Kirche und Welt

Donnerstag, 08. November 2018

Herausforderung für US-Katholiken

Aus Not und Angst vor Gewalt verlassen immer mehr Menschen Lateinamerika

Auch viele Mütter mit ihren Kindern haben sich auf den anstrengenden und gefährlichen Weg in Richtung USA gemacht. Dass sie einreisen dürfen, ist eher unwahrscheinlich. US-Präsident Trump hat Truppen an der Grenze zu Mexiko stationieren lassen. Foto: actionpress

Sie kommen in Flipflops aus Mittelamerika und wollen zu Fuß in die USA. Der Exodus aus Zentralamerika rückte im Zusammenhang mit den Zwischenwahlen zum Kongress ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Donald Trump nennt den Zug der Flüchtlinge aus Mittelamerika eine „Karawane“, katholische Sozialethiker wie Arturo J. Banuelas sprechen lieber von einer „Menschenrechtsbewegung“. Der Geistliche aus der Grenzstadt El Paso in Texas sieht den Treck der Verzweifelten aus Mittelamerika, der im Schneckentempo durch Mexiko gen Norden zieht, als „eine Herausforderung für alle, ihre ideologischen Komfortzonen zu verlassen.“

Diese Sicht prallt direkt mit der des Präsidenten zusammen, der das Problem im Wahlkampf zu einem nationalen Notstand stilisiert und bis zu 15 000 Soldaten an die Grenze schicken will. Mehr als in den Kampf gegen den IS-Terrorismus – und das zu einem geschätzten Preis von mindestens 200 Millionen US-Dollar.

Trump warnt vor „Horden“
Trump warnt vor „Horden“, die eine Invasion planten, darunter wohl auch Kriminelle und Terroristen. Tatsächlich handelt es sich überwiegend um Menschen, die vor Gewalt in ihrer Heimat fliehen. Junge Väter und Mütter, Kinder und wer immer sonst den gemeinsamen Marsch durchzustehen vermag.

„Wir haben Sonnenbrand und Blasen an den Füßen, aber es bis hierher geschafft“, gibt sich Britany Hernandez gegenüber einem Fernsehreporter hoffnungsvoll. Sie treibt dasselbe Sehnsuchtsziel an wie Tausende andere, die sich in Turnschuhen und Flipflops durch Mexiko auf den Weg gen Norden gemacht haben. Sie wollen in die USA – trotz Trump und ungeachtet dessen Drohungen.

Wo bleibt die Nästenliebe?
Die Worte des Präsidenten bringen seine katholischen Anhänger in Gewissensnot. Predigt ihre Kirche doch nicht das Recht des Stärkeren, sondern tätige Nächstenliebe. „Wenn das Haus meines Nachbarn brennt, kann ich nicht sagen, das sei nicht mein Problem“, betont der Theologe Allan Figuero Deck von der Loyola Marymount University in Los Angeles. „Wir müssen wirklich verstehen, was wir meinen, wenn wir sagen, dass die Kirche ‚katholisch‘ ist.“ Zu einem humanen Umgang mit den Flüchtlingen gebe es keine Alternative.

Der Moraltheologe an der Georgetown University, David Hollenbach, pflichtet ihm bei. „Die Würde des Menschen ist die Grundlage der katholischen Soziallehre.“ Man könne nicht einfach sagen, es seien nur die Amerikaner, die Menschenwürde und Schutz verdienten.

So sehen es auch die US-Bischöfe. Vor Krieg und Armut zu fliehen, sei ein Menschenrecht, um Familien am Leben zu erhalten. Auch wenn die katholische Soziallehre das Recht auf Privateigentum verteidige, bedeute dies nicht, dass „der Einzelne das Recht habe, Privateigentum ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl zu nutzen“.

Flucht aus „Elendsdreieck“
In einem gemeinsamen Hirtenbrief mexikanischer und amerikanischer Bischöfe steht sogar die Verpflichtung wirtschaftlich reicherer Nationen festgeschrieben, Flüchtlinge aufzunehmen. Doch Trump will nicht nur Tür und Tor für Verfolgte zumachen. Er drohte indirekt sogar damit, seine Soldaten notfalls schießen zu lassen, wenn frustrierte Flüchtlinge Steine werfen – auch wenn er diese Aussage später wieder relativierte.

Den Regierungen der Herkunftsländer der Flüchtlinge droht Trump obendrein mit der Kürzung von Entwicklungshilfe. Die Mehrzahl der Flüchtlinge – nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 7 000 – fliehen aus dem sogenannten „Elendsdreieck“ El Salvador, Guatemala und vor allem aus Honduras.

Das Recht auf sichere Grenzen kollidiert mit dem Recht auf Migration. Dabei sei es wenig hilfreich, wenn Angst selbst vor der Ankunft kleiner Kinder geschürt wird, die problemlos in die Gesellschaft zu integrieren wären. Während Hetze und Hysterie nach den Zwischenwahlen am 6. November nachlassen dürften, bleibt das Problem der Massenflucht. Nach Angaben der US-Regierung versuchten allein 2017 mehr als 225 000 Menschen aus Mittelamerika in die USA einzureisen – mehr ein Exodus als eine „Karawane“. (red)

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