Im Gespräch

Mittwoch, 08. November 2017

Nüchterne Analyse und Selbstkritik

Jugend und Glaube: Bischöfe antworten auf Fragebogen aus Vatikan

In ihrem Bericht nennen die Bischöfe auch gelungene Beispiele von Jugendarbeit – zum Beispiel die 72-Stundenaktion. Hier Vertreter des Speyerer BDKJ im Vorfeld der Aktion 2013 mit „Schirmherr“ Bischof Wiesemann. Foto: BDKJ

Papst Franziskus will wissen, wie Jugendliche ticken. In knapp einem Jahr soll im Vatikan ein großes Treffen dem Thema „Jugend und Glaube“ nachgehen. Deshalb soll bereits im Vorfeld dieser Synode mit Bischöfen aus aller Welt klar sein, wo junge Leute der Schuh drückt – aber auch, worauf sie hoffen und was sie möglicherweise von der Kirche erwarten.

„Eine große Anzahl Jugendlicher in unserem Land erbittet (...) einfach nichts von der Kirche.“ So offen und nüchtern steht es in der Antwort der Deutschen Bischofskonferenz auf den Fragebogen aus Rom. Die Meinung der Kirche sei für diese Gruppe „von keinerlei Interesse“, heißt es in dem am 3. November  veröffentlichten Text weiter. Zugleich finden sich darin aber auch Hinweise auf zahlreiche gelungene Initiativen und positive Beispiele kirchlicher Jugendarbeit.

Denn: Die (!) Jugendlichen in Deutschland gebe es nicht, so die Bischöfe. Sie berichten von zunehmend unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten junger Menschen, beispielsweise zwischen Stadt und Land, reich und arm, gebildet oder bildungsfern. Auch die große Einwanderungswelle beurteilen Jugendliche demnach ganz verschieden: „Manche junge Menschen sehen sich durch das Fremde und die Zahl der Neuankommenden bedroht (29 Prozent), andere begreifen die sich eröffnende kulturelle und religiöse Vielfalt als Chance (über 50 Prozent).“

Antworten aus allen 27 katholischen Bistümern in Deutschland sind in die Übersicht eingeflossen. Die bisherigen Rückmeldungen zeigen der Bischofskonferenz zufolge, was viele Jugendliche von der Kirche wünschen: Wertvorstellungen und Sinnangebote, Ehrlichkeit und Bedeutung für Festtag und Alltag. Diese Bestandsaufnahme sei „ein wichtiger Ausgangspunkt“ für die Beratungen der Jugendsynode, betonen Jugendbischof Stefan Oster und Bischof Felix Genn aus Münster, der in der Konferenz für das Thema Geistliche Berufe zuständig ist. Zusätzlich läuft noch bis Ende November eine Online-Umfrage des Vatikan unter Jugendlichen selbst.

Mit der Jugendsynode im Oktober 2018 will Papst Franziskus wieder einmal für frischen Wind sorgen. Manche hoffen auf neue Wege, bei anderen überwiegen wohl bereits Zweifel (lateinisch: dubia). Die letzten Synoden 2014 und 2015 hatten vor allem in konservativen Kreisen Kritik ausgelöst. Bei diesen Versammlungen zu Ehe und Familie standen auch umstrittene Themen auf der Tagesordnung, etwa zu Homosexualität oder zum Umgang mit Katholiken, die nach einer Scheidung zivil erneut geheiratet haben.

Wer heute vor den Traualtar tritt, lebt oft schon mehrere Jahre mit dem Partner zusammen. „So sind voreheliche Lebensgemeinschaften eine nahezu flächendeckende Realität“, analysieren die deutschen Bischöfe in ihrer Antwort ohne moralischen Zeigefinger. Die Lücke zwischen überliefertem Familienideal und den Lebensbedingungen von heute bringe viele Jugendliche „in deutliche Distanz zu kirchlichen Aussagen“.

Das Kirchenpapier macht viele Chancen bei Berufs- und Studienwahl aus, spricht aber auch von großem Leistungsdruck in der Schule. Unter Jugendlichen gebe es dennoch „auch eine hohe Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement“. Dabei nähmen etwa die katholischen Jugendverbände eine wichtige Rolle ein.

Außerdem sei die Arbeit von und mit Ministranten besonders erfolgreich, ebenso wie Initiativen aus Neuen Geistlichen Gemeinschaften und nicht zuletzt Projekte, bei denen sich Jugendliche für eine überschaubare Zeit einbringen. Damit sind etwa die großen Weltjugendtage gemeint, Wallfahrten zur Gemeinschaft von Taizé oder Ferienlager. Kaum überraschend: Die große Bedeutung des Internets (nicht nur) für Jugendliche – dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch die Antworten auf 19 Seiten.

Wie stark sie letztlich bei dem Bischofstreffen im nächsten Herbst ins Gewicht fallen, lässt sich noch nicht abschätzen. Auch andere Regionen der Welt haben ihre Sicht beizusteuern. Allerdings ist kein Geheimnis, dass die deutsche Sprachgruppe bei der letzten Familiensynode nachhaltige Akzente gesetzt hat.

Jugendbischof Oster hebt hervor, dass die verschiedenen Formen kirchlicher Arbeit auch nicht-gläubige Jugendliche erreichten: „Diesen Schatz werden wir mit nach Rom tragen. Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass wir den von Papst Franziskus geforderten missionarischen Aufbruch intensiver umsetzen könnten.“ Antworten, hinter denen nicht unbedingt ein Schlusspunkt steht – eher ein Doppelpunkt. (Thomas Winkel)

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