Im Gespräch

Donnerstag, 08. März 2018

Bischof in einer Zeit großer Veränderungen

Zehn Jahre Oberhirte in Speyer – Karl-Heinz Wiesemann lebt für eine Kirche, die den Menschen nahe ist

Seit rund zwei Jahren lebt Wiesemann unter dem Dach des Bischofshauses Wand an Wand mit einer Flüchtlingsfamilie aus Somalia.

Drei Speyerer Bischofsgenerationen bei der 200-Jahr-Feier des Bistums: Kardinal Friedrich Wetter, Bischof em. Anton Schlembach und Bischof Karl-Heinz Wiesemann – mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Weihbischof Otto Georgens und Kirchenpräsident Christian Schad. Fotos: Klaus Landry

Seit zehn Jahren ist Karl-Heinz Wiesemann Bischof von Speyer. Vielen Herausforderungen begegnete er in dieser Zeit, vor allem die Neuausrichtung der Seelsorge unter dem Leitmotiv „Gemeindepastoral 2015“ war zu stemmen, aber auch Themen wie Transparenz bei Kirchenfinanzen und der Umgang mit Missbrauchsfällen standen plötzlich auf der Tagesordnung und forderten eine sachgerechte und nachhaltige Lösung.

Wichtige Aufgaben in der Deutschen Bischofskonferenz
Jenseits der Bistumsgrenzen, auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz, nimmt Bischof Wiesemann ebenfalls wichtige Aufgaben wahr: Er war Jugendbischof, heute ist er unter anderem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland und Vorsitzender der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Beide Funktionen werden auch von den Medien mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen, erst vor wenigen Tagen war  Wiesemann als Vorsitzender der Glaubenskommission in Zusammenhang mit einem Schreiben der vatikanischen Glaubenskongregation zum Heilsverständnis der Kirche gefragt.
Bischof Wiesemann macht trotz seiner Aufgabenfülle wenig Schlagzeilen. Das kommt nicht von ungefähr. Er polarisiert nicht, er schafft es, unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen zusammenführen, nicht nur in seinem Bistum, sondern auch bei seinen übergordneten Aufgaben. Ihm sind die Debatten in Kirche und Gesellschaft meist „zu laut und zu hysterisch“. Er liebt mehr „die nachdenklichen Töne“. Der Musikbegeisterte, der beim Spiel auf seinem Yamaha-Flügel zu innerer Ruhe findet, will nicht nur die Melodie erkennen, sondern auch Ober-, Unter- und Zwischentöne hören.
Bischof Wiesemann stammt aus Ostwestfalen, wo er 1960 in Herford geboren wurde. Die Priesterweihe empfing er am 10. Oktober 1985 in Rom. Nach der Kaplanszeit und der Promotion (Thema: „Zerspringender Akkord. Das Zusammenspiel von Theologie und Mystik bei Karl Adam, Romano Guardini und Erich Przywara als theologische Fuge“) wirkte er ab 1994 als Pfarrer in Menden-Bösperde und als Propst in Brilon. 2002 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof des Erzbistums Paderborn ernannt. Als Bischofsvikar war er hier für die Priesterfortbildung und Berufungspastoral sowie für die Bereiche Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur verantwortlich.

Im März 2008 als 96. Bischof von Speyer ins Amt eingeführt
Papst Benedikt XVI. ernannte Wiesemann am 19. Dezember 2007 zum Nachfolger des emeritierten Speyerer Bischofs Dr. Anton Schlembach. Am 2. März 2008 wurde er im Speyerer Dom in sein Amt eingeführt. Als Bischof trägt er die Verantwortung für die Leitung des Bistums Speyers, das die Pfalz und den Saarpfalzkreis umfasst und in dem rund 540000 Katholiken leben.

