Kirche und Welt

Mittwoch, 09. Oktober 2019

Papst Franziskus schwört die Amazonas-Synode auf Veränderungen ein

Erwartungen an die Sondersynode im Vatikan sind hoch, und die Themen vielfältig: Umweltzerstörung, soziale Probleme, seelsorgliche Herausforderungen

In einer Prozession ziehen Vertreterinnen und Vertreter indigener Völker mit Papst Franziskus aus dem Petersdom aus und gehen gemeinsam zur Synoden-Aula. Foto: KNA

Mit einem Plädoyer an die Bischöfe hat Papst Franziskus am Sonntag (6. Oktober) die Sondersynode für das Amazonasgebiet eröffnet. Drei Wochen lang beraten die Hirten aus Südamerika gemeinsam mit Ordensleuten, Indigenen-Vertretern und Experten über Reformen des kirchlichen Lebens, aber auch über Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen in der ressourcenreichen Region. Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro und andere Verfechter industrieller Interessen betrachten das Treffen als Einmischung; kircheninterne Kritiker fürchten eine Preisgabe von Glaubensinhalten.
Bei der Eröffnungsmesse im Petersdom machte der Papst deutlich, dass er Veränderungen erwartet. Wenn alles so bleibe wie bisher, werde die eigentliche Berufung der Kirche „unter der Asche der Ängste und der Sorge erstickt, den Status quo zu verteidigen“. Die Kirche dürfe sich „keinesfalls auf eine Pastoral der Aufrechterhaltung beschränken“ – ein Zitat Benedikts XVI., das wohl Kritikern des amtierenden Papstes ein wenig Wind aus den Segeln nehmen sollte. Franziskus wörtlich: „Jesus ist nicht gekommen, um die Abendbrise, sondern um das Feuer auf die Erde zu bringen.“
Die Dringlichkeit der Anliegen, denen sich die Synode widmen will, wird aus dem zweiten und zentralen Teil ihres Arbeitsdokuments deutlich. Unter dem Titel „Ganzheitliche Ökologie: Der Schrei der Erde und der Armen“ geht es um Themen wie Raubbau durch Großkonzerne, die Bedrohung indigener Völker, Neokolonialismus und Zwangsmigration.
Indigenen-Vertreter wie Adriano Karipuna erwarten Rückhalt von der katholischen Kirche.
Im Vorfeld der Synode beklagte der junge Stammes-Chef eine systematische Missachtung der Mitbestimmungsrechte und den Entzug der Lebensgrundlage von Indigenen durch Brandrodung, vergiftete Flüsse und Landraub. Der Großteil der Exporte von Rohstoffen, aber auch von Soja und Rindfleisch im brasilianischen Amazonasgebiet geschehe „unter Ausbeutung der Völker, die dort leben“. Widerstand hat seinen Preis: „Viele Häuptlinge wurden schon getötet“, so Karipuna.

An der Seite der Armen

Franziskus hatte am Sonntag etliche Diplomaten der Amazonas-Staaten vor sich im Petersdom, als er erklärte, dass er den Platz der Kirche an der Seite der Armen sieht. Viele Menschen im Amazonasgebiet trügen schwere Kreuze und hofften auf den „befreienden Trost des Evangeliums“. Mit jenen, „die jetzt ihr Leben opfern“, wolle die Kirche gemeinsam gehen.

