Kirche und Welt

Mittwoch, 19. September 2018

Allgegenwärtig und beliebt

Vor 50 Jahren starb der italienische Volksheilige Pater Pio

Pater Pio ist in Italien allgegenwärtig, auf dem Petersplatz ebenso wie im kleinen Laden in Apulien. Foto: actionpress

Pater Pio ist der italienischste aller Heiligen. Auf der Apennin-Halbinsel allgegenwärtig, löst der Kapuziner im nördlichen Europa eher Stirnrunzeln aus. Vor 50 Jahren starb der Seelsorger, der zum Popstar wurde.

Er klebt hinter Windschutzscheiben und wackelt als Plastikfigürchen auf dem Armaturenbrett. Er hängt in Bars und Autowerkstätten: Padre Pio. Italiens beliebtester Heiliger starb am 23. September 1968. Padre Pio, als Francesco Forgione 1887 in Pietrelcina geboren, ist heute zumindest bildlich präsenter als der Nationalheilige Franz von Assisi. Doch während der Letztgenannte auch im übrigen Europa, teils weltweit, hoch angesehen ist, bleibt „Padre Pio“ der italienischste aller Heiligen. Als der Sarg mit dem einbalsamierten Leichnam Padre Pios von April 2008 bis September 2009 in der riesigen neuen Wallfahrtskirche zu besichtigen war, verwandelten 8,6 Millionen Menschen San Giovanni Rotondo in einen der meistbesuchten Wallfahrtsorte der Welt.

Was macht ihn so beliebt? Für ältere Italiener ist Pater Pio noch Zeitgenosse, keine Gestalt des fernen Mittelalters wie Franz von Assisi. Jüngere kennen ihn als Heiligen des Medienzeitalters. Neben den ungezählten Fotos erzählen Radiomitschnitte und Fernsehaufnahmen seine Heiligenvita, mit „Padre Pio TV“ gibt es einen eigenen Fernsehsender.

Padre Pio war ein Mann tiefer Frömmigkeit und Einfachheit. Zudem muss Pater Pio ein außergewöhnlicher Beichtvater gewesen sein. Hunderttausenden hat er Trost, Zuversicht und Hoffnung geschenkt. Zudem hatte Pater Pio offenbar die Gabe, ausweichend Beichtenden ihre nicht klar ausgesprochenen Sünden auf den Kopf zuzusagen. Das hinterlässt bleibenden Eindruck.

Pater Pios Beliebtheit und Aura beruhen aber auch auf den mysteriösen fünf Wundmalen Christi, die er am 20. September 1918 in Ekstase empfangen haben soll. Angeblich waren sie stets offen und blutig, weswegen er an den Händen Stulpen trug, damit die Leute nicht darauf starrten. Andererseits gibt es bis heute Stimmen, der Pater habe mit Chemikalien nachgeholfen.

Eine vatikanische Untersuchung kam in den 1930er Jahren zu dem Ergebnis, die Wundmale seien ein Fall von Autosuggestion. In der offiziellen Biografie, die zu seiner Heiligsprechung im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, werden die Stigmata nicht ausdrücklich erwähnt. Überhaupt blieben die Kirchenoberen in Rom dem Volksheiligen aus dem Süden gegenüber lange sehr reserviert.

Johannes XXIII. soll gesagt haben, der Ordensmann richte eine „enorme Verwüstung der Seelen“ an. Schon in den 1930er und noch einmal den 1960er Jahren wurde Pater Pio gemaßregelt. Er sollte seine Auftritte, zu denen Tausende kamen, einschränken. Seiner Popularität tat das keinen Abbruch – im Gegenteil. Die Massen kamen – bis kurz vor seinem Tod.

Als Papst Franziskus Mitte März den Geburtsort und die Wirkungsstätte des Volksheiligen, besuchte, war das auch eine Reverenz an die vom argentinischen Papst selbst geschätzte Volksfrömmigkeit. Auch Johannes Paul II., der ihn selig- und heiligsprach, verehrte den Kapuziner. Als junger Priester schon hatte Karol Wojtyla den Seelsorger im Süden besucht, seine Predigten gehört und selbst bei ihm gebeichtet. (kna)

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