Kirche und Welt

Freitag, 12. Juli 2019

Franziskus mahnt zur Einheit der Weltkirche

Katholisches Kirchenoberhaupt meldet sich in der Reformdebatte der Kirche in Deutschland zu Wort

Papst Franziskus ermutigt zum synodalen Prozess, warnt aber auch davor, die katholische Kirche als Ganzes aus dem Blick zu verlieren. Foto: actionpress

Papst Franziskus hat sich in einem am 29. Juni veröffentlichten Brief persönlich in der Reformdebatte in der katholischen Kirche in Deutschland zu Wort gemeldet. Der Papst lobt das Engagement und die Reformanstrengungen der deutschen Katholiken. Zugleich mahnt er die Einheit mit der Weltkirche an und betont, Leitkriterium der Erneuerung müsse die Evangelisierung sein.

In dem 28-seitigen Schreiben „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ ermutigt Franziskus zum geplanten synodalen Prozess, warnt jedoch davor, die Kirche dabei als eine Organisation zu verstehen, die allein über Strukturdebatten, eine bessere Verwaltung und einen perfekten Apparat verändert werden könnte. Auf konkrete Streitfragen (Priesterweihe für „viri probati“/Rolle der Frau) geht er nicht ein. Nicht eine Anpassung an den Zeitgeist, Umfragen und Medien dürften den Reformprozess bestimmen, betont der Papst. Notwendig sei es, „einen gemeinsamen Weg unter Führung des Heiligen Geistes“ zu beschreiten. „Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche.“

Papstbrief: Zeichen der Ermutigung

Zum Verhältnis zwischen deutscher Kirche und Gesamtkirche sowie mit Blick auf den von den Bischöfen eingeleiteten „verbindlichen synodalen Weg“ unterstreicht Franziskus, Teilkirchen und Weltkirche seien aufeinander angewiesen. Das bedeute aber nicht, dass man nicht voranschreiten, ändern oder debattieren könnte. Wichtig sei jedoch die Perspektive, Teil eines Ganzen zu sein und die Einheit zu wahren. Der Blick auf das Ganze könne verhindern, dass man sich in begrenzten Fragestellungen verirre und den Weitblick verliere.

Den Papstbrief verstehen Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), und Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), als „Zeichen der Wertschätzung des kirchlichen Lebens“ in Deutschland. Auf der Basis dieser Orientierung und Ermutigung wolle man den angestoßenen Prozess weitergehen, betonten beide in einer gemeinsamen Reaktion. Franziskus wolle die Kirche in Deutschland in ihrer Suche nach einer zukunftsfähigen Gestalt unterstützen. Voraussetzung für das Gelingen des „synodalen Wegs“ sei auch eine „geistliche Ausrichtung, die sich nicht in Strukturdebatten erschöpfen“ dürfe.

Bischöfe fühlen sich bestätigt

Erste Reaktionen von Bischöfen lassen erkennen, dass sie ihre Positionen durch das Papstschreiben bestätigt sehen, die Debatte aber – zumindest öffentlich – nicht zuspitzen wollen. Der Papst beschönige nichts und lege Wert auf den Vorrang der Evangelisierung, betont etwa Kardinal Rainer Maria Woelki (Köln). Franziskus ermutige dazu, den „synodalen Prozess“ gemeinsam zu gehen und „auch Auseinandersetzungen nicht zu scheuen“, konstatiert Bischof Felix Genn (Münster). In Regensburg erklärt Generalvikar Michael Fuchs: „Eigentlich drängt der Brief auf eine komplette Neufassung eines synodalen Prozesses, der auf Evangelisierung und geistliche Erneuerung ausgerichtet sein soll.“ Für Bischof Stephan Ackermann (Trier) zeigt das Schreiben, wie sehr sich Franziskus eine „synodale Kirche“ wünsche; er gebe wichtige Hinweise für das Gelingen eines kirchlichen Miteinanders.

Wertschätzung und Ermutigung erkennen auch Bischof Georg Bätzing (Limburg) und die Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai. Die nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie aufgekommene Empörung, Wut und Unruhe und die seitdem ins Zentrum der Diskussion gerückten Themen habe Franziskus zum Anlass genommen, dieses „starke Zeichen der persönlichen Solidarität und Verbundenheit zu geben“. Für Erzbischof Stefan Heße (Hamburg) „ist es richtig, diesen Prozess zu beginnen“. Der Papst erkenne die synodale Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen als berechtigt an. Von einer „heilsamen Herausforderung“ spricht Bischof Michael Gerber (Fulda). Franziskus ermutige dazu, dem „Wehen des Heiligen Geistes“ zu vertrauen. Die Kirche müsse Weggemeinschaft erfahrbar machen als „gemeinsames Ringen – längst nicht immer spannungsfrei, durchaus von unterschiedlichen Polen geprägt, jedoch gespeist aus einer Mentalität, die uns bewusst macht, wir sind gemeinsam unterwegs“.

Von einer „hilfreichen Orientierung“ zur Vertiefung des „synodalen Wegs“ spricht Bischof Helmut Dieser (Aachen). Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück) betont, der Dialog müsse für alle Ebenen der Kirche offen sein und dürfe sich nicht auf „unser Land oder Bistum beschränken“. Das biete die Chance, drängende Fragen anzusprechen, um Antworten zu ringen und neue Schritte zu wagen. „Machen wir uns auf der Basis des Evangeliums gemeinsam auf den synodalen Weg, ohne dabei die Einheit mit der Weltkirche aus dem Blick zu verlieren“, fühlt sich Bischof Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) bestätigt. Bischof Franz Jung (Würzburg) verweist auf die „Mahnung, nicht den Selbsterhalt an die erste Stelle zu setzen, sondern die Treue zum Evangelium und zu seiner Dynamik“.

Frauenfragen zu wenig im Blick

Im „verbindlichen synodalen Weg“ sieht die Bewegung „Wir sind Kirche“ die „einzige und vielleicht letzte Möglichkeit“, die existenzielle Kirchenkrise zu überwinden. Erforderlich sei ein transparenter Dialog ohne Vorbedingungen mit dem ZdK und weiteren Mitgliedern des Kirchenvolks. Es müsse „konkrete und verbindliche Beschlüsse“ geben, die auch Relevanz für die Weltkirche haben sollten.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) hält dem Papst vor, die Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Kirche zu wenig im Blick zu haben und zu wenig auf die Fragen von Frauen einzugehen. Für den Theologen Thomas Söding (Bochum) ist dieser nicht von Verboten bestimmte Brief wichtig, da „der Papst darin den synodalen Weg anerkennt“. Sicher werde versucht werden, diesen Brief so zu lesen, als ob Franziskus vor allem betone, was die deutschen Katholiken alles nicht dürften. Söding: „Der Papst muss die Einheit der Kirche wahren. Aber die Einheit ist nicht starr, sondern lebendig und vielfältig.“

(Albert Steuer, kna)

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