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Kirche und Welt

Mittwoch, 24. Februar 2021

Schimpft mit Gott!

Warum es uns in der Corona-Krise guttun würde, auch mal laut und emotional zu klagen

Alles muss raus. Wir dürfen in all dem Corona-Frust ruhig schreien. Oder auf den Tisch schlagen. Oder mit dem Fuß aufstampfen. Das hilft. (Foto: istockphoto/skynesher)

Die Pandemie schlägt vielen schwer aufs Gemüt. Sie macht traurig, wütend, verzweifelt – und will kein Ende nehmen. Was tun? Der Frankfurter Kapuzinermönch Paulus Terwitte rät, wir sollten unseren Frust vor Gott bringen. Überall Corona! Und immer diese schlechten Nachrichten! Die Impfkampagne zieht sich, die Todeszahlen steigen, die Mutationen drohen die Lage zu verschärfen. Alte sind einsam, Schüler werden nach monatelangen Schulschließungen depressiv, Geschäftsleute fürchten die Insolvenz. Diese Pandemie gibt wahrlich Grund zu klagen – und Gott all das Übel vor die Füße zu werfen. Warum tun wir das nicht? Bruder Paulus Terwitte, Kapuzinermönch aus dem Kloster Liebfrauen in Frankfurt, glaubt, dass wir Christen das Klagen verlernt haben. Religion, sagt er, werde zu oft mit einem Gefühl von Harmonie verbunden. Gottesdienste sollten schön sein und zu innerer Ruhe verhelfen, Gott solle uns streicheln. Jetzt jedoch ist unser Leben ziemlich unharmonisch und unschön. Bruder Paulus sagt, genau das sollten wir aussprechen, laut und deutlich: „Wir dürfen auch mal mit Gott schimpfen.“ „Was ist das hier für ein Mist?“ Zum Beispiel zu Hause. Wir dürfen an die Wand hauen, auf den Tisch schlagen, mit dem Fuß aufstampfen. Wir dürfen seufzen, weinen, schreien. Oder das Kreuz in die Hand nehmen, es schütteln und rufen: „Gott, wo bist du denn jetzt? Was ist das hier für ein Mist?“ Aber so emotional zu klagen und mit Gott zu hadern, das trauen wir uns kaum. Bruder Paulus ermuntert: „Das ist erlaubt!“ Denn Klagen tut gut. Es ist, sagt er, „ein Ausweg, durch den all der innere Druck entweichen kann, der uns das Leben so schwermacht“. Es hilft uns, nicht mehr nur um uns selbst zu kreisen. Und es stärkt unseren Glauben. Es zeigt, dass wir Gott ernst nehmen. Bruder Paulus sagt: „Je mehr ich klage, dass Gott mich nicht hört, umso mehr bekenne ich ja, dass ich glaube, dass er mich hören müsste.“ In der Kirche, findet der Kapuziner, wird die Klage zu oft gedämpft. Bei Beerdigungen erklingen sanfte, tröstende Lieder. In Gemeinden ist das Psalmenbeten in Vergessenheit geraten. Emotional wird’s nur bei den Halleluja-Rufen an Ostern – aber kaum mal bei einem Klagegebet. Das klingt meist kraftlos. Bruder Paulus wünscht sich, dass die Gemeinden Litaneien neu entdecken und „richtig mit Schmackes“ beten: „Von allem Übel erlöse uns, o Herr!“ Und er hoff t, dass neue Psalmen entstehen, die zur Pandemie passen: „Ich fordere die Dichter unter uns Christinnen und Christen auf: Schenkt uns, wenn wir nicht singen dürfen, neue Corona-Klagegebete!“ Jesus kann beim Klagen unser Vorbild sein. Er war ja nicht nur friedliebend und brav. Er hat Tische umgestoßen und Menschen als „Schlangenbrut“ und „Heuchler“ beschimpft. Vor seinem Tod hat er gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Natürlich verschwindet, wenn wir unsere Corona-Klagen vor Gott bringen, nicht jedes Problem. Aber das Klagen kann etwas ändern. Es kann uns in Bewegung bringen und nach Wegen aus dem Leid suchen lassen. „Am Ende“, da ist Bruder Paulus sicher, „wird die Klage sich in ein Halleluja verwandeln. Und zwar schon, weil Jesus alles durchgeklagt hat. In allem Leid der Welt ist Christus mit seinem Leiden gegenwärtig und führt uns zur Auferstehung. Wir leiden und wir klagen ihm hinterher.“

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