege gehen

Und der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, betonte die Bereitschaft der Kirche, nach neuen Wegen zu suchen: „Wir verstehen, wenn durch Entfremdungsprozesse oder einen großen Vertrauensverlust Misstrauen entstanden ist und Glaubwürdigkeit verspielt wurde“, erklärte er mit Blick auf die „besorgniserregende“ Statistik. Initiativen wie „Maria 2.0“ zeigten, dass die Menschen Veränderungen wollten. Der jetzt eingeleitete „synodale Weg“ wolle das aufgreifen.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch ist zurückhaltender:„Ich bin auch für Reformen der Kirche, aber ich glaube nicht, dass durch noch so viele Reformen die Menschen in Massen wiederkommen“, sagte erdem Kölner „domradio“. „Wir werden auf ganz neue Weise Kirche sein müssen, und wir brauchen neue gemeinschaftliche Bindungen.“ Das werde die große Herausforderung der Zukunft sein. (Christoph Arens)

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