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Im Gespräch

Mittwoch, 20. Januar 2021

Tröster der Nation

Der neue US-Präsident zieht Kraft aus dem katholischen Glauben

Joe Biden in Washington im Jahr 2015 mit Papst Franziskus. (Foto: Actionpress)

Joe Biden ist am 20. Januar als zweiter Katholik in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ins Weiße Haus eingezogen. Der neue Präsident versteht seinen Glauben als Richtschnur, die verletzte Seele Amerikas zu heilen.
Am Ende seiner Siegesrede am 7. November ließ Joe Biden sein Herz sprechen. „In den letzten Tagen des Wahlkampfs dachte ich oft über ein Kirchenlied nach, das meiner Familie und mir, insbesondere meinem verstorbenen Sohn Beau, viel bedeutet hat“, so Biden. Er hoffe, dass sie den Angehörigen der Corona-Opfer „denselben Trost spendet“. Dann zitiert der frisch gewählte Präsident aus dem Lied „On Eagle‘s Wings“ – (übersetzt „Auf Adlerflügeln“), das der katholische Priester Michael Joncas 1976 schrieb.
Es basiert auf Psalm 91 und beschreibt Gott als Beschützer, der die Menschen auf den Schwingen des Adlers erhebt und „in seiner Hand trägt“. Biden sang das Lied bei der Beisetzung Beaus, der 2015 einem Gehirntumor erlag. Beau war schon das zweite Kind, das der damalige Stellvertreter Barack Obamas beerdigen musste. 1971 kam seine einjährige Tochter Naomi zusammen mit Bidens erster Frau bei einem Unfall ums Leben. Freunde überredeten ihn, nicht aufzugeben. Doch was ihn damals, wie während des eigenen Ringens mit einem Aneurysma oder seinen politischen Niederlagen am Leben hielt, war nach eigener Aussage der Glaube.
Der hat seine Wurzeln in Scranton in Pennsylvania, wo „Joey“ als Kind irischer Einwanderer aufwuchs. Dort und später im benachbarten Delaware erlebte er den Katholizismus in der Nachbarschaft, den Schulen und Kirchen, die er besuchte.
„Meine Religion gibt mir enormen Trost“, sagte Biden wenige Monate nach dem Tod des Sohnes. Dass dies nicht einfach nur so gesagt ist, bezeugt der 86-jährige Jesuit Leo O‘Donovan, der früher Präsident der renommierten Georgetown University war und als enger Freund Bidens für die Ansprache bei dessen Amtseinführung ausersehen war.
Es ist dieser gelebte Glaube, der den neuen US-Präsidenten auszeichnet: Biden hält keine theologischen Vorträge, verliert sich nicht in Doktrinärem oder macht Politik mit seiner Religion. Für den in seinem Leben oft von Schicksalsschlägen heimgesuchten Katholiken ist Glaube eine stete Quelle der Erneuerung.
Das verspricht er einer tief gespaltenen Gesellschaft. Biden bietet sich bei der Amtseinführung als Tröster an, der, wie er selbst sagt, „die verletzte Seele der Nation heilen will“. Eine gewaltige Aufgabe, deren Ausmaß sich an dem Misstrauen ablesen lässt, das ihm in der eigenen Kirche entgegenschlägt: Katholiken haben Biden laut Nachwahl-Untersuchungen mit nur 52 zu 48 Prozent Trump vorgezogen. Viele katholische Anhänger Trumps stellen Bidens Glauben wegen dessen Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen, „Homo-Ehe“ und anderen Streitthemen in Frage. In der US-Bischofskonferenz stellen sich viele Mitglieder auf harte Auseinandersetzungen mit Biden ein. Der künftige Präsident lehnt Abtreibungen persönlich ab, will dies aber niemandem vorschreiben.
Während es bei John F. Kennedy, dem ersten Katholiken im Weißen Haus, Skepsis gab, ob er dem säkularen Staat gegenüber loyal sei, steht diesmal eine andere Frage im Zentrum: Ist Biden katholisch genug? Eine kuriose Ausgangslage für den tiefgläubigen Präsidenten, der sonntags zur Messe geht, aus der Bibel zitiert und Reden mit religiösen Referenzen sprenkelt.
„Für mich hat Glaube vor allem mit Hoffnung, Zweck und Stärke zu tun“, sagte Biden in einer Videobotschaft an US-Katholiken. Nach dem Aufstand gegen die Demokratie, in der Corona-Pandemie und der wachsenden wirtschaftlichen Not spendet solches Verständnis Trost. Oder wie Joe Biden sagt: „Glaube sieht in der Dunkelheit am besten.“           

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Thomas Spang/KNA

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