Im Gespräch

Mittwoch, 18. September 2019

Kirche in Deutschland bleibt auf Reformkurs

Scharfe Kritik aus Rom an „synodalem Weg“ – Bischöfe schreiben an Papst Franziskus

Gemeinsame Konferenz von Bischöfen und Laien zur Vorbereitung des „synodalen Wegs“ in Fulda. Am Mikrofon Claudia Lücking-Michel, die Vizepräsidentin des ZdK. Foto: KNA

Fast unbeeindruckt von kritischen Interventionen setzt die katholische Kirche in Deutschland ihren Weg zu innerkirchlichen Reformen fort. Nach einem Treffen führender Vertreter der Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am 13. und 14. September in Fulda sprachen Bischöfe und Laien übereinstimmend von einer sehr positiven Stimmung und einer ausgezeichneten und freimütigen Arbeitsatmosphäre. Falls Bischofskonferenz und ZdK jetzt jeweils dem in Fulda verabredeten Verfahren zustimmen, kann der angestrebte „synodale Weg“ pünktlich zum Anfang des neuen Kirchenjahres am 1. Advent beginnen.

Mehr verärgert als beunruhigt wurde von den Versammelten ein Brief des Präfekten der Kongregation für die Bischöfe, Kardinal Marc Ouellet, zur Kenntnis genommen. Der Vatikan bekundet in dem Brief sowie in einem Gutachten Vorbehalte zu dem ab Dezember geplanten „synodalen Weg“ der deutschen Bischöfe und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Die Themen beträfen auch die Weltkirche und könnten „mit wenigen Ausnahmen nicht Gegenstand von Beschlüssen und Entscheidungen einer Teilkirche sein“. Auf Kritik stößt auch die Gleichberechtigung von Bischöfen und Laien bei den Abstimmungen. Synodalität in der Kirche sei „kein Synonym für Demokratie oder Mehrheitsentscheidungen“, so der Vatikan.
Persönlich will Kardinal Marx in Rom in diesen Tagen die Antwort überreichen. Marx hält fest, Rom hätte vor der „Versendung von Schriftstücken“ das Gespräch suchen sollen.
Insgesamt hat die Bischofskonferenz indes kein Interesse an einer Konfrontation und setzt darauf, dass Marx in persönlichen Gesprächen Vorbehalte gegen das Vorhaben ausräumen kann. Ein Knackpunkt ist dabei offenbar der Name des Kindes: Synoden unterliegen klaren kirchenrechtlichen Vorgaben, aber die Bischofskonferenz bestreitet ausdrücklich und grundsätzlich, eine Synode zu veranstalten. Auch das ZdK hätte daran nicht mitgewirkt, wie Präsident Thomas Sternberg betont.
Weil der Weg aber bewusst als „synodal“ beschrieben wird, muss die Gefahr von Missverständnissen offenbar in Kauf genommen werden. Ohne kirchenrechtlich bindenden Rahmen besteht indes auch keine Pflicht für einen Bischof, die Ergebnisse des „synodalen Wegs“ in seinem Bistum umzusetzen. Beschlüsse können nur zur Kenntnisnahme nach Rom übermittelt werden. Was dann geschieht, entscheidet der Papst. Marx zeigt sich optimistisch, dass die Ergebnisse nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Weltkirche insgesamt hilfreich sein können. Zunächst muss er davon in der übernächsten Woche bei der Herbstvollversammlung ebenfalls in Fulda aber jene Minderheit von Bischöfen überzeugen, die eher am Rande des Weges stehen.
Kaum war die Vorbereitungstagung in Fulda beendet, veröffentlichte am Samstag das Bistum Regensburg einen Alternativentwurf für den „synodalen Weg“, der deutlich stärker auf Glaubensvermittlung und Neuevangelisierung setzt. Diesen Entwurf hatten Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bereits im August dem Ständigen Rat der Bischofskonferenz vorgelegt. Doch die Versammlung der 27 Ortsbischöfe hatte ihn nach Angaben des Bistums Regensburg mit 21 zu 3 Stimmen bei 3 Enthaltungen abgelehnt.
Vertreter unterschiedlicher Positionen werden sicher auch bei der Vollversammlung ihre jeweilige Sicht auf einen Brief von Franziskus „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ darlegen. Das päpstliche Schreiben von Ende Juni war sehr ausführlich, ebenso freundlich wie vielsagend. Und es rief unterschiedliche Interpretationen hervor. Skeptiker und Befürworter des „synodalen Weges“ sahen sich zunächst bestätigt.
Die in Fulda versammelten Bischöfe und Laien verabschiedeten einen ebenso freundlichen Antwortbrief an den Papst, den Marx ebenfalls in Rom überbringen will. Derweil hat die inhaltliche Arbeit schon begonnen. Die vier vorbereitenden Foren zum Weg, allesamt von einer Doppelspitze aus Bischofskonferenz und ZdK geleitet, haben sich öffentlich unbeachtet teilweise bereits mehrfach getroffen und Papiere zu den einzelnen Themenbereichen erarbeitet, die sie nun beim Vorbereitungstreffen in Fulda vorstellten.
Dabei wurde deutlich, dass alle heißen Eisen behandelt wurden: Es ging um „die Art und Weise, wie Macht in der Kirche ausgeübt wird“, um die auch von den Bischöfen empfundenen starken Unterschiede zwischen Lehre und Praxis in Sachen Sexualmoral, um die Frage priesterlichen Lebens in der heutigen Gesellschaft und, mit „hoher Dringlichkeit“, um die Rolle, die Frauen in der katholischen Kirche spielen dürfen. Dem Thema wurde in der öffentlichen Wahrnehmung „eine wichtige Nagelprobe für die Authentizität des Reformwillens“ bescheinigt.
Nicht noch einmal soll es so enden wie bei dem von Marx Vorgänger Robert Zollitsch ins Leben gerufenen und gut gemeintem Gesprächsprozesses zwischen 2011 und 2015, an dessen Ende aus Sicht vieler nichts Greifbares herauskam – außer dem Wissen, dass es nun anders werden soll. Damals wurden aus Angst vor Konflikten schwierige Themenbereiche ausgeklammert. Das ist jetzt anders, doch damit steigt auch der Druck auf die Bischöfe, die sich den Erwartungen von Reformorientierten und Bremsern, von der Realität in Deutschland und der Außenwahrnehmung etwa in Rom und den USA ausgesetzt sehen.
Einen Ausweg könnte die für den Herbst geplante Amazonas-Synode in Rom aufweisen. Sie könnte eine Möglichkeit eröffnen, dass in bestimmten Einzelfragen regionale Sonderwege möglich sind, ohne dadurch grundsätzlich an der weltweiten Einheit der katholischen Kirche zu rütteln.

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