Im Gespräch

Donnerstag, 10. Januar 2019

Mahnschreiben an US-Bischöfe

Der Missbrauchsskandal und das Ringen des Papstes um den Zusammenhalt der Kirche

Papst Franziskus wendet sich mit Blick auf den Missbrauchsskandal in einem Mahnschreiben an die US-Bischöfe – und spricht damit alle Ortskirchen an, die um neue Glaubwürdigkeit ringen. Foto: actionpress

Demut, Prüfung, Einheit: Papst Franziskus redet den US-Bischöfen ins Gewissen, die sich vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals zu einer Gebetswoche in ein Priesterseminar bei Chicago zurückgezogen hatten. Er selbst hatte ihnen diese Klausur zum Jahresbeginn aufgetragen. Zum Auftakt meldet er sich mit einem Schreiben, in dem er seinen Erneuerungskurs darlegt. Darin eingebettet der Tadel, die Bischöfe hätten geleugnet, vertuscht und Spaltung in die Gemeinschaft getragen.

Für den Papst steht die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Spiel – ein dutzendmal fällt das Wort auf acht Seiten. Wie ernst er die Lage sieht, zeigt, dass er ursprünglich persönlich an dem Treffen teilnehmen wollte. Organisatorische Gründe standen dagegen, schreibt er in dem Brief, den die Bischöfe zu Beginn ihrer Zusammenkunft am 2. Januar erhielten und den der Vatikan einen Tag später veröffentlichte. Der Jesuit Franziskus – er sieht sich als Exerzitienleiter gerufen.

Von den 271 aktiven und 185 emeritierten US-Bischöfen sind, wie ein Teilnehmer twitterte, rund 280 der Aufforderung des Papstes zu einer Woche betender Reflexion gefolgt – eine Zahl, die laut Beobachtern etwa der Stärke normaler Vollversammlungen entspricht. Dennoch lässt sich nicht übersehen, dass der Missbrauchsskandal den US-Episkopat zermürbt und die Hirten gegeneinander aufgebracht hat. Von einem „Teufelskreis gegenseitiger Beschuldigungen, Untergrabung und Diskreditierung“ spricht der Papst.
An den Anfang seiner geistlichen Mahnungen stellt Franziskus ein Bibelwort, mit dem Jesus sein Verständnis von Hierarchie darlegt: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ Was der Papst verlangt, ist Umkehr: Die Gläubigen litten darunter, „einen Episkopat zu sehen, dem es an Einheit fehlt und der mehr darauf aus ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen, als Wege der Versöhnung zu suchen“.

Die Verletzungen durch den Missbrauch erzeugten aus seiner Sicht Spaltungen, die über „gesunde und notwendige Meinungsverschiedenheiten und Spannungen“ hinausgehen. Durch „strenge Dekrete oder einfach die Schaffung neuer Komitees“ lasse sich Glaubwürdigkeit nicht zurückgewinnen. Hier liegt vielleicht ein Grund, weshalb der Vatikan die US-Bischöfe im November von der Verabschiedung eines Maßnahmenpakets gegen Missbrauch abhielt. Eine per Kompromiss oder demokratische Abstimmung erreichte „relative Ruhe“ reiche nicht, so Franziskus.

Der Papst plädiert – wie schon gegenüber der Kirche in Chile im vergangenen Mai – für eine grundlegende Erneuerung. Eine verwaltungsmäßige Lösung des Missbrauchsproblems ohne echte „Umkehr“ – ohne einen neuen Stil im Umgang mit Macht, Geld, Autorität und Beziehungen, dafür nach den Maßgaben des Selbsterhalts und der Selbstverteidigung – wäre „von vornherein zum Scheitern verurteilt“.
Wiederholt mahnt Franziskus zu einem Geist der Unterscheidung, des Hörens und des Dialogs; ein für ihn typisches Motiv. Auch hier wendet er sich damit gegen vorgefasste Lösungen und den Ruf nach strafferer Disziplin. „Die Katholizität der Kirche lässt sich nicht einfach auf eine Frage von Doktrin oder Gesetz reduzieren“; die Kirche bleibt für ihn eine Gemeinschaft der Sünder, braucht ständige Bekehrung, aber auch gegenseitige Hilfe und Bereicherung.
Es ist ein sensibler Punkt. Mehrfach in der Vergangenheit nannte Franziskus als Ursache für Missbrauch „Klerikalismus“– einen Umgang mit Macht, der dringend zu reformieren sei. Viele sehen in den sexuellen Vergehen von Geistlichen aber eher die giftige Frucht einer fehlgegangenen Liberalisierung. Der ideologische Graben geht auch durch die US-Bischofskonferenz.

Vielleicht verzichtet der Papst daher in seinem Brief bewusst auf das Wort Klerikalismus. Die Krise bringe Spannungen zutage, schreibt er, aber diese Spannungen dürften nicht die Antwort auf die Krise belasten. Viele Maßnahmen könnten „hilfreich, gut und nötig sein und sogar korrekt erscheinen, aber nicht alle haben den ‚Geschmack‘ des Evangeliums“.  „Um es umgangssprachlich zu sagen“, fährt der Papst fort, „wir müssen aufpassen, dass die Kur nicht schlimmer wird als die Krankheit.“ (Burkhard Jürgens)

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