Im Gespräch

Donnerstag, 12. Januar 2017

Verständnis für Ängste der Menschen

Taizé-Prior mahnt Konzentration auf eigene Wurzeln an

Frère Alois, Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, setzt sich ein für die Vision eines Europa ohne Grenzen. Foto: actionpress

Seit 2005 leitet der deutsche Katholik Frère Alois als Prior die ökumenische Gemeinschaft von Taizé im französischen Burgund. Den Jahreswechsel feierte die Bewegung mit 15000 jungen Pilgern bei einem Europäischen Jugendtreffen in der lettischen Hauptstadt Riga. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur gibt der 62-jährige Frère Alois Ratschläge für instabile Zeiten und zeigt Verständnis für Ängste in der Bevölkerung.

Frère Alois, was hat Sie an Riga besonders überrascht?
Überraschend war, dass dieses Treffen in Riga, in dieser relativ kleinen Stadt am Rand von Europa, überhaupt möglich war. Europa kann nur zusammenwachsen, wenn auch die kleinen Länder mit ihrer Geschichte wahrgenommen und gehört werden. Schon seit 25 Jahren, seit der Unabhängigkeit, kommen viele Jugendliche aus den baltischen Ländern nach Taizé. Vor zwei Jahren gab es schon einmal ein baltisches Treffen in Riga. Da haben wir gesehen: Hier in Riga ist auch ein Europäisches Jugendtreffen möglich.

Die Vorbereitungen für das nächste Jugendtreffen in Basel laufen schon. Basel ist eine noch kleinere Stadt als Riga...
Wir haben Basel – auch wenn es keine „Lutherstadt“ ist – gewählt, weil Basel eine Stadt der Reformation ist. Das erschien uns gerade im Lutherjahr 2017 wichtig. Wir wollen dieses Jahr als Jahr der Versöhnung feiern. Zum anderen liegt Basel an der Grenze zu Frankreich und Deutschland. Die Stadt ist nicht nur eine Stadt in der Schweiz, sondern in Bezug auf andere Länder eine sehr offene Stadt. In solch grenzübergreifenden Regionen wächst Europa besonders gut zusammen.

Das Jahr 2016 kommt in der öffentlichen Wahrnehmung sehr schlecht weg. Wie haben Sie dieses Jahr mit seinen politischen Entwicklungen erlebt?
Für mich persönlich hat das Jahr 2016 in Syrien begonnen, in Homs. In Taizé selbst haben wir es auch als ein Jahr mit vielen Umwälzungen wahrgenommen. Die Instabilität nimmt zu und ruft bei vielen Menschen Ängste hervor, was auch verständlich ist. Einige Dinge, von denen wir meinten, sie stünden fest, haben sich verändert.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel unsere europäische Kultur, auf die wir immer so stolz waren. Jetzt sehen wir: Unser Selbstbild gerät vor allem durch die Migration und die großen Flüchtlingsströme ins Wanken. Wir spüren, dass wir uns in Bezug auf diese Gegebenheiten in Europa öffnen müssen. Die Herausforderungen werden eher noch zunehmen.

Wie begegnen Sie in Taizé dieser Situation?
Wir wollen uns der Situation stellen und haben selbst einige Flüchtlingsfamilien aus Syrien und dem Irak aufgenommen – außerdem eine Gruppe Jugendlicher aus dem Sudan und Afghanistan und vor kurzem auch minderjährige Flüchtlinge aus Calais. Letztere sind durch die Erfahrungen der Flucht und auch durch die lange Zeit in diesem Elendsviertel in Nordfrankreich schwer traumatisiert. Das Leben unter solchen Umständen kann Menschen zugrunde richten.

Was ist vor diesem Hintergrund Ihre Botschaft für das noch junge Jahr 2017?
Wir brauchen tief reichende Wurzeln. Wir müssen uns fragen: Was ist mir wichtig im Leben? Was sind meine Prioritäten? Wohin gehöre ich? Diese Fragen sollen uns nicht dazu verleiten, uns auf uns selbst zurückzuziehen und Grenzen zu ziehen. Unsere Suche nach Tiefe und Geborgenheit droht manchmal in Abschottung und Nationalismus umzukippen. Aber dahinter verbirgt sich oft eine tiefe Sehnsucht, auf die wir antworten müssen. Dazu müssen wir innehalten und unseren Glauben vertiefen. Interview: Christoph Koitka

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