Im Gespräch

Donnerstag, 08. August 2019

Überleben im Chinesischen Meer

Die „Cap Anamur“ rettete vor 40 Jahren erstmals Bootsflüchtlinge

Vietnamesische „Boat people“ auf dem Deck der Cap Anamur. Die Besatzung des Schiffes rettete im Chinesischen Meer Tausende von Menschen. Foto: actionpress

hilfe zur illegalen Einwanderung“? Unter diesem Vorwurf ist Carola Rackete, die Kapitänin der „Sea Watch 3“ angeklagt, weil sie ihr Schiff mit 40 Flüchtlingen an Bord in den Hafen von Lampedusa steuerte, trotz eines Verbots der Behörden. Ähnliche Diskussionen rund um die Seenotrettung gab es schon vor 40 Jahren. Damals war der Schauplatz das Chinesische Meer, und die Flüchtlinge kamen aus Vietnam.

Am 13. August 1979 stach das Hospitalschiff „Cap Anamur“ von Japan aus in See und nahm sechs Wochen später die ersten Boostflüchtlinge an Bord. „Boat people“ wurden damals die Menschen genannt, die in winzigen, völlig überfüllten Booten ihr Heil in der Flucht über das Meer suchten.

Der Vietnamkrieg lag nicht lange zurück, die Rache der Nordvietnamesen am früheren Kriegsgegner nahm ihren Lauf. Hinrichtungen, Mord, Vergewaltigung, willkürliche Einweisung in Umerziehungslager – viele Menschen versuchten deshalb, sichere Länder in der Region zu erreichen. Aber der Weg übers Meer war lang und gefährlich. Und erwünscht waren sie ohnehin nirgendwo.
Als es den Anrainerstaaten zuviel wurde, drängten sie die Boote zurück aufs offene Meer. Deutschland hielt sich anfangs sehr zurück, als es darum ging Flüchtlinge aufzunehmen. Geschätzt 1,6 Millionen Vietnamesen machten sich bis Ende der 1980er Jahre auf den Weg, rund 250 000 fanden dabei den Tod.

Von der Tragödie im Chinesischen Meer hatte auch der Journalist Rupert Neudeck gehört. In Paris lernte er den Philosophen André Glucksmann kennen. Der war damals schon engagiert in einer Organisation, die zum Vorbild für Neudeck wurde. Das „Comité un Bateau pour le Vietnam“ (Komitee ein Schiff für Vietnam) hatte ein Schiff gechartert und rettete damit Flüchtlinge. Neudeck traf sich mit anderen Mitgliedern des Komitees – und hatte seine Lebensaufgabe gefunden.

Er suchte sich Mitstreiter und fand in Heinrich Böll einen Verbündeten von unschätzbarem Wert. Parallel dazu baute er mit Freunden Organisation und Logistik auf, lernte, was es mit dem deutschen Vereinsrecht auf sich hat und wie wichtig die Steuerabzugsfähigkeit von Spenden ist. Vor allem aber reiste er selbst zum Chinesischen Meer.

Von Anfang an setzte der neugegründete Verein „Ein Schiff für Vietnam“ auf die Zusammenarbeit mit den französischen Partnern und großen Hilfsorganisationen: Das Deutsche Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, Terre des Hommes – alle steuerten ihre Kompetenzen und Erfahrungen bei.
Letztlich war es aber die Macht der Bilder, die die Hilfsbereitschaft der Deutschen weckte und aufrecht hielt. Neudeck und der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes traten gemeinsam in der Magazinsendung „Report Baden Baden“ des Journalisten Franz Alt auf. Dort berichteten sie über die geplante Rettungsaktion – drei Tage später waren 1,2 Millionen D-Mark auf dem Konto von „Ein Schiff für Vietnam“, und der Verein konnte den Frachter „Cap Anamur“ chartern. Mindestens genauso wichtig war aber eine Garantie, die zuvor die Bundesregierung abgegeben hatte: „Jeder Vietnam-Flüchtling, der von ... Versorgungsschiffen, die unter deutscher Flagge fahren, gerettet und aufgenommen wird, kommt in die deutsche Bundesrepublik!“

Die erste Reise wurde zum Fiasko. Das Schiff wurde von den indonesischen Behörden konfisziert. Man sei widerrechtlich in deren Hoheitsgewässer eingedrungen. Erst am 30. September 1979 wurden die ersten Flüchtlinge an Bord genommen. Im großen Stil rettete die „Cap Anamur“ Boat people in der Zeit zwischen 1980 und 1982, insgesamt fast 10 000 Menschen; rund 35 000 wurden zudem auf dem Schiff medizinisch versorgt.

Unumstritten war die Seenotrettung auch damals nicht: Die Flüchtlinge gehörten in Wirklichkeit zur wohlhabenden Mittelschicht in Vietnam, behauptete vor allem die deutsche Linke. Mit ihrer Präsenz im Chinesischen Meer würde die „Cap Anamur“ die Menschen geradezu dazu verführen, sich auf den gefährlichen Weg zu machen, argumentierten die Konservativen. Mit solchen Vorwürfen müssen auch die Seenotretter 2019 leben. Rupert Neudeck ließ sich davon nie beirren. (kna)

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