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Im Gespräch

Mittwoch, 07. Oktober 2020

Eine uralte Idee, ganz neu

Papst Franziskus empfi ehlt in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“, sich wieder auf die Nächstenliebe zu besinnen

Symbolischer Ort: Papst Franziskus unterzeichnet sein neues Lehrschreiben in der Basilika San Francesco in Assisi am Grab des heiligen Franziskus. (Foto: kna)

Der Papst räumt ein, seine großen Ziele klängen „wie eine Verrücktheit“. Dennoch hat sein 154 Seiten langes Dokument einen Wert für unsere Welt. Es ist ein ganzes Bündel von akuten Krisen, mit denen sich Franziskus in seiner neuen Sozialenzyklika auseinandersetzt. Vom Erstarken populistischer Ideologien über die Migrationskrise bis hin zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie – der Papst spricht in „Fratelli tutti“ alle großen Probleme an, die derzeit die Menschheit bewegen. Aber auch der ungerechten Verteilung des Reichtums oder Krieg und Frieden widmet er Raum. Ausdrücklich richtet er sich nicht nur an die Christen, sondern an alle Menschen. Um eine Orientierung zu geben, die religionsübergreifend akzeptabel ist, wählt er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Das stammt zwar aus der Bibel, doch die ethische Aussage der Erzählung von dem Mann, der unter die Räuber fällt und von einem verachteten Fremden gerettet wird, während die Frommen ihn im Straßengraben liegen lassen, ist so klar, dass alle sie verstehen. Vereinfacht gesagt empfiehlt der Papst der Menschheit, sich wieder auf die uralten Grundlagen der Nächstenliebe zu besinnen, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen. Das wirkt auf den ersten Blick beinahe naiv. Wer sich ein wenig in den Problemen der politischen Ethik auskennt, wird staunen über diese scheinbare Vermischung individualethischer und politischer Fragestellungen. Doch zeigt sich bei der Lektüre des 154-Seiten-Dokuments, dass es nicht der schlechteste Ansatz ist, die Perspektive der Nächstenliebe auf die Politik zu übertragen. Er geißelt Populismus und Abschottung Wahrscheinlich wird sich Franziskus mit seinen Ideen nicht durchsetzen. Er selbst räumt ein: „Ein Plan mit großen Zielen für die Entwicklung der Menschheit klingt heute wie eine Verrücktheit.“ Und dennoch ist es ein nicht zu unterschätzender Wert, wenn das Oberhaupt der weltweit größten Glaubensgemeinschaft einen solchen sozialethischen Orientierungsrahmen zu geben versucht. Ob in der Migrationskrise oder bei der Frage des Umgangs mit politischer Hetze in sozialen Netzwerken – wer sich an der Nächstenliebe orientiert, weiß, was man zu tun oder zu lassen hat. Es sind vor allem zwei Ideologien, die diesem Ansatz widersprechen und mit denen sich der Papst in seiner Enzyklika immer wieder anlegt. Das eine sind die neuen Formen eines sich vor Einwanderung abschottenden, national-egoistischen Populismus, den der Papst als eine für Christen verbotene Option („nicht hinnehmbar“) geißelt. Der andere Hauptgegner ist der Marktliberalismus. Die Hoffnung der Marktliberalen, dass aus der Verwirklichung der Einzelinteressen für alle das Beste herauskommt, hält Franziskus für widerlegt; er predigt eine weitreichende Form des Gemeinwohldenkens. Dabei geht er so weit, das Recht auf Privateigentum nur noch als ein „sekundäres Naturrecht“ zu akzeptieren. Auch in der Frage der Migration geht er weiter als seine Vorgänger, indem er erklärt, „dass jedes Land auch ein Land des Ausländers ist, denn die Güter eines Territoriums dürfen einer bedürftigen Person, die von einem anderen Ort kommt, nicht vorenthalten werden“. Das alles mündet in die beinahe utopische Vision eines „Planeten, der allen Menschen Land, Heimat und Arbeit bietet“. á Symbolischer Ort: Papst Franziskus unterzeichnet sein neues Lehrschreiben in der Basilika San Francesco in Assisi am Grab des heiligen Franziskus.

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