Im Gespräch

Mittwoch, 20. November 2019

Wir haben als Christen viel Potential

Abschied vom Katholikenkomitee: Langjähriger Generalsekretär zieht Bilanz

Stefan Vesper blickt auf Licht und Schatten zurück. Foto: kna

Nach 20 Jahren gibt Stefan Vesper (63) sein Amt als Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ab. Bei der ZdK-Vollversammlung am Wochenende wird er verabschiedet. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur zieht er Bilanz.

Herr Vesper, warum scheiden Sie schon jetzt aus dem Amt?
Als ich den Entschluss gefasst habe, war ja nicht zu erwarten, dass wir durch den Prozess zum Synodalen Weg so stark gefordert werden. Dass ich aufhöre, liegt ausschließlich an der langfristigen Personalplanung: Ich wollte vermeiden, dass mein Ruhestand mit dem Amtszeitwechsel des Präsidiums zusammenfällt. Mein Nachfolger soll außerdem ausreichend Zeit haben, den 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt zu planen.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten beeindruckt?
Ich bin dankbar, dass ich so viele beeindruckende Menschen kennengelernt habe, die sich auch aus ihrem Glauben heraus engagieren und für etwas brennen. Das reicht von Bundespräsidenten wie Johannes Rau oder Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel über die Kardinäle Lehmann und Marx, unsere ZdK-Präsidenten oder Politiker wie Wilfried Kretschmann oder Bernhard Vogel bis hin zu vielen Christen in Gemeinden und Verbänden. Wir sind als Christen immer noch eine wichtige gesellschaftliche Kraft und haben viel Potenzial – wenn wir uns nicht im Weg stehen und uns durch Fehler lähmen.

Und was schmerzt Sie im Rückblick am meisten?
Da ist natürlich der Missbrauchsskandal. Das ist eine Epochenwende, und es wird lange dauern, verloren gegangene Glaubwürdigkeit wieder zu erlangen. Aber mich ärgert auch, dass wir als Katholiken nicht eine stärkere Rolle beim Thema Ökologie und Bewahrung der Schöpfung spielen. Für mich ist das Teil des Lebensschutzes. Wir haben so viele Traditionen und Ausdrucksformen, mit denen wir bei diesem Thema anschlussfähig wären: Es gibt die Fastenzeit, es gibt den Konsumverzicht an Freitagen, den heiligen Franziskus und eine große Wertschätzung des einfachen Lebens.  Wir müssten das stärker bündeln.

Noch mal zurück zum Missbrauchsskandal. Auf welchem Stand ist die Kirche da?
Ich glaube, es ist bei vielen immer noch nicht richtig angekommen, wie stark unser Markenkern bedroht und das Vertrauen in die Kirche erschüttert ist. Das ist bis hin zu den überzeugten Katholiken fundamental. Das Priesterbild hat sich dramatisch verändert, die Distanz zu Liturgie und kirchlichen Ausdrucksformen ist gewachsen.

Und der Synodale Weg?
Er ist eine Riesenchance. Reformforderungen, mit denen wir Jahre lang immer wieder vor die Wand gelaufen sind, kommen jetzt in eine offene Diskussion auf Augenhöhe zwischen Bischöfen und Laien.

Aber ist nicht die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Weg im Frust endet, weil der Synodale Weg keine Durchschlagskraft hat?
Dieser Prozess darf nicht scheitern, sonst verlassen noch mehr Menschen die Kirche. Und es gibt Spielraum für Änderungen. Beispielsweise die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit. Natürlich wäre es auch ein Signal, wenn der Synodale Weg mit starker Stimme an Rom appellieren würde, den Diakonat der Frau einzuführen. Viel Handlungsspielraum gibt es auch bei der konkreten Gestaltung der Machtfrage in der Kirche.

Warum ist das so wichtig?
Weil es weithin zu wenig Wertschätzung für Laien gibt. Das reicht bis in die Gemeinden: Da engagieren sich gestandene Juristen, Ärzte oder Handwerker in den Kirchenvorständen – und letztlich entscheidet der Pfarrer mit einem Federstrich, ob sie mit ihren Anliegen durchkommen. Da entsteht viel Frust; es wird immer schwieriger, solche Menschen für kirchliches Engagement zu gewinnen. Das gilt natürlich besonders für die Frauen. Wenn sie nicht ernster genommen werden, gehen sie. Es gibt zwar Fortschritte – etwa, was Frauen in Führungspositionen in den Bistümern angeht. Aber das reicht nicht.


Neben acht Katholikentagen haben Sie auch zwei Ökumenische Kirchentage mitgetragen. Hat das die Ökumene nachhaltig vorangebracht?
Das wichtigste ist, dass es gelungen ist, viel Vertrauen zu den Verantwortlichen in den evangelischen und orthodoxen Kirchen aufzubauen. Wir haben uns sehr intensiv mit den Denktraditionen der anderen Kirchen befasst und dabei gelernt, dass manche Konflikte, mit denen wir uns heute befassen, Jahrhunderte alt sind. Zugleich lernt man auch neu, was die eigene Kirche ausmacht: unsere Einbindung in eine Weltkirche etwa, oder eine – trotz aller Konflikte – sehr starke Identifikation der Katholiken mit ihrer Kirche.

Und wie bewerten Sie die Zukunft des Laienkatholizismus in Deutschland angesichts sinkender Kirchenbindung?
Die Grundidee, sich gemeinsam für ein christliches Anliegen in der Gesellschaft zu engagieren, hat Zukunft. Verbänden wie dem Hildegardisverein oder dem BDKJ mit seiner 72-Stunden-Aktion ist es gelungen, sich zu modernisieren. Aber es sterben auch Verbände, weil ihre Anliegen oder Strukturen nicht mehr der Zeit entsprechen. Das ist eine normale Entwicklung.

Und was ist mit dem Einfluss des ZdK auf die Politik?
Wir haben zum Beispiel dazu beigetragen, dass die katholische Kirche die ethischen Debatten zu Sterbehilfe, Palliativmedizin, Organtransplantation oder Stammzellforschung beeinflussen konnte. Das sehe ich als Erfolg an. Gedanken muss sich das ZdK darüber machen, wie die Kontakte in die Parteien wieder gestärkt werden können. Die Verteidigung der Demokratie ist allen Einsatz wert.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Interview: Christoph Arens

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