Ein zentrales Thema bleibt die Erneuerung der Seelsorge
Ein zentrales Thema seiner bisherigen Amtszeit war die Erneuerung der Seelsorge. Im Jahr 2009 wurde dazu der Prozess „Gemeindepastoral 2015“ gestartet. In dessen Verlauf hat das Bistum Speyer 70 neue Pfarreien gebildet und ein neues Seelsorgekonzept entwickelt. Es sieht als leitende Perspektiven die Spiritualität, die Evangelisierung, die Anwaltschaft und die Einbindung in die weltweite Kirche vor.
Seit dem Jahr 2016 ist Wiesemann auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Glaubenskommission sowie Mitglied der Ökumene-Kommission. Zugleich steht er als Vorsitzender an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf Bundesebene. Der Einsatz für die sichtbare Einheit der Kirche ist kennzeichnend für sein Engagement. Mehrfach haben in den vergangenen Jahren ökumenische Projekte aus der Pfalz bundesweit Beachtung gefunden, so zum Beispiel die Entwicklung eines Leitfadens für die ökumenische Zusammenarbeit oder die mittlerweile drei ökumenischen Exerzitienwege, die Anregungen zum Dialog über spirituelle Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen geben.
Von 2011 bis 2016 leitete Wiesemann die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Die Teilnahme an den Weltjugendtagen in Rio und in Krakau sowie eine große Ministrantenwallfahrt nach Rom mit Zehntausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben Bischof Wiesemann „nachhaltig beeindruckt“. Im Bistum setzte er innovative Impulse unter anderem mit der Einführung eines Qualitätsmanagements in den katholischen Kindertagesstätten sowie die Stärkung der Jugendarbeit in der Dommusik. Ebenfalls dem Kontakt mit der Jugend dienen die seit 2013 stattfindenden Schülertage des Bistums, bei denen jedes Jahr rund 500 Schülerinnen und Schüler aus der gesamten Pfalz und dem Saarpfalzkreis durch persönliche Begegnungen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums ihre Kirche auf eine neue Weise kennenlernen. Auch der Bischof ist immer Gesprächspartner der jungen Leute, stellt sich gerne ihren auch kritischen Fragen.

Herausforderungen auf verschiedenen Gebieten
Das Bistum Speyer und Bischof Wiesemann hatten sich in den vergangenen Jahren zahlreichen Herausforderungen zu stellen. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und der Einsatz für eine stärkere Prävention gehören ebenso dazu wie das Eintreten für eine möglichst weitgehende Transparenz bezüglich des kirchlichen Vermögens und der diözesanen Haushalte. Speyer war eines der ersten Bistümer in Deutschland, das seine Vermögensverhältnisse offengelegt hat. Als 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat Bischof Wiesemann die diözesane Hilfsaktion „Teile und helfe“ gestartet und auch selbst eine somalische Flüchtlingsfamilie – eine muslimische Frau mit acht Kindern und ihren Eltern – im Vikarienhof am Domplatz aufgenommen.

Die Zukunft gemeinsam in den Blick nehmen und gestalten
Veränderten Erwartungen der Gläubigen wie auch der Suchenden galt es in den vergangenen Jahren ebenso Rechnung zu tragen wie einer rückläufigen Zahl von Priestern und pastoralen Mitarbeitern sowie dem sich deutlich abzeichnenden Rückgang von Kirchensteuereinnahmen. Mit der Entwicklung einer Zukunftsvision gemeinsam mit den Pfarreien, Räten, Verbänden und Gläubigen im Bistum will Bischof Wiesemann in den kommenden Jahren neue Ideen für das Kirche-Sein unter veränderten Bedingungen entwickeln.
Mit der Feier des 950-jährigen Domweihjubiläums im Jahr 2011 sowie der Feier zum 200-jährigen Jubiläum der Neugründung des Bistums Speyer im vergangenen Jahr unter dem Leitwort „Seht, ich mache alles neu“ sind jeweils viele tausend Menschen nach Speyer geströmt. Auch die Fernsehübertragung des Requiems für Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl im Sommer des vergangenen Jahres hat dazu geführt, dass sich die Blicke einer breiten Öffentlichkeit auf Speyer richteten.
Bischof Wiesemann wirbt immer wieder dafür, den christlichen Glauben im weiten Horizont der Weltkirche zu leben. So leitete er im vergangenen Jahr eine Kundschafterreise des Bistums auf die Philippinen. Die Begegnungen und Lernerfahrungen aus der Weltkirche können auch das Glaubensleben im Bistum befruchten, so seine Überzeugung. Konkret wurde das zum Beispiel in der Kampagne „Gutes Leben. Für alle!“ erfahrbar, die der Katholikenrat, das Bistum Speyer und das katholische Hilfswerk Misereor 2013 gemeinsam mit dem Bistum Speyer gestartet hatten. Sie gibt über den Abschluss im Jahr 2017 hinaus Impulse, das eigene Verhalten hinsichtlich der globalen Herausforderungen, denen die Menschheit heute gegenübersteht, kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dabei geht es um die Bewahrung der Schöpfung ebenso wie um globale Gerechtigkeit – eine Initiative, die durch die Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus eine starke Bekräftigung erfahren hat.
 
Und bei allem den Menschen nahe sein
Das Wort Gottes verkündigen, die Frohe Botschaft hineinsprechen in eine Gesellschaft, die in immer größeren Teilen säkularisiert ist und die vielleicht gerade deshalb nach Orientierung sucht, Menschen in den Gemeinden Mut machen zum Glaubenszeugnis, sie ermutigen, sich „einzumischen“ im Sinne des Evangeliums, für die Würde des Menschen, für Gerechtigkeit. Das will Bischof Wiesemann, und dabei „den Menschen nahe sein“. (red)

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