Im Gespräch

Donnerstag, 08. Dezember 2011

„Ein Kampf außerhalb des Feldes“

Afghanistans berühmtester Fußballer zur Zukunft seines Landes

Fußballbegeistert bis heute – Ali Askar Lali. Foto: KNA

1981 floh Ali Askar Lali vor den Sow-jets aus Afghanistan – und landete in Paderborn. Nach dem Sturz der Taliban kehrte der ehemalige Fußballnationalspieler in seine Heimat zurück und gründete die Nationalmannschaft der Frauen. Er arbeitet für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den Weltverband Fifa. Zurzeit pendelt Lali zwischen den Welten: Der 54-Jährige lebt mit seiner Familie in Essen und reist immer wieder nach Kabul. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er vor der Afghanistan-Konferenz über Frauenfußball, die Chance auf Frieden und seine eigene sportliche Karriere.

Herr Lali, die Medien nennen Sie den Franz Beckenbauer Afghanistans. Eine passende Bezeichnung?
Nein, das ist Unsinn. Ich bin lange nicht so berühmt wie er, auch wenn ich Nationalspieler war und oft als Kommentator im Fernsehen zu sehen bin.

Dann sind Sie eher der Günter Netzer Afghanistans?
Das trifft es wohl besser. Ich habe auch im Mittelfeld gespielt, wie Netzer. Vor allem bin ich aber der Ali Askar Lali Afghanistans. Ich habe mich für den Fußball in meinem Land eingesetzt. Das ist wertvoller als alles andere.

2003 gründeten Sie die Frauennationalmannschaft Afghanistans, zwei Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft. Vermutlich hatten Sie andere Probleme, als den Spielerinnen zu erklären, wie eine Viererkette funktioniert.
Es war ein Kampf außerhalb des Feldes, das stimmt. Wir mussten die Familien der Frauen überzeugen, dass Fußball eine gute Sache ist. Bis 2001 durften Frauen nicht mal zur Schule. Und jetzt sollten sie ohne Kopftuch spielen, in engen Kleidern? Das passt nicht in die Vorstellung vieler Menschen in Afghanistan.

Es scheint aber funktioniert zu haben.
Ja, weil der Präsident des Fußballverbandes eingesehen hat, dass Frauenfußball gut für sein Ansehen ist. Seit 2004 hat der Verband eine Frauen-Abteilung. Ich habe geholfen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen auszubilden. So konnte der Verband Turniere organisieren, ohne dass Männer daran großartig beteiligt waren. Es gab viele Frauen, die Fußball spielen wollten. Sie wollten selbst entscheiden, wie sie ihre Freizeit gestalten. Manche Frauen haben es durch den Fußball sogar aus Afghanistan raus geschafft. Da gibt es viele Beispiele.

Nennen Sie mal eins.
Eins? Ich könnte sieben, acht, neun Beispiele nennen. Shamila Kohestani und Hadisa Wali waren mit ihrer Mannschaft in Amerika. Da sind sie aufgefallen und bekamen ein Stipendium. Jetzt studieren sie dort Sport.

Blicken wir auf die politische Lage in Afghanistan. In drei Jahren wollen die Nato-Truppen das Land verlassen. Ihre Landsleute sollen nach und nach die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen. Funktioniert das?
Nein, die afghanischen Behörden sind nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen. Außerdem sind sie korrupt; deshalb sind viele Taliban in der Polizei und der Armee. Kräfte also, die gegen die Regierung sind.

Die internationale Staatengemeinschaft trifft sich am Montag in Bonn zur Afghanistan-Konferenz. Was erwarten Sie von dem Treffen?
Ohne unsere Nachbarländer bekommen wir keine Ruhe. Vor allem Pakistan ist an der unsicheren Lage beteiligt. Die Taliban haben keinen festen Stand in Afghanistan. Wenn sie einen Anschlag verüben, fliehen sie in die Nachbarländer – vor allem nach Pakistan. Das muss sich ändern.

Als besonders benachteiligt gelten auch nach dem Ende der Taliban-Herrschaft die Frauen. Müssen sie immer noch Angst haben in Afghanistan?
Natürlich. Die Sicherheitslage hat sich nicht gebessert; es ist schlimmer geworden. Und das betrifft vor allem Frauen. Kabul ist eine Drei-Millionen-Stadt. Meine Spielerinnen, die am Stadtrand wohnen, müssen etwa auf dem Weg zum Training mehrmals umsteigen, wenn sie mit dem Bus kommen. Je mehr sie draußen sind, umso gefährlicher wird es für sie.

Noch einmal zurück zum Sport: Hat der Frauenfußball in dieser Umgebung überhaupt eine Chance?
Nein, der Frauenfußball ist nicht wettbewerbsfähig. Dem Verband fehlt auch die nötige Expertise und der Wille.

Der Wille fehlt?
Der Präsident des Fußballverbandes ist Armee-General, er war Freiheitskämpfer gegen die Taliban. Aber für die Freiheit der Frauen kämpft er nicht. Der Sport in Afghanistan hat keine demokratische Struktur. Um das zu ändern, dürften die Spitzenpositionen in den Verbänden nicht länger von Militärs besetzt sein.

Betrachten Sie Ihr Engagement diesem Bereich also letzten Endes als gescheitert?
Ich habe etwas in Bewegung gesetzt. Aber alleine kann ich den Frauenfußball auch nicht retten.     (Interview: kna)

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