Kontroverse Debatten zu erwarten

Angesichts solcher sozialer Akzente sehen manche die Befreiungstheologie wiedererstehen. Tatsächlich nimmt das Synodenprogramm entsprechende Fäden wieder auf, nicht zuletzt mit der „Option für die Armen“. Der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Michael Heinz, rechnet mit einer kontroversen Debatte. Unter den lateinamerikanischen Bischöfen seien die Ansichten ebenso verschieden wie in Europa, sagte er im Vorfeld; konservative Kräfte würden während der Synode „bremsen“.
Besonders heikel wird die Frage sein, wie die Kirche in Amazonien den vom Papst gewünschten „missionarischen Schwung“ entfalten kann. Zur Debatte stehen alternative Formen von Gemeindeleitung in den oft entlegenen Gebieten, eine Übertragung priesterlicher Aufgaben an Familienväter sowie neue Ämter für Frauen. Für konservative Katholiken ein Rotes Tuch.
Auf ähnliche Skepsis stößt auch die Öffnung gegenüber indigenen Traditionen. In seiner Predigt bekannte der Papst Verfehlungen früherer Missionsmodelle: Oft sei die Frohe Botschaft „nicht angeboten, sondern aufgezwängt worden“. Am Freitag nahm er an einem Schöpfungsgebet mit indigenen Riten und Gesängen lateinamerikanischer Katholiken in den vatikanischen Gärten teil. Europäische Glaubensbrüder wittern da-
rin einen Einbruch des Heidnischen in die Kirche.

Demut im Umgang mit Indigenen

Im Eröffnungsgottesdienst, der zu Teilen auf Latein und ohne wesentliche Präsenz von Indigenen stattfand, appellierte Franziskus an die Bischöfe, sich „in Feinfühligkeit für die Neuheit des Geistes zu entscheiden“. Die Gottesdienstgemeinde rief die Heiligen um Beistand an. Unterdessen veranstalteten konservative Katholiken um US-Kardinal Raymond Leo Burke (71) einen „Gebetskreuzzug“, um die Synode von Häresien abzuhalten. Gebet gegen Gebet.
Papst Franziskus mahnte am Montag (7. Oktober) zu Beginn der Beratungen mehr Demut im Umgang mit indigenen Kulturen an. „Wir betrachten die Realität Amazoniens ... auf Zehenspitzen, um die Geschichte, die Kulturen, den Lebensstil der Völker im Amazonasgebiet zu respektieren“, sagte er in seiner Eröffnungsansprache. Es sei wichtig, auf unternehmerischen Eifer und das Durchsetzen vorgefertigter Konzepte zu verzichten. Wenn die Kirche vergesse, wie sie sich einem Volk zu nähern habe, dann misslinge die Inkulturation.
Scherzhafte Kommentare über einen Indio, der bei der Eröffnungsmesse im Petersdom mit traditionellem Federschmuck zum Altar gekommen war, hätten ihn traurig gemacht, so der Papst. „Wo ist der Unterschied zwischen Federkopfschmuck und einem Birett, das einige Amtsträger unserer vatikanischen Behörden tragen?“, fragte er.

Zölibat und Amt für Frauen

Der Generalrelator der Synode, Kardinal Claudio Hummes, nannte das Verhältnis der Kirche zu den Indigenen und den Schutz des Regenwalds als zentrale Themen. Die Kirche dürfe „keine Angst vor dem Neuen haben“. Unter anderem verwies er in seinem Eröffnungsvortrag auf Bitten von Indigenen um die Priesterweihe verheirateter Männer und um ein eigenes Amt für Frauen in der Gemeindeleitung.
Die Kirche dürfe nicht in Selbstbezüglichkeit steckenbleiben, sondern müsse den „Schrei der Armen und der Erde“ hören. Das Treffen finde vor dem Hintergrund einer „schweren und drängenden Klima- und Umweltkrise“ von globalen Ausmaßen statt, so der brasilianische Kardinal. Ausdrücklich bekannte er sich zu einer „Option für die Armen“ und sprach sich für eine Kirche mit „amazonischem Gesicht“ und synodalen Zügen sowie für Interkulturalität aus.

573 Tonnen Kohlendioxid

Der Vatikan will auch ein Zeichen für Umweltschutz setzen. Synoden-Generalsekretär Kardinal Lorenzo Baldisseri warb am Montag für eine Kompensation der rund 573 Tonnen Kohlendioxid, die im Zusammenhang mit der Amazonas-Synode laut vatikanischen Berechnungen anfallen; gut 438 Tonnen gehen demnach auf das Konto der Flugreisen. Um dies auszugleichen, sollten für 10 000 Euro rund 50 Hektar des Amazonasbeckens begrünt werden, schlug Kardinal Baldisseri vor.

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