Im Gespräch

Mittwoch, 25. September 2019

Die Zeichen stehen an der Wand

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sieht die Menschheit in einer dramatischen Situation

Foto: KNA

Dürren, Heuschrecken und tödliche Fluten kennt die Bibel, seit Noah die Sintflut überstand. Doch die Kirchen sehen Klimakatastrophen nicht mehr als Strafe Gottes. Sie engagieren sich für Klimaschutz.

 „Die Zeichen stehen an der Wand.“ Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber (69) zitiert auch mal aus der Bibel, um die Dramatik der Situation zu beschreiben. Wer den Klimawandel leugne, müsse blind sein, sagt er mit Blick auf Wirbelstürme, Dürren und Klimaveränderungen weltweit. „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, muss man leider feststellen: Ja, wir befinden uns in einer Art Notstand; ja, wir haben tatsächlich nicht mehr viel Zeit, um das Abgleiten der Erde in eine Heißzeit zu verhindern“, warnte er kürzlich in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“.
In den kommenden Wochen wird der bei Passau geborene Physiker sein Wissen erneut der katholischen Weltkirche zur Verfügung stellen. Der Vatikan gab bekannt, dass der emeritierte Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung einer von vier deutschen Teilnehmern an der Amazonas-Synode im Vatikan sein wird – zusammen mit Kardinal Reinhard Marx, der offizielles Synodenmitglied ist, und mit den Hauptgeschäftsführern der kirchlichen Hilfswerke Adveniat, Pater Michael Heinz, und Misereor, Pirmin Spiegel. Sie sind als Experten geladen.
Schellnhuber wurde auch schon mal als „Merkels Klimaflüsterer“ bezeichnet. Der asketisch wirkende Physiker hat sich nicht in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückgezogen. Als Forschungsmanager hat er die Weltklimapolitik wesentlich geprägt. Der 69-Jährige war bis September 2018 Direktor des 1992 von ihm gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das unter seiner Leitung zu einem der weltweit angesehensten Institute im Bereich der Klimaforschung wurde. Von 2009 bis 2016 war er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats (IPCC), gehörte der Kohlekommission an und hat den Kohleausstieg 2038 mit beschlossen. Derzeit ist er als Minister in der brandenburgischen Landesregierung im Gespräch.
Auch in kirchlichen Kreisen kennt sich der in einer protestantischen Familie aufgewachsene Agnostiker aus. Er hat schon vor der Vollversammlung der deutschen Bischöfe zu Umweltfragen referiert, ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und vor allem Mitautor der Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Für ihn, so betont er, sei die Kirche ein wichtiger Global Player im Kampf gegen die Erderwärmung.
Der Physiker hat zwei Erwartungen an die Kirche formuliert: Als politische Kraft könne sie Druck auf die Politik ausüben, um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen. „Die technischen Lösungen gibt es bereits“, so Schellnhuber. „Es fehlt nur der gesellschaftliche Wille, das auch umzusetzen.“ Zugleich sieht der Wissenschaftler die Kirche aber auch als „spirituellen Faktor“: Sie könne „die Frage, was gutes Leben ausmacht, neu stellen“ und in die Gesellschaft tragen, sagt er.
Als einer der Ersten forderte Schellnhuber nachhaltige Lösungen des Klimaproblems. Er hat das „2-Grad-Ziel“ als Maßstab der Politik entworfen, den Begriff „Heißzeit“ geprägt und das Konzept der Kippelemente in die Klimaforschung eingebracht.
Mit Blick auf den Amazonas erklärte er in diesem Sommer, nicht nur die vielen Brände gefährdeten den Regenwald; auch der Klimawandel insgesamt könne zu einer Austrocknung dieser für das Weltklima zentralen Region führen.
Obwohl er pensioniert ist, hat er immer noch ein bescheidenes Büro am PIK. „Auf dem Flur steht ein mannshoher Globus, der seit Jahren kaputt ist und nicht repariert wird“, berichtete kürzlich die „tageszeitung“. „Ein Schild warnt: ‚Zerbrechlich – vorsichtig behandeln‘.“

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