Im Gespräch

Mittwoch, 12. September 2018

„Näher als gedacht“

Protestanten Europas vor offiziellem Dialog mit dem Vatikan

Das Münster in Basel. In einem Gottesdienst soll die Aufnahme von offiziellen Gesprächen vereinbart werden. Foto: actionpress

Die Dachorganisation der Protestanten in Europa kommt vom 13. bis 18. September in Basel zu ihrer Vollversammlung zusammen. Dabei soll auch der Startschuss zu einem offiziellen Dialog mit dem Vatikan fallen. Dem Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und dem Präsidenten der Evangelischen Kirche der Pfalz, Christian Schad, kommt bei dem Prozess der Annäherung eine wichtige Rolle zu.

Die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE) dürfte auch unter Protestanten wenig bekannt sein. Gleichwohl verdient die nächste Vollversammlung des Verbunds von 94 lutherischen, methodistischen, reformierten und unierten Kirchen aus über 30 Ländern Europas und Südamerikas, die vom 13. bis 18. September in Basel stattfindet, Beachtung, auch über den Kreis der Insider hinaus. Denn sie könnte das Signal für einen wichtigen ökumenischen Fortschritt setzen: In einem Gottesdienst im Basler Münster wollen der Rat der GEKE und der Vatikanische „Ökumeneminister“, Kardinal Kurt Koch, die Aufnahme offizieller Gespräche vereinbaren.

Bisher hat der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen seine offiziellen Dialoge immer mit bestimmten „Konfessionsfamilien“ geführt, also mit dem Lutherischen Weltbund (LWB), der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Anglikanischen Gemeinschaft oder der Orthodoxen Kirche. Ein Dialog mit der GEKE betritt also in zweifacher Hinsicht Neuland, denn es handelt sich um eine regional begrenzte und zugleich konfessionell uneinheitliche Gruppe.

Grundlage der GEKE ist die sogenannte Leuenberger Konkordie von 1973. Mit diesem protestantischen Ökumene-Dokument haben die seit der Reformation getrennten lutherischen, reformierten und die aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen ihre Differenzen überwunden und Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft erklärt. Zuvor war es nicht möglich, dass etwa ein Pfarrer aus einer reformierten Gemeinde als Pfarrer oder gar Bischof in einer lutherischen Landeskirche tätig wird. Ebenso gab es keine gemeinsame Feier des Abendmahls.

Mit der Konkordie sind allerdings die unterschiedlichen Lehrmeinungen zwischen Lutheranern und den sich auf die Schweizer Reformatoren Calvin und Zwingli berufenden Reformierten noch nicht vereinheitlicht; sie gelten nur nicht mehr als kirchentrennend („versöhnte Verschiedenheit“). Und die Konkordie gilt eben nicht weltweit, sondern nur für die Mitgliedskirchen der GEKE, die sich ursprünglich „Leuenberger Kirchengemeinschaft“ nannte – und damit für etwa 50 Millionen Protestanten in Europa.

Gerade aus deutscher Sicht ist deshalb die GEKE als ökumenischer Partner der katholischen Kirche wichtig. Denn wenn sich etwa allein der Vatikan und der LWB auf eine Abendmahlsgemeinschaft einigen würden, brächte dies die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die wie die GEKE die unterschiedlichen protestantischen Richtungen vereinigt, in eine schwierige Lage, da ihre unierten und reformierten Mitgliedskirchen nicht einbezogen wären.

Es war deshalb nicht zuletzt der frühere Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber, bei der vorigen Vollversammlung der GEKE 2012 zu deren Geschäftsführendem Präsidenten gewählt, der das Projekt eines Dialogs mit dem Vatikan engagiert voranbrachte. Unter der Leitung Webers und des Speyerer katholischen Bischofs Karl-Heinz Wiesemann begannen dann 2013 Sondierungsgespräche, die die Chancen eines solchen Dialogs ausloten sollten. Nach Webers frühem Tod 2015 übernahm der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad dessen Aufgabe in der Kommission.

Der Abschlussbericht mit dem Titel „Kirche und Kirchengemeinschaft“ wird bei der Vollversammlung in Basel präsentiert. Er bemüht sich um einen neuen Zugang zu kontroverstheologischen Themen des Kirchen- und Amtsverständnisses, indem er nach Gemeinsamkeiten hinter unterschiedlichen Konzepten fragt. „Wir sind uns in ekklesiologischen Fragen deutlich näher, als wir bisher gedacht haben“, heißt es resümierend. Zugleich wird darin die Leuenberger Kirchengemeinschaft als „nicht immanent reformatorisches“, sondern „ökumenisch offenes“ Modell bezeichnet.

In Basel werden noch andere theologische Studien und weitere Arbeitsergebnisse vorgestellt und auch ein neuer Rat gewählt. Der amtierende Präsident Gottfried Locher vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund kandidiert erneut für das Leitungsgremium. Zudem will die Vollversammlung ein „Friedenswort“ zur gegenwärtigen Lage in Europa beschließen. Den Hauptvortrag der Versammlung hält der Gründer der Gemeinschaft Sant‘Egidio, Andrea Riccardi. (Norbert Zonker)

 

 

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