Kirche und Welt

Mittwoch, 04. Dezember 2019

Begründer der „Politischen Theologie“

Johann Baptist Metz im Alter von 91 Jahren in Münster gestorben

Der Theologe Johann Baptist Metz bei einer Tagung 2012 in Mainz. Foto: KNA

Er zählte zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und hatte Einfluss auf die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die ihn ihrerseits prägte. Am Montag (2. Dezember) ist Johann Baptist Metz im Alter von 91 Jahren in Münster gestorben.

Sein Leben war geprägt von einem tragischen Ereignis: Als 16-Jähriger kehrte Metz am Ende des Zweiten Weltkriegs vom Bataillonsgefechtsstand zu seiner Kompanie zurück. Und dort fand er „nur noch Tote, lauter Tote“ – überrollt von einem Jagdbomber- und Panzerangriff. „Ich konnte ihnen allen, mit denen ich noch tags zuvor Kinderängste und Jungenlachen geteilt hatte, nur noch ins erloschene tote Antlitz sehen. Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei.“
Es war diese Erfahrung, die Metz bewegte und ihn nach Gott und Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer fragen ließ. Denn wie, so Metz, ist nach der Menschheitskatastrophe von Auschwitz überhaupt noch eine Rede von Gott, eine Theologie möglich? Seine eigene Gotteserfahrung beschrieb er als „Erfahrung des Leidens an Gott“, wie sie sich nicht zuletzt im Schrei Jesu am Kreuz verdichtet – „der Schrei jenes Gottverlassenen, der seinerseits seinen Gott nie verlassen hatte“.
Weil er die Opfer der Geschichte, die Ausgegrenzten und Wehrlosen, nicht vergessen wollte und konnte, entwickelte er eine „Neue Politische Theologie“. Neu deshalb, weil Carl Schmitt (1888 bis 1985) in der Weimarer Republik glaubte, den Totalitätsanspruch und das Führerdenken theologisch rechtfertigen zu können, und weil Metz sich davon absetzen wollte.
Wie wenige andere suchte er die Auseinandersetzung mit anderem Denken. Dazu zählte etwa das Gespräch mit dem Marxismus und den Vertretern der Frankfurter Schule um die Philosophen Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas, mit dem er befreundet war. Ohne Metz wäre es auch 2004 in München nicht zur Diskussion zwischen Habermas und dem damaligen Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, gekommen.
Der Oberpfälzer, der von 1963 bis 1993 Fundamentaltheologie in Münster lehrte und dort seinen Lebensabend verbrachte, trat immer für eine Spiritualität ein, die für fremdes Leid empfindsam ist. „Compassion“ hieß der Schlüsselbegriff. Von ihm ausgehend forderte Metz Korrekturen. Der Kirche hielt er vor, zu einseitig Sünde und Erlösung der Schuldigen in den Mittelpunkt gerückt zu haben: „Schließlich galt Jesu erster Blick nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen.“
Eine Mystik „der schmerzlich geöffneten Augen“ müsse nicht nur nahe Nächste, sondern auch „die fremden Anderen“ in den Blick nehmen, so Metz. Damit erinnerte er an Leidenden der Dritten Welt, die in Europa in eine „antlitzlose Ferne gerückt“ seien. Oder an die Muslime, denen nach dem 11. September 2001 mit Dialogbereitschaft und nicht mit Ängsten zu begegnen sei.
Immer wieder legte der Berater der Würzburger Synode der Bistümer (1971 bis 75) den Finger auch in kirchliche Wunden: Mit Blick auf das Thema Religionsfreiheit forderte Metz die Kirche auf, die historische Wahrheit nicht zu unterschlagen: Glaubens- und Gewissensfreiheit, die die Kirche heute für sich und andere reklamiere, seien nicht durch sie, sondern gegen sie erstritten worden – vor allem von der Reformation und der Aufklärung.
Bei aller Intellektualität blieb Metz immer Priester und Seelsorger. Die „Kultur der Empfindsamkeit“ war für ihn keine wissenschaftliche Attitüde, sondern Realität seines Lebens. Heftig kritisierte er die „monströsen Großraumpfarreien“ und warb für Gemeinden, die „lernbereite Erzählgemeinschaften“ bilden – und zwar „Jenseits bürgerlicher Religion“, wie eines seiner Bücher heißt.
Den Leitungsstil und die Grundanliegen des Papstes aus Argentinien sah er positiv. Aber Metz wäre nicht Metz gewesen, wenn er es bei einer Lobhudelei auf Franziskus belassen hätte. Vielmehr sagte er: Die Rede von den Armen allein genüge nicht; sie könne erst universal gelten und auch Nicht-Glaubende verpflichten, wenn sie „auf die Leidenden ausgeweitet“ werde.

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